Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1856-1857)
- Issue
- 1 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 gelebt; ihr Mann starb aber am Nervrnfieber, als sie ihm kaum drei Monate vorher ein muntere- Zwillingspaar geboren, kräftige Knaben, auf die beide Eltern nicht wenig stolz waren. Isaak hatte eben ein kleine- Geschäft begonnen, seine Unternehmungen wurven von Erfolg gekrönt; er blickte froh hoffend in die Zukunft feiner Kinder; da kam der Tod und machte plötzlich allem Sorgen und Schaffen ein ewige- Ende, und die fleißigen Hände, die sich so unermüdlich geregt, lagen nun starr und gelähmt auf der stillen Brüst de- Tovten. Sarah nahm zertnffnen Herzenihre beiden Kinder, ging mit ihnen zum Rabbi und fragte ihn um Rarh, wasie beginnen sollte in ihrer großen Roth und Verlassenheit. Und der Rabbi sprach mit den Aeltesten der Gemeinde, und sie traten »Alle zusammen und halfen und riethen, so viel sie konn- - tcn, und',nach vielen durchweinten Tagen und schlaflosen Nachten war die arme Frau im Stande, durch mühselige Lhätigkeit ihr und der Kinder Leben ^u fristen. Die Brüder wuchsen unter Mangel und Entbehrung auf und hatten dasechste Jahr erreicht, als sich-bei »Beiden eine Eigenschaft entwickelte, die gar bald die Aufmerksamkeit Aller, die mit den Kindern in Berührung kamen, in hohem Grade auf sich zog. Beide zeigten nämlich eine ungewöhnliche Dorliebe für Musik, eine ^iffalleirde »Achtsamkeit für jeden. Ton. der in ihrer Näb^laut wurde. Jakob lief jeder Trompete »ach. trieb sichOvvr allen Garten« Eoncerten herum und ging oft stundenlang mit den Drehorgelfpielern von Haus zu Haus, wußte genau ihre Einnahme zu berechnen, samntelre auch zuweilen, .um einige - .Pfennige, für die Musikanten ein. Sein Äeußerewar _unschön, feine Figur plump, die Haltung gebückt, der Gang hastig und ungeschickt, die Bewegungen eckig. Da- Gesicht trug den Typus seine- Volke-, in den schmalen, schwarzen 'Augen lag aber »ine Welt von Energie und Intelligenz und in ibrem Aufblick eine frappirende Kälte und Schlauheit. — David war gaffjda- Gegeubild feine- Bruder-, sehr groß für sein Aller, schlank, von lei- fern und scheuem Wesen und vöy der vollen und schwermüthigen Schönheit seine- Volke-, von jener oriental»« . schen Formenbildung. die. wenn sie in so reiner und ausdrucksvoller Weise erscheint, ganz unwiderstehlich anzieht und fesselt. Sein »Blick war hinreißend in seinem melancholischen Feuer, die Gestcht-farbe ein matter bräunlicher Ton. doch ohne Wängenrokh, die'Zähne wunderschön und ' das tief «schwarze Haar leicht gelockt. Wir oft blieben Flaue» und Männer bewundernd - stehn vor dem ärmlich gekleideten Judrnknaben und schenkten ihm freiwillig eine Kleinigkeit, Geld, Blumen, Näscherei, die er . alle sogleich zu seiner Mutter brachte. Als ganz kleine- Kind achtete er s»on auf das Summen de- Wasserkessel-, auf da- Zirpen de- Heimchens und da- Gezwitscher der Schwalben. und später konnte er stundenlang an einem kleinen Wasserfall sitzen, der die Promenaden der Stadt schmückte, unvruf da- Gedäusch der fallenden Tropfen hören. Vor den akirchthürrn den Klangen' einer Orgel zu lauschen, war pie höchste feiner Freuden i und da achtete er weder Frost^ noch Sonnenglutb, geduldig, harrte er auf den Steinen, bidie'wunderbaren Töne heranzogen» um ihn anzutauchen mir ihrer heiligen Gluth. Einmal im streng- . sten Winter fand ihn der alte Domorganist halb erfroren an e ner Scitenthür ka lern, und alda- Kind auf feine dringenden Fragen dem warmblickenben Musiker en zählte, - waS ihn auf diese Schwelle bannte, wies dieser ihm für jeden Gottesdienst ein versteckte- Plätzchen in der »Nabe der Orgel an. »Auch lud er ihn in sein Hauein. und alder Knabe wirklich einmal freutezirternd kam. spielte er ibm Bach'sche Fugen und alte Cboräle vor.