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Jüdisches Volksblatt · 1856-01-01 · 8 (1856) · p. Seite 30

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1856-1857)
Issue
8 (1856)
Date
1856-01-01
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
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30 mit ltzem bleichen Frauenzestcht, grinsend und vor sich hinplaudernd durch die Straßen rennen sehen, ein Bündel gefetzter Kleidungsstücke über einem Arm und ein Pack Büchex und Noten unter dem andern. Sieh, da rennt er hin, bald hier, bald Von .abspringend. um einen Trövler-Collezc» ju besuchen. da:m wieder steben bleibend, um irgend einem Bekannten — und er kannte Alle, d. h. Alle kannten ihn eine rolle Bemerkung orer einen Spott zuzurufen und dafür da- Prädicar toller Kerl!" einzuernren. — War Bleu wirklich roll? 3ch weiß nutzt. Allein icb weiß, rvaß die Türken und Indianer den Wahnsinn für einen heiligen Zustand der Begeistrung halten, uns den Wahnsinnigen schonen und serehren. Curiose Leute kiese Türken und Indianer! Und rennocd. unter uns gesagt, dieser Tolle lhar eine. That, k,e mich ganz türkisch und irokesssch gegen ihn stimmte. — Es war am Borabenv des Laubbüttenfestes. 34 glaube. Bleu baire sich am Vormittag bewogen gefunden, ven versammelten Weisen und Echrittgelehrten deS Talmuds einige Kragen und Bemerkungen an ven Kopf ru werfen, sie r^n den Ehrwürdigkeiten sebr erschöpfend öahin beantivortet wurden, daß ste Bleu nicht nur' einen'simplen Tollen, sondern einen ,,rollen Foyer" nannten. Freilich.' e:n TollbäuSler kann mehr Kragen stellen, als selbst rce Ttzeologie zu beantworten weiß. Bleu haue den (Sol« legren - Saal verlassen mit einer gewissenhaften schmeichel- .basten Bemerkung, deren Inhalt Mvsterium geblieben ist.' Auf ver Straße aber fand er ein sieches zerlumptes Weib mit einem Jtinse auf dem Schoße, die ibm stehend »:e dürren Hände entgegen streckte. ' Bleu steht stlll — areifr in die Tasche — hält ln ne — besinnt sich — und kurz —. Am Abend hakte Bleu'S Gaum die festlichen dichter angezündet und die Tarel gedeckt. Durch daS neue Zimmer wehrte jener Geist heilerer heiliger Ruhe und Friedlichkeit, der nur jüdischen Wohnungen an Festtagen eigen ist. Netzer ihr Gebetbuch gebückt barrre die Frau, daß Bleu auS dem Gottesdienst käme, denn Bleu ver« fehlte keinen GoncSkienst. Da endlich tritt er ein, einen Knaben auf dem Arme. Ex umarmt die Gattin und bietet den üblichen Festgruß. „Rahel, wir haben kein Kind — hier ist eins! Gon wird helfen!" — Engels haben da gelauscht und es vermerkt — und der Schreiber Vieser Blätter stand dpbei. und seine Lippen zitterten, die Hand dieses Tollen zu küssen. Di« erste Thar Bleu's für sein Adoprivktnb war, ibn den Fegsegen sprechen zu lehren. Äleu's Gesicht strahlte diesen Abend, wie Vas eines Königs, der die NäHricht glänzender Triumphe bei einem Festmahle-feiert. — ' (Sc erzog „sein Kind" mir Liebe. Treue und Aufvpferung: er versinnlichte das wahrhafte Ideal der Varerliebe! — Früher stand er auf. später legte er sich nieder, emsiger fab man ihn die Straße auf und ab eilen, und jede Minute der Muße war dem Knaben "gewidmet, dener sein gesiebtes Kind, seinen einzigen lhcurea Sohn nannte, stundenlang mit ihm spielte und