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Jüdisches Volksblatt · 1857-01-01 · 57 (1857) · p. Seite 227

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1856-1857)
Issue
57 (1857)
Date
1857-01-01
Page
Seite 227 (sequence 3)
Language
German
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227 lich in die Erde gewurzelt zu sein. Alvar schlang feinen Arm um ihn und zog ihn vorwärts. Eineiplötzliche un. natürliche Stärke kehrte wieder. Ho geräuschlos und schnell, wie ihre Füße laufen konnten. eilte» ne jetzt im Schatten der Mauer dahin. Nurhundert Msten trenn» ren.ste noch von der geheimen Thür. Da brach ein plötzlicher Laut die beängstigende Stille. .ES war der Tritt von schweren Fußen und Waffengeklirr; daS Licht vieler Fackeln blitzte in die Dunkelheit oiftein. Sie stürzten fort in der furchtbaren Aufregung der Verzweif» lung. aber ihr Bemühen war vergeblich. Ein donnerndes „Halt!" und sie waren umringt, gefangen, so schnell, so plötzlich, daß Alvar die Sinne zu schwinden «hienen, aber sie wurden ihm fürchterlich wiebererweckt.! (Sin Schrei, so durchdringend, daß er den Himmel selbst zu spalten schien, brach durch die stille Luft. Die Gestalt deS Mau» ren riß sich aus den Händen der Soldaten'1oS und warf sich, unbekümmert um die gezückten Schwerrerund drohenden Flintenläufe. Alvar zu Füßen. „O Gott, mein Gon — ick bgbe ihn gemordet'." waren die erschreckenden Worte, welche fein; Ohr trafen, und die Lichter, welche ihr Gefickt erhellten, als sie obn^ mächtig und leblos zu Boden sank, enthüllten seinen gemarterten Sinnen die Züge seine- WeibeS, (Si'rn't&unn folgt.»; Hochzeit und Begräbnißfeipr. Eine Geschickte aus Judäa.*) . Ein Jahrhundert vor der christlichen I Zeitrechnung brachte ein seltsames Ereigniß die Ginwohnjkr der kleinen und ruhigen Stadt Genezareth in die größte Aufregung. Ein schöner Jüngling und eilte bolde Jungfrau wurden durch daS geheiligte Band der Ehe vereinigt. Rebecca zahlte achtzehn Jabre und zeichnete sich nilcht nur durch den Reiz der Schönheit aus, sondern auch durch würdevolles, mit Bescheidenheit gepaarteS Beneholen. Alssie von ihren Freundinnen und Verwandten bi zieltet, in der Synagoge erschien, fesselte sie die Blicke alle« Anwesenden. Von der Krone, die ihr Haupt schmückte, wa lte ein langer Schleier bis zu den Füßen herab, welche reich verzierte Sandalen trugen. Myrtenzweige waren i^r die Locken der schönen Braut gewunden. Unter einem weißen Mantel mir langen und weiten Aermeln zeigte llck ein weißes Kleid, an welchem gestickte Bänder die Stel e des Gürtels einnahmen. Jfmaöl dagegen erschien in G wandern von den glänzendsten Farben. Seinen reich mit Gold gestick» ten Rock umwallte ein prächtiger, purpureother Mantel und ein kostbarer Turban bedeckte fein Haupts. Entschieden und voll Bewußtsein war sein Auftretens Die stolze Stirn, die strahlenden schwarzen Augen und die spöttischen Lippen ließen sogleich auf einen nicht gewöhnlichen Geist schließen. Jfmaöl hatte mehrere Jahre in Alerandrie» zugebracht; diese Stadt war damals nicht nur ein Mittelpunkt des Handel-, sondern auch der Kunst und Wissenschaft. j *) Aus dem „Jllustr. Familien-Jourual." Vll. Bd. Rr. (68. Der wißbegierige Jfmaöl. wurde