Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1856-1857)
- Issue
- 51 (1857)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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202 spiel 5fr LcLei,schäften füllt Ote Herzen und leert die -'Lnde -- doch binwez cjpn tiefem widrigen Haufen, den tie gemeinte Begierde des Menschen züsammenqetrieben. linweg zu jenem offenen Fenster in dem äußersten Winkel des letzten Saales. Da nehmen wir hinter -den schweren seidenerr Vorhängen auf schwellenden Seffelu Play. Ätlck' ein Sckau-und Nachtstück'. Während/eckts tie schwirrende.' summende Menge durch die goldenen Säle, strömt, und in immer wechselnder Erscheinung die Menschen vor uns vorüberziebcn. und durch Alles und nber AÜeS hin das Klappern der Goldunk Silberstücke von jenen verruchten Tischen tönt und eisten Tropfen Wernntth in den schäumenden Becher des Genusses an all' dieser Herrlichkeit der Künste £eä Geschmackes und dts Reichthums senkt — tritt Dir von draußen durch das geöffnete Fenster die ernste Nachtfcene entgegen. Tie Berge mit'ihren sanftgcschwungenen Umriffe»—zeichnen üchnoch an dem dunklen "Himmel ab; die Wolken zieben langsam unter den Sternen bin und verhüllen diese bald, bald lassen sie sie durch ibre zarteren Schleier hindurchninkeln: da sühn ein zackiger Blitz über die Bergspitzen, und erhellt aus einen Augenblick wundersam die. ganze Landschaft-; das Rauschen der Wälder, das -Plätschern des Flusses und die erfrischend küble Luft dringt zu uns berein. Welche Gegensätze uud mit welchen verschitdeirartigen Gefühle» und Gedankbn erfüllen sie die Brust! —7- Sie haben in Ihrem letzten Briefe eine Frage berüdrt, dik-mich schon häufig beschäftigt bar. Sic sagen. dLß Sie fick bis jetzt vergebens'umgeseben haben, ob in der That Kunstgenüsse und die Anschauung großartiger Naturerscheinungen so veredelnd auf den Mensch-« :i<ie man gcn-öt>»ltcli anmmmt unv oft mit großer Empba'e ausspricht? Sie wollen bemerkt baben, daß es in den Familien, wenn sic von der schönsten Svmpbonie Beethovens : zurückkehren, nicht minder Zank und Streit giebt Venn vorder, und dafl-^rach dem herrlichsten Anblick in der > Natur dieselben niedrigen -cideufchaften ihren Kamrtplatz j und ihr Schlachtfeld in den Herzen der Menschen aulscklagen, welche früher schon j^re vergifteten Waffen daselbst geführt. Und man kann es Ihnen nicht ableugucn. | daß ist den Lbeilen der menschlichen GcftlN'chaft, welchen Kunstgenüsse am meisten zugäwgig, und die jährlich ibre Reii'en durch die schönsten Länder der Erde machen, fick durchaus nickt ein höherer Geist, eine edlere Gefühlsweise kund thut. Nicht minder muß man zuzeben. daß oft in den abgeschlossensten Lanbstädtcken. wohin kaum einmal eine wandernde böhmische Mufikbande ihren Fuß seht, und die von der einfachsten, mattesten Natur umgeben sind, in einzelnen Menschen die erhabenste Phantasie, die edelste Gesinnung, die mächtigste Anschauung .wrhanden sind. Hat -nicht Schiller feine Schilderung deS Bierwajdstädter-SeeS. bat nicht Jean Paul feine Zeichnung des Comer-Sees aus sich selbst, aus der Fülle ihrer schöpferischen Einbildungskraft und höchstens aus trocknen Daren von Reifebeschreibungen geschöpft, und haben nicht diese gewaltigen Geister den wahren Charakter dieser Erbenparakiese richtiger erfaßt und tiefer -geschaut, als Hunderttausende Derer, welche jährlich diese Wellen befahren und diese Ufer beschreiten? Endlich fragen Sie. ob in der langen Reibe der Musiker und Naturforscher sich eine Mehrzahl reinerer Charaktere offenbare?'