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Jüdisches Volksblatt · 1857-01-01 · 50 (1857) · p. Seite 198

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1856-1857)
Issue
50 (1857)
Date
1857-01-01
Page
Seite 198 (sequence 2)
Language
German
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198 ihre Nachbarinnen, die sie jetzt im schönsten Staate triumphirend anblickten, neidisch machen zu können. — Da erblickte ich plötzlich von weitem eine Dame, welche mir bekannt schien. Richtig, es war eine Bekanntschaft von unten her, eine Christin, die jcvesmal, wenn wir über Religion stritten, behauptete: die Juden kämen nicht in den Himmel. Natürlich, daß diese Be» bauplung bei mir immer eine ungeheure Lachlust hervorrief. und der Gedanke daran ließ mich jetzt noch lächeln. Es war sonst ein höchst liebenswürdiges Mädchen, aber ihre Erziehung, welche die Vernunft verbannt, und ein blindes Glauben an dessen Stelle gefxtzt. hatte sie nie gelebrt,- über Religionssachsn unbefangen nachzudenken. Daber jene Meinung. Immer noch lächelnd näherte ich mich ibr und sägte: „Es freut mich iy der Thal außerordentlich. mein Fräulein. Sie bier anzutressen; entschuldigen Sie nur diese etwas nachlässige Toilette; lind Sieschon lange unten abwesend, wie befinden stch ihre lieben Angehörigen. waren Sie in der letzten Zeit verheiralhel?" — „Meine Angehörigenentgegnete sie. „befinden sich wob!, sind aber hosientlich ein wenig betrübt über me»nen vorgestern trsolgren Heimgang. Was meine Verbeirakbung betrifft.- fuhr sic scherzend fort, „so sind Her; und Hand noch frei> ich bin also noch zu haben." - — „iHär's m5giidi, mein Fraulein! Crinnern Sie stch noch jener Zeit, wo ick. entzückt von Ihrer Liebenswürdigkeit, Sie zur Auscry?ählten meines Herzens machte? M»».Sie wissen, im Himmel werden Eben geschlossen, oder Eben werden im Himmel geschlossen, wie wäre es, wenn Sie mich bier oben mit Jbrer Hand beglückten? Aber vorerst sagen Sie mir. glauben Sie denn immer noch, daß wir armen Juden für daS höllische Feuer bestimmt stnd und daS Himmelreich nicht erben können?" .— „Noch bebarrs ich auf meiner Meinung." sagte sie. „wie hätte ich mich denn vom Gegentbeil überzeugen sollen?" — „Die Sache wird Ihnen jedenfalls bald klar werden." — „Ich wünsche es sehnlichst." — In diesem Augenblicke sahen wir von ferne den Engel Gabriel, und ick-beschloß ihm zum Schiedsrichter ru wäblen. Wir näherten uns ibm. ick bat ihn.um ein llrtbeil in dieser Sache, er war dazu bereit, entfernte sich jedoch vorder durch ein großes goldnes Tbor, um den Rath des Ewigen eiüzubolen. Bald darauf kehrte er zu unS;urüch. —^„Jh^sprackt vor Kurzem den Wunsch um Erleuchtung auS. Woblan, er soll auch erfüllt werden! Du Srrößling von GotteS geliebtcstem Volke", er wandte stch zu mir. ..bast den Glauben Deiner Väter treu und redlich bewahrt, Du bast allen Anfechtungen ihm abtrünnig Zu werden widerstanden und hast mutbig den Schimpf ertragen, der gleich, einem Fluche auf Deinem Volke lastet, wodurch Dein Leben zu einem Märtyrer» thume wurde. Die Gebote Deines Gottes hast Du zu erfüllen versucht. Du hast Almosen ertheilt ohne-Ansebn der Perlon. Ließest Du Dich zu Sünden verleiten, (und welcher Mensch wäre frei von ihnen), so war die bittre Reue Deines Herzens die beste Sühne.— Du Christin," er wandte sich an meine Freundin, „hast treu und fest an Deinem Glauben gehangen, .wie Dein Freund an dem seinigen^.und wenn Du nicht so tolerant gegen Anders» glaubente warst wie er, so gereicht diesesogar Deinem guten Herzen zu» Lobe, da Deine Erziehung Dich gelehrt hatte, nur Deine Religion als die zum Himmel führende zü betrachten; Du aber wünschtest, daß alle die Menschen der Gnade theilhaftig würden, welche nach Deinen Begriffen nicht daS Himelreich erben könnten. Die Wohlthaten. die auch Du erzeigt, stnd ausgezeichnet im heiligen Buche, und die Sünden, welche Du begangen, hast auch Du durch bittre Reue gesühnt. Doch merke Dir: Nicht nach dem, was ihr glaubt, nach dem, was ihr, thut, werdet ihr gerichtet. Du Jude sowohl wie Du Christin, - Beide seid ihr deS ewigen Lebenfür würdig befunden, gehet ein in'S Himmelreich!" — So entfernte er sich. Unsre Herzen aber schwelgten in Freude und in Wonne, und wir gingen auf ein großes, mir Blumen geschmücktes Thor zu. Wie hatte, sich die Freude meiner bemächtigt! Bald sollte ich ja meine liebe Muner umarmen, die gestorben, als ich noch Kind gewesen. bald die lieben Freunde Wiedersehn, die vor mir heimgegangen. Ich blickte meine Freundin an. auch ihr Auge strahlte voll Seligkeit. Da öffnete sich die große Pforte, die Seligen strömten auf uns zu, um unS zu beglückwünschen, von nllen Seiten wurden wir umringt/, und ein himmlisches Orchester blies uns zu Ehren einen Tusch. Die himmlische Messingmusik war aber so ohrenbetäubend (tout comme chez nous) daß ich davon — erwachte. — Ich schlug die Augen auf, neben meinem Bette stand mein Vater und rief mir zu: „Schmulchen steh' auf, es ist Zeil SchachriS zu dawnen. — Emil BreSlaur. Die Kina <Trauergebet am 9. Ab) "na über ven Untergang der Judengemeinde zu Cöln, gegen das Ende des 13. Jahrhunderts. Uebersetzt am 9. Abra...n. Weinet bitterlich mit mir, ihr Engel deS Friedens! Und ihr, drei Erzväter, hüllet Euch in Trauer, und suchet Moses auf in den seligen Gefilden Edens. Fraget ihn, den. treuesten der Hirten, warum , er seine Heerde hier verlassen, in einer trüben finstern Zeir. Seine armen Schästein. die er mir seinem Wunderstabe in der Wüste geleitet, sind nun, ach! in die Hände roher Barbaren gefallen, die kein Mitleid kannten. Wehklaget nun mit mir: 15K -s ‘n b? aan rra „Israel. Gottes Volk ist durchs Schwert gefallen!" Denn ich beweine heute den Untergang der herrlichsten aller Gemeinden, der Tochter Colonia'S, die ein liebliches Kleinod ihres Fürsten war. AlS nun der UnglückStag heranbrach,, wurden sie fortgeführt*), um ihren Glauben zu wechseln. Sie aber erwiederten: „Wie könnten wir noch wählen? Jakob hat den Ewigen bereits zu seinem Gotte erkoren. Bald vernahm man von allen 4) Nachdem die Plünderung zu Ende war. wurden sämmtliche Juden «ach einer Kirche gebracht, um dort da- Bekehrungswerk mit ihnen vorzunehmeu. »

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