bald mit den philosophischen Systemen vertraut, welche damals in Aegnpten gelehrt, wurden. ES dauerte nichtlange, so zweifelte er an der Wahrheit der Glaubenssätze, welche in seines Heimath als die von Elytt geoffenbarte Religion verehrt wurde. Bald verirrte fick sein übermüthiger Geist dahin, in allen Religionen nur Täuschung und Betrug zu sehen. Der stolze Jüngling kehrte als vollendeter' Skeptiker in seine kleine Vaterstadt zurück. JsmaölS Vermählung' mit Rebecca wurde mit den üblichen - Ceremonien vollzogen. Nach Beendigung der Feierlichkeit in der Synagoge begabsich der Hochzritszug in das prächtige HtmS AbrabamS, des reichen VaterS von Jfmaöl. Wohlgerüche erfüllten den glänzenden Saal, wo Musikklänge den. Zug empfingen. Nach Abwaschung der Hände nahm jede- Mitglied den ihm angewiesenen Platz an der Tafel, ein; Im Namen de- Gotte- Abrahams, Isaaks und JakobS sprach JsmaölS Vater siebenmal den Segen über die Tafel au-. Hierauf .folgten die Gäste der Einladung deS Hausherrn. ES entspann sich eine leise Unterhaltung, welche-die Musik deS Orchesternicht störte. Bald abey-gerieth Jfmaöl in ein'lebhaftes Gespräck mit seinem Fteunve Zadig, einem persischen Gelehrten, den er in Alenandria kennest gelernt und zu der DermählungSfeier ringe aden. hatte. Als Zadig bedauerte, daß er nicht bis zum Haffahfestc bleiben könne, erwiederte Jfmaöl, .seinen Decher mit einem'Zuge leerend, sehr laut: „Lieber Freund, daran verlierst Du gar nichts; ich will Dir die ganze Geschichtegenau beschreiben.- Hierauf gab er, während er seinem Becker, der mit dem feurigen Wein von Askalon gefüllt war. oft zusprack, eine höchst possenhaft Schilderung aller! Eeremonien, welche für da- PassaMst vorgeschrieben s^nd. „Wie schön »waren dagegen unsere Gelage mit den geistreichen GriechM p WWwMia, —dsa, diese prächtige» Heiken!* sprach Jfmaöl weiter ohne daS Schweigen ^er Entrüstung unter den Gästen und die bekümmerten, ernsten Blicke seines Vaters und die flehendlichen Bitten seiner jungen Gattin zu beachten. Immer mehr nabm der Wein seinen Geist gefangen junb endlick rief er mit durchdringender, die Musik übertbnettder Stimme die frevelhaften Worte auS: „In dieser Welt ist nichtewig; die Erve wafidelt fick um. die Schönheit vergeht, die Mahlzeiten haben ein Ende und die Religionen verschwinden auch. — 3a \ eS ist eine historische' Thätsachr. daS allgemeine Gesetz deS Werdens und Vergehen-, Also meine lieben Gäste, ein Jeder richte sich darnach! Die Götter vergehe^!* „Ja. die Götter vergehen. aber Gott bleibt!^ erschallte in diesem Augenblicke eine feierliche Stimme. Alle blickten nach dem Eingänge deS Saales, von wo diese Stimme kam; ES war Eleazar der Bettler;, ein fast hundertjähriger GreiS. wegen seiner wahrhaften Frömmigkeit hochgeachtet in der ganzen Gegend und vqrehrt wegen der Gabe der.Weissagung, die man ihm zuschrieb. Sein Haupthaar und Bart waren durch da- Altn gebleicht und die ausdrucksvollen GesichtSzüge gäbe»! ihm ein Aussehen, wie daS der Patriarchen, welche nutz. die heilige Pchrist so schön schildert j TieseS Schweigen 1 herrschte jetzt in der ganzen jDersammlung; ewurde aber schnell unterbrochen durch die

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