Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1856-1857)
- Issue
- 15 (1857)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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tel herunter und war so weiß, wie—, der Schnee draußen auf'den Feldern. So schritt er hin und her. die Hände in einander verschlungen, vor sich, und blickie man aufmerksam bin, fab man sie bisweilen, wie die Gedanken ihm durch den Stovi Zuckten, sich ringen und ballen. Er war auch völlig angekleidet, wie wenn er vor Kurzem von einem Ga»ge zurückgekebrt war. Wieder war' eine halbe Stunde vorübergegangen, und die Stille nur durch den Schn» de- Greifes und das Picken der großen Wanduhr unterbrochen worden. Manchmal'stand er am Fenster still und lauschte gespannt, ob er von draußen Etwas vernehme. Unmuthig wandte er sich dann und schritt weiter. , . ' ' DaS Kind batte doch das Haupt in den Schooß der Mutter gelegt, und begann wider seinen Willen allmälig zu entschlummern,--als sich plötzlich, wie durch keine Gewalt zurückzuhalken, - ein lauter Seufzer aus der Brust des jungen Weibes-löste, das so stist, so traurig, so bewegungslos dicht am Ofen auf einem/niedrigen Schemel laß. Ta blieb der Greis vor ihr .sieben. „Du seufzest, Lina — ach. wie nur dieser Seufzer^ durch die Seele schneidet. Ich habe lange, lange aus rbn gelauscht,. Lina — aber ich höre ihn jeyt;um ersten Male . . „Ach. er ist der Elfte nicht/' antwortete das Weib, „prein lieber, lieber Barer ..." „Ja.'wir sind sehr unglücklich." wrack der Greis mit schneidender Stimme — „und daß qu eS durch meinen Sobn werveu mußtest. Tu. die tiebe und Sanftmuth selbst, T.u, die einzige rechter meines tbeuren,' vielgeliebten 'Bruders, dem rch es tn eie sterbende Hand schwor, Dein zu achten, iri? meines LlugapfelS .. . . „Und thakest Du <ö nicht, lleber Vater? . . thust Du es nicht, und hast-in dleserurüben Heit der Prüfung alle 'ALr und alle Sorge für mich und mein Kind allein«.... ii:ui, eS wird ja vorübergehen ..." ..Borübergehen-^— aber vielleicht, um noch schlimmer zu werden ..." murmelte ved Greis, wie vor sich hin, indem er weurrsckntt. „Wie soll vüS enden?- . . Er kommt nicht, der Bote kommt nirm wieder, den wir nach ibm airsgefandt, die Nacht rückt vor. und beim, ersten Grauen deS Tagewird der Gerichtsboke sich ein. stellen und in . Beschlag nehmen,'was uns noch übrig ist, dieses "Haus, von dem unS kein Siegel mehr gehört, diese .Meubles, diese Betten, diese Kleider, und unS hinauStretfm in den kalken Wimertaz. Dein Kmd, Dich, mich . ... c das Eiend und o die Schande ...." ..Beruhige Dich. Vater, erwird noch kommen, er bat es doch sicher versprochen, sein Her; ist doch so gut, wir sind ibm ja Alles, daß er Unglück gehabt ..." „Sprich nicht, Emma, von seinem guten Herzen, sprich nicht vom Unglück ... Zst es sein gute- Herz gewesen, das mich so weit beruntergebracht hat, sein gute- Her;, das mich noch zuletzt verleitete, die Wechsel zu unterschreiben, die unö nun aus dem Hause treiben! ... und wofür? ich weiß eS nicht! waS ist mit-dem Gelbe geschehen* worauf sollen wir bauen? waS steht uns bevor? ich weiß es nicht ... O, ich alter Schwachkopf!" „Flage wenigstens Dich nicht an, guter Vater! Wie konntest Du eS auch anders? Sein Flehen, nur diesmal noch ihm zu vertrauen, nur diesmal noch ihm zu helfen, ihn zu unterstützen, fein heiliger Schwur, daß wir keine Gefahr liefen, daß sich Allezum Guten wenden würde, daß ... „Hör' auf. Emma! jedes Deiner Worte brennt mir. wider Deinen Willen, aus dem Herzen! 