Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1856-1857)
- Issue
- 63 (1857)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 251 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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251 standen, im Hintergründe waren einige Breftrv rrschläge, und auf einem Gestell zur Seile lag ein Fäßchen mit Ale. «Gebt unS Jedem ein Pint Ale, Mirjam t‘ sagte Barney. der |14 ans eine Bank gesetzt hatt^. Mirjam ging zu dem Faß; ihr Kind war auf einen lgrißen zerrissenen Lehnstuhl gekrochen, der am Kamine! stc nd. und das jüngere Weib mit dem Kinde an der Ärust, halte sich aus die Schwelle der Stubenthür gesetzt. „Wohl bekomm's!" sagte Mirjam, indes» sie unS zwei zinnerne Kannen mir trübem, sauer riest en)em Ale auf dcn'Lisch setzte. Mr. Barnen trank vor )cm Äle — in der Thal! eS gehörte die ganze Rem ni ^cenz an seine achtundvierzigjährige Pergangendeu^ und eir starker Magen dazu, von diefepr Ale zu trinken. schauderte vor dem bloßen Gedanken. > „Dort auf dem Lehnstuhl, wo Euer Kinh l egt, hat sonst immer der alte Jtzig gesessen. Lebt I er noch?" fragte Mr. Barney. .Der alte Jtzig steht bald wieder aus," ei wieherte Mirjam. ,,Er ist seit siebzehn Jahren tobt!— Frieden über ihm! .Siebenzehn Jahre todt^." wiederholte Mr. Barney. „Siebenzehn Jahre . . Dann ist eS schon, lange. daß ich hier zum letzten Male war. Als ich hier zun letzten Male war, da lebte der alte Jtzig noch. Ja, sa. — die Zeit vergeht! — Wer hat die Wirthschaft jetzt 1* ..Ich habe sie. Sir", erwiederte Mirjam. Dmn lief sie nach dem Lehnstuhl und riß daS Kind herunter. „Wirst Du mir den Lehnstuhl noch mehr seririßen?" schrie sie und prügelte daS Kind; und als eS^ a> fing zu kreischen, schleppte sie eS hinaus und zeterte atzf I er Flur mit ihm herum. Mir wäre eS höchst erwünscht < ewesen, wenn wir jetzt gegangen wären. Aber Mt. Barney machte noch keine Miene dazu; er setzte sich g^nz behaglich zurecht.; „Ja, ja — die Zeit vergeht!" sagte er, „Sehen Sie, lieber Landsmann, eS sind , jetzt achtundvierzig hdtf, daß ich arm. verlassen, hungrig und elend in dicS^HruS, in dies Zimmer kam. Ich war damals ein Knane von ungefähr sechzehn Jahren. Ach-, eS ist eine recht raurige Geschichte, die Geschichte jener Tage, und eö mäht mich I immer traurig, wenn ich daran denke, noch jetzt. Sehen i Sic. ich bin in einer Stadt dcS nördlichen Dful chlandS; geboren und habe meinen Pater verloren, dst ich kaum j zwölf Jahre alt war. Ich war der Aelteste vor sieben , Geschwistern und wir alle sieben lagen eifler stvu rer zur > Last, die ohne die Mittel war. uns und sich ztt ernähren. Ach, die gute, treue, liebe Mutter. — Friede^ inet sie! Sie begann einen Kramhandel, sie war rastloS!thi lig, -sie schleppte sich und ihre Familie so durch, mehrhmch daS. waS sie von ihren Kunden geschenkt bekam, all durch daS. was sie von ihnen verdient batte. Aber! eS wollte so nickt mehr gehen, und meine Mutter verhei^atl ete sich wieder. Da begannen schlimme Zeiten für sie und für unS, schlimmer akS die vorhergehenden. Sie wisse nhwol, ein Stiefvater pflegt kein guter Pater zu sein. Ut