Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1856-1857)
- Issue
- 52 (1857)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
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206 „ und Zustände Kt damaligen Juden zu vergegenwärtige«. Dieselben wurden, weit entfernt alS integrirender Theil ' der Bevölkerung zu gelten, lediglich alS Fremde betrachtet, die ihre Duldung dem Schutzgelde verdankten, davon ihnen in die Staatskassen floß. Sie besaßen weder staatsbürgerliche noch überhaupt bürgerliche Rechte; hatten keine Freizügigkeit; durften in de« meisten Städten nicht wohnen; waren im Handel und Wandel überaus beschränkt;/ ja tbr Eintritt in manchen Orten war nur gegen Entrichtung eines schimpflichen LeibzolleS gestattet. Confe-. auenter Weise hatte man sie von der Ausübung der Militärpflicht auSgefchlvffen; wahrscheinlich deshalb, damitsie dadurch kein näheres Heimathsrecht begründen könnten. Dock scheint dieS weniger aus DilligkeitSrücksichten geschehen -zu sein, als weil judenfeindliche Schriftsteller dir Bedauplung aufstellten, daß sie ibrer Religion und Feigbett wegen unfähig zu Militärdiensten wären. Diese »pre Ausschließung von der VarerlandSvertbeidigung hiel» ' ren indeß die Juden für baS kleinste Unglück, zumal die damalige Disciplin deS gemeinen Soldaten so wenig mit der Humanität in Einklang stand, daß efast als daS größte aller - Uebel. galt, diesem Stande anzugebören. Kurz, die' Behandlung der Juden war damals von der Art. baß bei ihnen jeder Funke von Vaterlandsliebe weit eder erstickt als angefackr wurde. HieronymuS Freund lebte zu jener Zeit im ältcrlicken Hause zu MiSlervitz, woselbst sein Vater. Abrabam Freund, Arrentepachter wap und ajS wodldabenker Mann galt. AlS die Schreckensnachrichten von den Niederlagen der preußischen Armeen und dem Vordringen drS Feindes sich verbreiteten, bemerkte man bei den stets ausgewcckten damals neunzehnjährigen Hieronymus eine auffallende Gemütbsverstimmung, welche fast in, Trübsinn auSartcte. Er mietz»- die Gesellschaft seiner Eltern, Geschwister und Bekannten, schweifte in Wald und Flur planloS umher, ächzte, stöhnte und seufzte als ob ihn schwere Sorgen drückten.und setzte feine Eltern, die sich diesen Zustand nicht erklären konnten, in nicht geringe Nnrube. AlS sie endlich in ihn drangen, ihnen 'die Ursache seiner Traurigkeit zu offenbaren, antwortete erffarkastisch: .Ob denn kein Grund zur Traurigkeit vorhanden wäre, ob eS denn Jemandem gleichgültig sein könnte, daß daS Vaterland eine Deute deS Feindes würde, oder daß^es mit dem so aüiktzen Könige und der königlichen Familie soweit gekommen, daß sie ihre theueren Häupter kaum noch im eigenen angestammten Lande bergen könnten? Vergebenwaren die Gegenvorstellungen der Eltery': man müßte sich dem allgemeinen LooS fügen. 'Ja^elbst das triftige Argument, daß man in Frankreich die Menschenwürde auch in dem Juden achte, daß sie daselbst keine Beschränkungen, Ausnahmegesetze re. zu erdulden härten-, daß sie vielmehr den übrigen Einwohnern gleichgestellt würden, und daß man sich der Hoffnung hmgeben könnte Napoleon werde bei seiner vorur« , tbeilsfteien Denkungsart baS Schicksal der Juden auch in Preußen verbessern, wollte bei Freund nichts nützen. Jemehr .die Feinde vordrangen, desto mehr nahm dessen Schwermütd zu. Dieser aufgeregte Zustand nahm endlich einen entschiedeneren Charakter und Ausdruck an. Man erfuhr nämlich, daß mehrere hochgestellt« Patrioten, namentlich