3ch nlußre rS nicht thuii. nicht um Euretwillen, nicht Eure letzte Zufluchtsstätte auf. das Spiel zu setzen. War nickt schon genug vorangegangen? . . Wie ich so ruhig wobnte, ach. Emma, Du weißt.j^, als meine theure Frau nock lebte, die mehr Einsicht baue, als ich. Mein Geschäi: das blühendste in der ganzen Gegend, mein schönes Vermögen. mein Name geachtet, meine Mitbürger roll Respect, Vorsteber der Gemeinde. Stadtverordneter .... Alles. Alles bin. geschändet und in die Armurh aeüoßen — nächstens zum Manifestationseite verunbeilt i.“ dann in — den Schuldkhurm . . . und ihr?! Dal dem Jungen, well er Geist und Kennlnisie bätre, die Mach: über mich eniräumke; daß ich ihm das Geschäft übergab: wie es bald rückwärtSginq, weil er erst nüt neuen Erpenmenten begann, siben Preisen, baarcr Zahlung, dann es vernachlässigte. eS überdrüssig ward; daß er nur dann ein hundert Thaler nach dem andern abnahm, bis nichlS mebr übrig blieb: wie er häufige Reisen machte, von großen Verdiensten sprach, wie Schulden ihn bestürmten, denen ick ihn immer wievrr emreißen mußte ... o, cS ist eine lange Reihe von Trübsal,n. und ick ließ mich von einer zu der andern bringen, bis es nun ali'o gekonimen . . Die Frau ^hatte längst das Haup: sinken lassen. „Du, Arme. Unschuldige, hattest ckeine Ahnung davon, denn er hatte Dich gewöhnt, nach seinen Geschäften durchaus nicht zu fragen, bis es sich sichtbar vor Deinen Augen entfaltete. Du hast gekargt und gespart, aber es hals nichts, denn was wir nur Fingern erübrigt, schleuderte er mir Händen fort . . . ." „Klage nicht zu viel an. lieber Daker," unterbrach die junge Frau den Greis. ..Er hat gewiß daS Seinige ge» lban, und noch vertraue ich auf ihn. 'Ach. ist er denn mindestens nicht ebenso zu beklagen, wie mir? Er leidet mir uns, und klagt sich noch als Ursache an. Und dann, es ist ja nickt iminer so schlecht gegangen. Wie oft ist er schon heimgckebn mit schönem Verdienst, und hat den Mangel aus unserm Hause fortgesendek .... O Gott, steh' ihm bei! ..." j Der Greis schwieg. Die Verrheidigung seines Sobnes, durck sein Weib, das am meisten Nu, weil eS Weib und Mutter zugleich war, fühlte er als einen so heiligen Act der Liebe, daß er ibn durch Widerspruch nicht zu verletzen wagte. Zwar konnte er innerlich sich' nicht damit zufrieden geben; gerade jene Verdienste, jen^ plötzlich eingetretenen Gewinne halteder Sohn als K^der benutzt, um die Schwäche deS VaterS von Neuem auszubeuten . . . aber geschehene Dinge lassen fich ja doch l. nicht ändern. Der GreiS sah sich nach eineii wohlverbrachirn, arbeitsamen und' ehrenvollen Le§en auf den Trümmern feines Glückes, am Rande des Abgrunds — und die Ursache lag nicht außerhalb, sondern in seinem Sohn und in ihm selbst — daS schme'zt zwiefach .... Plötzlich-fuhr daS Kind auS de'» leisen Schlummer auf, in den eö versunken .... . Der Papa kommt, der Papa kommt!" rief sie jubelnd^ und wollte zur Thüre.