Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1856-1857)
- Issue
- 63 (1857)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 250 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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250 c». tol'cn Pulien — über Venen jrtzr schon die Gaslichter brannten —■ arbeiteten, rechneten, schrieben. Aul Ende res Saales war eine kleine Treppe, die in ein oberes Stockwerk führte. Hier saß rechts in einem Zimmer der sogen, fir^t Clerk, v. b. ber Geschäftssübrer „ und links war?as Privatzimmer des Mr. Barnen. An den-Wanden ding eine ungeheure große Specialkarte sämmtlicher großbritannischer Eisenbahnen, daun eine Karte veS britilchen Reicks und aller seiner Kolonien, eine SchifffahrtSkarte der ostinvischen Sec. eit: riesiger Psan von London und das MiniarurbitV 'einer alten Dame mit ehrwürdig freundlichem" Gesicht und einer hoben Dandhaube nach .der Rode vom Anfänge dieses Jahrhunderts. Mr. Barnen lag aus einem Sopha von rolhem Leder; als ich eintrat, stand er auf und bewillkommnete mich herzlich. Er bemerkte, daß ich immer nach dem Miniaturbikde mit der hoben Bandhaube sah. ,DaS ist meine gute Mutter — Frieden über sie!" sagte er. „Vor zwanzig Jahren habe ich sie.zum letzten Male gesehen und hör 18 Jahren ist sie gestorben." Mr. Barnev nahm darauf seinen Hut, setzte ihn auf baS rechte Ohr, steckte seine beiden Hände in die Hosentaschen und sagte: „9hm können wir gehen; ich stehe -zu Ihrem Befehl." Wir gingen! zuerst Lombardstreet hinunter, Cockspurstreet hinunter nach Fleetstreet und bogen dann in eine schmutzige, enge Straß«, auS der uns sogleich <ih dumpfer, schlechter Geruch entgegenschlug. Je weiter wir gingen, um> desto mehr rußige Hauser, Schmutz. Gewühl, Gestank. „Wo sind wir?" kragte ich, indem ick mir die Nase zubielt und mit dem Stocke jeden Fußbreit Erde untersuchte, auf den ick treten wollte. Mr. Barney nahm die eine Hand aus feiner Hosenrasche und zeigte an die Ecke eines Hausehinauf. - Da las ich auf einem schwarzen Schilde mit weißen Buchstaben: „Lld-Jewry" —Alte Jüderei — wir waren im Londoner Judenviertel .... Mir ward unter diesen alten Bekannten, die in RußlMv und in Italien dieselben geblieben sind, und die ich in London nicht anders fand, als ich sie in Pakts geseben babe, gar wunderlich zu Murhe! Ach, diese Armen, die in den Judenvierteln zurückgeblieben sind, haben etwas unsäglich Rührendes, und etwas unsäglich Widerliches, selbst für ihre Freunde.— Lumpen vor der Tbüre, dunkele Augen und Gesichter mit gebe, genen Nasen, schwangere Frauen auf dem zehnten. Schritt und Kinder in allen Winkeln und auf allen Kehrichthaufen — Geschrei und zwischendurch Gesang zum Harfenspiel. und das Alles in engen düstern Gaffen Und vor zerfallenen Häusern aus lang vergangenen Jahrhunderten — das ist das Morgenland in London! —ES war Freitag und darum ganz besonderlebhaft-in den Gäßchen. Denn die Leute verprovianrirten auf den Sonnabend. Da waren zehn. zwölf Buden mit gebackenen und mit roben Fischen — ach, und die einen waren in ranzigem Oel gebacken und die Halste der andern war faul. Dann kamen Buten mit Fleisch, an welchem das Siegel des Rabbiners hing; dann kamen Bud.cn mit eiserner Topfen, und -Keller mir Rcttigen, Kartoffeln, Mehl und Bvbnen. Hierauf gingen wir in in die Duke-Sweet. Duke-Street ist dir voryAhmste Straße des JudenvienelS — gleichsam die Regent-Street der Old-Jewry. Da hingen Kleider vor den Tbüren, Mantel-, Hosen, Hüte, zuweilen auch ein alles Bild und ein Spiegel. Mr. Barnev führte mich darauf in eine Einbuchl der Duke-Street, in eine Art Sackgasse, wo ich aus den dumpfen, stinkenven Hausern keinen Ausweg sab. 'Bor einem der elendesten dieser Häuser blieb er stehen. „Sehen ßit sich dieses Haus einmal an" sagte er zu mir. Ich sah mir'daS HauS an. Es war die elendeste Spelunke, die ick in meinem ganzen Leben gesehen habe. Sie war einstöckig, schwarz von Ruß und Dreck, mit geborstenen Lehmwänven und mit Fenstern, in denen mehr Lumpen a!S Glasscheiben steckten. ' Die Flur lag tiefer als die Schwelle und war hügeliger Lehmboden; und die Decke hatte sich an einigen Stellen gesenkt und war an anderen durchgrbrochen. „Zn diesem Hause habe ich vor achtundvierzig Jahren, da ick aus Deutschland kam, vier Wochenlang für erbetteltes Geld geschlafen", sagte Mr. Barney, und sein schmales Gesicht verzog sich zu einem gutmüthigen Lächeln. Beim Himmel. eS war ergreifend, den Mann, der nun in der ersten Handelsstadt der,Welt in seinem Fache der Ersten Einer ist. gesegnet mit Allem. waS wünschenSwerth erscheint, mit Glücksgütern, mit Ehre, mit Vertrauen seiner Mitbürger und dem häuslichen Glück, daS höher steht, als baS Andere; mit einer ehrenwerlhen Frau, die er liebt, mit einem tüchtigen, zuverlässigen Sohne und einer vortrefflichen Tochter: diesen Mann mit seinem gutmüthigen Lächeln und in seiner köstlichen Bescheidenheit vor der Hütte sinnend stehen zu sehen, in der er als hülfloser Knabe dereinst für erbetteltes Geld geschlafen hatte! Indem wir Beide vor dem Hause standen, trat ein fettes Weib von etwa fünfzig Jahren mit einem Kinde an der Hand, und ein jüngeres mit einem Kind an der Brust in die Tbüre. „Wollt Ihr nicht einrreten, Gentlemen?" fragte das fette Weib mit dem Kind an der Hand in einem sehr schlechten Englisch. Mr. Barnev lächelte. „Kennt Ihr mich nicht mehr. Mirjam?" sagte er deutsch, indem er daS Weib freundlich ansah. Das Weib hielt die Hand vor das Auge, um Mr. Barnev deutlicher anzuseben. „Nein, ich kenne Euch nicht" sagte sic dann in einem Deutsch, das nicht besser war als ibr Englisch. Die Juden der Old-Jewry sprechen alle noch jenen .Jargon, den wir bei uns noch zuweilen von den jüdischen Bettlern hören. Es ist jenes auS deutschen, hebräischen, englischen lind polnischen Wörtern zusammengesetzte Kauderwelsch, das man studiren muß. wie eine fremde Sprache, sonst versteht man das dritte Wort nicht. Mirjam sab den Fremden noch einmal an. „Bekannt seid ihr mir, wenn ich Euch genau ansthe . . . Ihr seid doch nicht., . . Ja, Ihr seid — bei unserem Gott, gelobt sei er! — Ihr seid Mr. Barnev. der Banker von Lombardstreet!" Nach dieser Wicdererkennungsscene trat Mr. Barney in das HauS und ich folgte ihm. Wir gingen in eine niedrige, schmutzige Stube, in welcher Bänke und Tische