der Fürst Ferdinand von Pleß, die Grafen von Pückler und von der Golz sich zu einer Maßnahme vereinigt hatten. dje, wenn sie zur rechte« Zeit ergriffen worden wäre, von den heilsamsten Folgen hätte sein können; nämlich eine Landwehr zu organisiren. Demnächst wurde dazu geschritten, ein FreicorpS unter Führung deS Fürsten von Pleß zu errichten. Kaum hatte Freund daS erfahren. alS er gegen den Willen feiner Eltern — die ihm das Gefahrvolle und Fruchtlose feines Vorhabens, und daß kein Gesetz ihm diese Pflicht auferlcge. nicht genug vorstellen konnten, — nach Pleß eilte und sich in gedachtes CorxS einreihen ließ. Der seltene Eifer, den er für den Dienst zeigte; die Leichtigkeit, mit der er das Erercizium erlernte, sowie die Ungeduld, an dem bevorstehenden Kampfe Tbeil zu nebmen, lenkten bald die Aufmerksamkeit deS Fürsten auf ihn. so baß er ihn zu seiner Ordonnanz wählte. In dieser Eigenschaft hatte der Fürst Gelegenheit, FreundS Umsicht, Gewandtheit und glübenden Patriotismus kennen zu lernen, und er benutzte ihn zu den wichtigsten Diensten, die vorstehende Requisite voraussetzten. wobei — beiläufig gesagt — Freund auf jeden peeuniären Lob« verzichtete, und alS Volontär mit dem Unterofficiergehalt sich begnügte, den der Fürst ibm feiner Brauchbarkeit wegen festsetzte. Dem Fürsten, welcher damals zum Gouverneur von Schienen ernannt worben war, lag sehr daran, sich mit den Commandantcn der belagerten schlesischen Festungen in Rapport zu setzen, um sich Kenntniß von den Venheidigungsmirkeln. dem Geiste der Besatzung u. s. w. zu verschaffen; vorzüglich aber dieselben durch daS Versprechen baldigen Entsatzes, der angestrengt war, zur Ausdauer anzufpornen. Der Fürst sprach mebreremal mir Freund, ob er nicht eine zuverlässige Person wüßte, welche sich unterzöge, solche Depeschen an die gedachten Commandanren zu vermitteln. Freund gab sich alle nur erdenkliche Müde eine solche ausfindig zu machen. waS ihn jedoch — ungeachtet bedeutender Geldanerbietungen — nicht gelang. AIS der Fürst daher viel Ungeduld und Mißmuth verrielh, weil ihm die Sache von größter Wichtigkeit erschien, bot sich Freuad aus freien Stücken dazu an, diesen Auftrag selbst auszuführen. Da jedoch der Fürst in seiner Freude über die Bereitwilligkeit Freunds äußerte, daß er demnach berechtigt sei, die ausgesetzte, bedeutende Belohnung zu beanspruchen, fühlte derselbe sich sehr verletzt und antwortete; daß er nicht um des schnöden LobncS Willen sein Leben preisgebe, sondern well er die dringende Nothwendigkeit cinsebe. und weil Niemand sich dazu hergeben wolle. Seine Empfindlichkeit wegen der Zumuthung einer Belohnung steigerte sich so sehr, daß der Fürst Mühe hatte, ihn zu begütigen. Referent, welcher hier keine Monographie, .sondern lediglich eine Skizze von Freunds Vaterlandsliebe liefern will, enthält sich der Schilderung aller Einzelheiten, von denen diese höchst gefahrvollen Missionen mitten durch den zahlreichen und wachsamen Feind begleitet waren, wo Freunds leicht mögliche Gefangennehmung ihm den unvermeidlichen Tod bringen konnte, und woselbst Kugeln und Schwertgeklirr ihn um* sausten, so daß sein Leben gleichsam an einem Haare hing, und beschränkt sich, mitzutheilen. daß Freund.zweimal nach DreSlau und einmal nach Neiffe, während beide Festungen von dem Feinde belagert waren, gelangte, und den Auftrag deS Fürsten vollständig auSführte. AlS er daS zweite Mal nach Strehlen, dem damaligen Haupt-