^ Leider währte dies Glück nur kurze Zeit: der alte Mann starb und fein Nachfolger war weniger herzenswarm gegen den armen Juden!: aben. Im Sommer begleitete David seinen Bruder in jene öffentlichen Garten, in denen Musikchvre spielten, zu welchem Genuß da- Publikum sich zu drangen pflegte. Die Kinder dursten natürlich nur draußen stehn, aber da ersann Jakob allerlei, um einen kleinen Gewinn zu erzielen. Bald trat er, die Schuhbürste in der Hand, dienstfertig den Ankommenden entgegen und säuberte geschickt die bestäubten Stiefeln der jungen und alten Herrn; bald bok er selbstgeschnitzie Zahnstocher feil, bald saubergedrehte Fidibusse, zuweilen auch Sträußchen einfacher Wiesen- und Waldblumen, denen er aber durch zierliche Anordnung ein gewisse- »Ansehen zu geben verstand. Er nahm auch immer einige Groschen ein, die er zu Hause in ein alte- Tuch band und in sein Kopfkissen versteckte. David war zu alle dem nicht zu gebrauchen. Ec saß still hinter der Hecke, möglichst entfernt vom Orchester, damit die'Töne recht gedämpft und verworren zu ihm drangen und seine »Phantasie sie sich zurechtlegen konnte zu »Accorden und Melodiken, wie seine Seele sie träumte.. Kam er nach Hause zurück, so sang.er leise stundenlang vor sich bin und bürstete dabei die alten Kleider, die seine Mutter austragen wollte, mir einem fast strahlenden Gesicht. Jakob schalt ihn oft trag und ungeschickt; David gab ibm mir thränenvollem Auge Recht, versuchte wohl auch mit Blumen an die Gärten sich auf« zustellen, aber wenn der erste Ton die Luft durchzog, fing er an zu zittern, ließ die Blumen fallen, oder schüttete sie dem ersten, besten Kinde in den Schooß und kroch in sein Winkelchen. „Mutter, wenn Du nur einmal dabei sein und hören könntest. waS ich höre!" sagte er oft beim SMaftbgehen zur armen Sarah, dir^m späten Abend die armuche Garderobe ibver Kinder auSzudessern pflegte, damit sie ordentlich einhergehen möchten, „Du würdest Deine ganze Plage vergessen und Dein schwere- Leben, und reich und froh werden, wie ich? Versuch'- einmal!" — „Da sollte eS schlimm auSsehen um uns, wenn die Mutter sich bei der Musik hinstellen und zubören wollte!" worf Jakob unfreundlich dazwischen. „Wer sollte uns denn zu essen und zu trinken schaffen? Du vielleicht?" Und David wandte sich traurig ab, Sarah aber streichelte sanft und innig daS weiche Haar ihre- Liebling- und sagte: „Wenn Euer Vater noch lebte, hättet"Jhr wohl ein Instrument lernen können, und wer weiß, ob nicht gerade David seine Eltern reich gemacht!" — Die Knaben wären etwa eilf Jahre alt geworden, alein unbedeutender Zufall über ihr ferneres Geschick entschied. Ein berühmter Cloviervirtuose besuchte auf seiner Reise nach Wien die Vaterstadt der beiden Brüder und kündigte daselbst ein Concert an. Sein Ruf hatte die halbe Welt durchflogen, man drängte sich also zu den BilletS, obgleich sie zu einem hohen Preise verkauft wurden. Jakob und David standen schon lange vor Beginn de- Eoncerts am Eingänge des Saals;