alter ich ward, je mehr drückte mich'S; erbärmlich genu; ging'S unS noch immer und ich sah keine Hülfe. Die ikriegSzeiten waren dem städtischen Handel und Wajndfl nicht hold. Napolcon's Heere hatten Deutschland! überzogen und auSgezogen. . . Verdienst. Glück und Ehre war nur in der Ferne zu.suchen. Da sagte ich eines TageS zu meiner Mutter: „Mutter, ick will! Ich will in die Fremde; ich ivill seben, daß ich Etwaverdiene — hier kann ick Euch Nichts bclien; vielleicht gelingt mir'S draußen." Meine Mutier weinte, da ich so sprach. Aber sie drückte mich an ibt; und widersprach mir nicht. Ach. mein lieber, junges Freund. eS ist herb, wenn eine Mutter zu ihrem Sohne Nickt sagen kann: „bleib!" wenn er in die weite, fveite Welt ziehen will! Sie sagtL, nicht: „bleib!" — und der Stiefvater sagte eS auch nicht. Sie richtete mir in der-Stille und heimlich einige Kl«^ dungSstücke zu; — sie rNlbm. waS sie fick bei Pfennigen gespart batte, und trug eS zum Wechsler und da dazu« mal in meinem Lande' englisches Geld courstrte, so lauschte sie ein englisches Goldstück dafür ein. Sie, nähre eS mir in jenes Leinenruch, dhs mit den Fäden deS Gesetzes '»ftfetKn den Juden unter dem Namen „Arba-KÄfauS" heilig ist und von ihnen unter allem Zeug auf der nackten Brust getragen wird. Sehen. Sie. zuck Andenken an meine gute, tobte Mutter J— Frieden über sie! — trag ich noch immer eins, d!em ähnlich, das ste mir damals vor achtundvierzig Jahren am Atzend vor meinem Weggange ouS dem elterlichen Hause auf die Brust gehängt hat. „Ich habe ein Goldstück hineingenäht. David lieb", sagte sie; „Gottes Segen soll mit dem Goldstück sein; denke Dir, so lange Du'S noch hast, daß Du nicht ganz verlassen bist, und nimm eS nicht eher heraus, att bis Du glaubst, daß Du eS heraus nebmen mußt." Dann küßte sie mich und am andern Morgen ging ich h^weg. .<$»«>'«tun« f»l|t.> Kriefe>uS uttb nach de^ Heimath. ■'-I vi. (3<blrij.) Eine Beobachtung will ich Ihnen jedoch nicht vorenthalten. die ich zu machen oft genug Gelegenheit hatte. ES ist dies, daß man die meiste Gesinnungstüchtigkeit nur noch in der Regel bei den Juden auS. Mittlern Gemeinden findet. Während der Jude in kleinern Gemeinden und Orten zu leicht und zu. sehr Bauer wird, gehört die Mehrzahl unsrer Glaubensgenossen auS den großen Städten zur blasirren Menscheizrlalsse. DaS Gewühl deS Lebens^ wie eS in jenen großen Kratern der Menschheit untuhig' gährt und kocht, die zahllosen Zerstreuungen, der Prunk und Schein, für den ma>i lebt,, die verkünstelte Bildung, und dazu das wüste materielle Leben, m welches alles Streben und Wirken aufgeht, diese sind eS. die den Ernst und die Würde untergraben, die daS innerliche Leben verhindern . und einen äußeren Firniß an die Stelle deS» Charakters setzen.. Nicht so .in den Mittlern Städte» und Gemeinden. Auch hier stockt daS Leben nicht, und findet kräftigen Anstoß zur Bewegung genug. Aber die Umgebung ist^eiofach, die Gesellschaft bescheiden, daS Familienleben kräftig, und uriter der Einwirkung dieser Impulse bildet sich GesinnungStüchtigkeit und Charakter au». DaS Dedürfniß nach geistiger Erreg»»- und Befriedigung