— Wenn, mein Freund, aus Ihren Voraussetzungen , deren Wahrheit man vielfach einraumen muß, Ihre Folgerung eine richtige wäre, so würde dies einen sehr niederschlagenden Eindruck machen: wir müßten den sittlichen Werth der Kunst, den lauternden Einfluß der Natur aufgeben. Al lein'ich glaube, daß cs hier sich abermals bewahrt, wie jede allzugroße Erwartung zu einer bitteren Täuschung führt, und das richtige Urtbeil beirrt. Die einzelnen Beispiele, die Sie anführen, beweisen Nichts, sie geben nur Zeugniß von der wunderbaren Kraft des menschlichen Geistes, die sich eben in den auserwählten Genien kund thut; sie lehrt ferner, daß die Weisheit deS Schöpfers den menschlichen Geist so angelegt, daß er — aber allerdings nur in einzelnen Eremplaren — unter allen, auch den härteste,;. Bedingungen gedeihen und groß werdend könne. Was aber bie| große Menge betrifft, so darf man-/ das wechselnde Spiel her Gefühle, und gewissermaßen die Reaction in der menschlichen Seele nickt außer Acht lassen. Diese kann sich auf der Höhe der Empfindung in der Größe des Gedankens nicht lange erbalten; die Fluth der gewöhnlichen Gefühle kehrt zurück und scheint Alles wieder binwegzuschwkmmen, was durch die Kunst oder die Natur soeben hineingezaubert worden. Aber es scheint nur so. Die Seele, die einmal Großes gedacht, Sckönes gefühlt bat, «lägt den Eindruck, insonders wenn er sich öfter wiederholt, mit sich davon; sie hat die Fähigkeit erlangt sich zu erheben und unbewußt wird diese Fähigkeit bei genügender Veranlassung'sie zu neuem Aufschwungbeflügeln. Nein, eine völlige Umwandlung des Menschen dürfen wir von der Macht der Kunst und der daß sie fortan überall zu Tage träte*'— aber dennoch ist ihre Einwirkung tief und stimmt da überall um. wo sie nur die geringste Befähigung dazu trifft. Und hierauf kommt es am Ende zumeist an. Zahllosen wird Kunst und Natur uur zum augenblicklichen Genüsse dienen; Vielen werden ne veredelnd und lauternd wie ein GotteShanch durch die Seele geben; auf Einige aber werden sie den mächtigsten Einstuß üben und, sie zu einer Höbe erbeben, zu welcher sie durch sich selbst nicht gelangt wären. Es ist'hier ganz derselbe Fall wie mit dem Religionsunterrichte; Viele urtheilen über diesen wegwerfend, weil die wenigsten Scküler einen bleibenden und tieferen religiösen Charakter mit^davon nehmen, weil die Kchtbaren Wirkungen desselben so wenig zu Tage kommen, >sich so schnell im Leben zu verwischen scheinen, weil noch immer dieselben Leidenschaften die Welt der Menschen bewegen und sie erniedrtgen. Aber Alles dies zugegeben, kannst Du sagen, wie eS um die Menschheit aussehen würde, wenn der Kindheit, der Jugend die religiöse Pflege fehlen und die Religion nicht immer ihre mahnende Stimme an die Menschen ergehen lassen würde? Religion, Natur und Kunst sinh die drei großen Genien der Menschheit. .welche leise durch deren Welt schreiten, unermüdlich gestllrend auf sie wirken und ihre läuternden Kräfte üben, wenn auch die Veränderungen, die sie Hervorbringen, weil langsam vor sich gehend, nicht immer vom menschlichen Auge gewahrt werden. — Ach. mein Lieber.! wenn man eine Zeit lang zu den Füßen der Berner Riesen gewandelt, wenn man über die blumenreiche Matte der Wengeralp geschritten. dii weiß-