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Jüdisches Volksblatt · 1857-01-01 · 60 (1857) · p. Seite 239

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1856-1857)
Issue
60 (1857)
Date
1857-01-01
Page
Seite 239 (sequence 3)
Language
German
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239 f Masse dem^ünger zu; um ibn sammelten sich hie im blinden unerschütterliche» Glauben ergrauten Männer; die in der Einfalt ihrer Herzen gläubigen Frauen; die nach dem Außerordentlichen und Uebernatürlichen lüsterne Jugend, uitd Jeder zollt« den Tribut der Bewutzdcrunffden Wundergeschichten, von denen der Erzähler pin Augen^ zeuge wahrend der Pilgerschaft seine- Heren gewesen/ und Keiner ermangelte, ihm sein Schärflein darzstreichen. — tFortsetzung folgt.) Eil» Blick in die Gesellschaft. Herr Alexander Weil! hat in den neuesten Nummern der kevues krsneuise» (vom 10. u. 20 Octbr.) einen Artikel „Zwei Monate in Deutschlanl* gegeben, auwelchem wir folgende interessante Stelle h'rvorheben: Der größeste Lheil der in Deutschland rei enden fr z-stschen Schriftsteller enthält sich jeder Di-cstssion, je politischen Betrachtung. Sie sind genug Patrioten,' um auf die Streitigkeiten der überrheinischem Journale über unsere großen Männer zu merken,, und zu gesittet, um die Lage eine- Lande-, welcheihnen Gastfreundschaft bot, zu kritifiren. Jedoch, wenn man nur einigermaßen da- Deutsche versteht, ist eunmöglich, Ijt Tage in Preußen zu bleiben, besonderin Rheinprestßen, ohne Partei zu ergreifen, wenn auch nur stillschweigend, für eine oder die andere der socialen Fraktionen, welche diese- Land spalten, denn, um mich einereinen GermaniSmuffezu bedienen: ..Die Principien sind von der Höhe der Zinnen der Theorie heradgestiegen in dapraktisch? Leben und bekämpfen sich täglich.* Man weiß, daß im Jahre 1848 ein geistreicher Advokat Wagener, und Stahl, ein getaufter Jude mit großem Rednertalent, ein Journal unter dem Titel: „Neue Preußische Zeitung" gründeten. Bald sammelte sich der Adel um sie unter dem Namen der „Kreuzpariei.* Diewar eine natürliche Reaktion. Da diese Herren sich gleichsam in einem Fahrzeug befanden, welchenach »iner Seite umznschlagrn drohte, warfen sie sich mit ihrem ganzen Gewicht ati die entgegengesetzte Seite. So hatten sie die öffentliche Meinung einige Zeit auf ihrer Seite. Ich selbst lobte sie. Man verzeihe ehnr, ich wußte nicht, waS ich that. Aber anstatt, da hie-Gefahr Worüber war. nach der Mitte zurückzukebrkn. um bo- Gleichgewicht wie» derherzustellen. ifoline sich diese Partei immer mebr in ihrem Winkel, mit lautem KriegSgeschrei mitten im Frieren. indem sie die AdelSvrivilegien und die religiöse In» toleranz alS HeilSprincipien aufstellten. ES ist wahr, daß diese Principien ein wenig Druck auf die anerkannten Rechte der Bürgerscha t au-üben. aber zum Austausch bietet die neue Kreu Partei dem christlichen Bürger den Juden an. oder kurz za der gouvernementalen Hierarchie dieser Partei ist der Bürger der Leibeigene deS Adels, und der Jude der Leibeigene deS Bürger-. Und da eS leichter ist, daS Ueblf und Häßliche annehmbar zu machen alS daS Gute und Schöne, so hat die preußische Bevölkerung sich seit zwei Jahren in drei große Fraktionen getheilt: den Adel, detzpietistischen Bürgerstand und die Inden. Unter dieser letzten Denen» nung versteht man Jeiden. der die Gleichheit vor dem Gesetze und die Freiheit der Culte vertheidigt. (So ist dieser Herr Hile-.Simpn, obgleich Christ, ein Jude, weil rc die Gewissensfreiheit vertheidigt.) Diese Tbeilung macht sich besonderiß den kleinen preußischen Städten fühlbar. Der, Letzte der Slrohjunker wirft > sich in die Brust gegenüber einxoz Bürger, eu.em Fabrikanten ober einem Banquier, der viel reicher ist aler. Und dieser läßt, um sich für die Beschimpfungen, die ihn in den geschloffenen Gesellschaften und in den Adel-büreaubetreffen, zu rächen, sein« böse Laune an dem Juden au-, indem er diesen seinerseits von der officiellen Gesellschaft au-zuschließen sucht. —. Ich konnte in Creuznach weder in einen Zirkel, noch in ein Kaffeehau-, wever bei einem Conditor, noch in eine geschloffene Gesellschaft treten. ohne diese ewige» Di-cusstonen zu Chören/welche 'fast immer in persönlichen Anspielungen ober gar Unfeinheiten gegen Damen ihr 2uß^ade fanden. Bald sah ich mich selbst in Streit mit der '^^Dummheit und Aumaßung einer dieser Kämpen de- Mittelalter-. Hier folgt: wie so? In allen Bädern Deutschlanderistiren ein halbe- Dutzend Aerzte, von denen Jeder Verfasser einer Brochüre über die Dortrefflichkeit ihre- Heilwafferist. Die französischen Aerzte find so wenig mit dieser Art Literatur bekannt, baß sie manchmal nach einem alten Handbuch einen deutschen Arzt anrathen. der entweder schon tobt ist- oder-nicht mehr praklizirt. . Da ich die deutschen Sitten kenne, und die. Art und Weise, wie ich ozick/ über dagrößere und geringere Talent der Aerzte von Creuznach unterrichten könne, so begab ich mich in die Buchhandlung Schnabel, welche zugleich ein Leseeabinet ist, und indem ich mich an den würdigen BuchhLMer wandte, sagte ich ihm in Gegenwart einejungen. MtW»»-, der die Oebnt« IaS: „Sie, oif|k.4«fr,' ta Sie die Bücher sämmtlicher Aerzte der ßHM»«kausen, haben Sie die Güte, mir zu sagen, welcher^tach Illrer Meinung, am meisten Talent und Wissenschaft har.* Darauf überreichte mir Herr Schnabel eine Br^chürr und sagte mir: „Mein Herr, dieser schreibt seine Bücher selbst, während die Andcrn sie schreiben lassen. Alle all» Lemeiuen Revuen lassen ihm Gerechtigkeit widerfahren, aber er hat zu viel interessirte Gegner." „Wie heißt er?" fragte ich Herrn Schnabel. „Der Doclor Wics^adest»* antwortete er. „Bah." rief der junge Mann, „daist ein Jude!" Ich hatte nie den Namen de- Doclor Wiesbaden nennen gehört, aber da ich daübelwollende Dazwischenkommen diese- Gecken hörte, näherte ich mich ihm und sagte: „Mein Herr, solltest Sie wie der Doclor Stahl ein Verfolger der Jsraelitey, ein zum Pieti-mubekehrter Jude sein?" Er maß mich mit den Augen. „Ich bin ein Edel«ann." antwortete er. „Sie thun gut, ezu sagen," erwiederte ich. ^.„Nur ein Wort. In einer «chten Chronik de- Froiffart, wo von dem die unglückllHrn. vertheidigungS * und waffenlosen Juderz tödteaden und plündernden Pöbel die Rede ist, hat eine unbekannte Hand an den Rand folgenden Satz geschrieben: „Weil der jüdische Pöbel Jesu- Christ»-

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