ihn mit Küssen bedeckte. Er lehrte ihn Tugend und Sitte, ja der Tolle lehrte sein Kind Tugend und Sitte, und pflanzte in vas junge Herr den Keim alles Guten und Schönen. Er bezahlte mir seinem sauren Schweiß die Lehrer, die den Knaben unterrichteten, und walte mit Strenge und Gewissenhaftigkeit über dessen F»ß. Kein Kleidungsstück war zu theuer und kein Spiel^rg, wenn Damian es wünschte, aber auch kein Buch, (ein Instrument. — „für meinen geliebten Sohn ist nichtz zu theuer." — Kein Instrument — sagte ich. Bcu barte eine Caprice, wie sie Tolle oft baden: „De; Junge müsse ein Musiker werden!" Ein Elavfrund ein Lehrer waren bald hcrgeschafft, und der Erfolg zeigte, daß die tolle Caprice ein ungewöhnliches Talent entdeckt und entwickelt hatte. Damian wünschte auch db Geige zu spielen — Bleu legre ibm eine- TageS sechs h?ertbvolle Geigen zur Auswahl vor. Mir der Unyerschämbeil und Beharrlichkeit der sollen drang Bleu zu deuiDireckor der musikalischen Akademie, und rastete nickt, bis der Mann drn jungen Damian unter feine schützen^,, Flügel genommen barte. Der Director ist todt — Bleu war in das Sterbezimmer gedrungen und batte die Hätde deS Dahingefchiedenen mit Thränen ver Dankbarke:! tcveckr. Bleu ist lodr — er starb im Tvllhause. „wie lliemanv ~efl a n - derS erwartete." Mag sein! st äst ja auch'ganz gleichgültig, rvo er gestorben ist; verarme Trödler ruht in Frieden, unv die Welt, die kluge »eise Welt, ist von seinen Tollheiten für immer befreit, ausgenommen on den Folgen dieser eiüzigen, baß-er sie sii einem,.W. nderkinde" beschenkte. — Junger Vtttrose! laß Deine Töne erklingen, groß erbaben, schmclz»lv, dabinreißcnd und den Geist der großen Meister veu invend — aber so oft der. rauschende Beifall Dein Hertz schwellen macht, und einst, wenn der ruhmvolle Lorbeer rcS Kunstlors Dich krönt, o gedenke dann seiner, dessen Geist vcV seligen Glückes Dich umschwebt und dessen v.nsichlbale Blicke voll Liebe auf Dir ruh'n! . Unterhaltungs-Pillen. Mikgetheilf von?. Lehmann in Bad Homburg. Unter der Ueberschrift „die Possenreißer" haben Sie im vorigen Jahrgang Ihres ebenso gediegenen wie geschätzten „Volksblatts" eine allgemeine und anziehende Schilderung, dieser in jüdischen wie außerjüdischcn Kreisen beliebten unv im Munde VeS Volkes lebenden Persönlichkeiten gebracht. Eine solche Größe lebte auch vorcirca 15 Zabren hier in Homburg unv war in ver ganzen Gegend, in Frankfurt. Mainz, Tarmstadt rc. unter dem Namen Mordche Unglück (stakt Mordäie Gewinner» bekannt, und trotz manchen bösen Stretches dennoch überall beliebt. Sein Tod (der damals in der DidaSkalia auSsirhrlich gemeldet ward) erfolgte an einem Tage, den er sich hierfür immer gewünscht. Er sagte nämlich stekS: „wenn ich mir Meinen Todestag bestellen oder wählen könnte, so würde es der Trauerrag der Zerstörung JerustrlemS sein, da geht es bei unS unten untereinander zu. and da eS oben im Himmel auch so zugehen soll, so schlüpfe ich schnell hinein." Der Wunsch ward erfüllt, er starb an einem solchen Tage, ob er aber in ven Himmel hineingekommtn, darüber fehlen die nähern glaubwürdigen Berichte. Lange nach seinem Tode sah man seine Figur in Marzipan unv GvpS dargestellt, darunter

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