Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 51 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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263 fragen: welcheist der Zweck der göttüchen Vorsehung mit der Geburt von Kindern, dir nur eine kurze Zeit über dieser Erde verweilen, und kaum in< Dasein getreten. ihren letzten Seufzer au»hauch,n? Da diese die Be» stimmung de- Menschen auf Erden, Bewußtsein zu erlangen. seine Kräfte zu entfalten und zu veredeln nicht erfüllen können, wozu wurden fie? Und müssen wir nicht noch weiter fragen: wenn wir so wenige Menschen so weit kommen sehen, daß wir ihnen die Erreichung einege« wissen Zielezusprechen können, wenn DLrle nickt nur in der Mitte , sondern eben so Biele im Anfänge ihrer Laufbahn . oder nach einem kurzen Leben-gange dahingerafft werden, wie stxht emir der Erfüllung ihrer Bestimmung auf Erden? Der große Fehler in der gewöhnlichem Anschauung auf dem sittlich-religiösen Gebiete ist die Einseitigkeit und Vereinzelung in der ganzen DetrachtungSiheife. Da werden nicht nur die natürliche und die sittliche Welt, danatürliche und daS sittliche Leben ganz auseinander gerissen und. getrennt gehalten, da wird die einzelne Existenz völlig von der Gesammkheit geschieden und allein auS dem Gesichtspunkte idz*r selbst betrachtet, da wird endlich daS irdische und da»" jenseitige Leben nicht in hem norhwendig engen Zusammenhänge, sondern so von einander verschieden und gesondert angesehen. als ob nach dem Tode die Seele de- Mensch,iL'von Grund auS und' in ihrer ganzen Beschaffenheit sofort eine andere sei. E-! ist Zeit, daß diese irreführende Einseitigkeit, welche die Mutier zahlloser Irrthümer und Zweifel geworden, aufhöre. Die wahre Anschauung der heiligen Schrift ist eine andere. In ihr werden bei den großen Naturereignissen seiten- Gotte» immer auch sittliche Zwecke vorausgesetzt; erinnern Sie fich nur der Darstellung der Noach'schen Fluthj bei den Strafandrohungen der Propheten spielen außergewöhnliche Naturereignisse eine große Rolle. Ebenso geschah eerst in den Schriften, weiche wir Ehetubim nennen, daß die Individualität und Subjectivitär de- Menschen alsolche erwogen wird, während in den früheren Schriften er Immer nur al- Glied einegroßen Ganzen betrachtet wird. Wir dürfen also bei den natürlichen Erscheinungen nieo»aldie sittlichen Zwect, der göttlichen Vorsehung vergessen; eben so wenig dürfen wir aber auH die natürlichen Gesetze und Motive außir Augen lassen ustd einseitig nur die sittliche Tendenz erwägen. Gott ist dl« große. Alleumfassende Einheit, in welcher natürlicher und sittlicher Zweck völlig vereinigt Jlnb und seiner Allwei-heit mit gleicher Kraft und Geltung dienen. | Der Mensch ist von seinem göttlichen Schöpfer in natürlicher nnd sittlicher Beziehung nicht zur Vollkommenheit, ja nicht einmal zu einem normalen Zustande angelegt. Die CompNcation ferner Organe und Systeme, seiner Triebe und Neigungen bringen ihn zu einem stoten Wechsel von Gesundheit und Krankheit, vr n Schmerz und Lust, von Recht-und Unrecht. Die Entwickelung der gesellschaftlichen Zustände, die ganze Cultur de- Menschen hat die Motive dieser Verschiedenheiten nuir vermehrt. Eist dadurch dem Menschen da- Gebiet ^e» Lebensehr vermannichfaltigt, und, wie keinem andern! Geschöpfe, die Leben-dauer. die Lebenskraft, die Leben-betchaffenheit eine sehr verschiedene geworden. Wer steht nicht ein, daß der Mensch allein dadurch, daß er diesem Wechsel, daß er der Krankheit, der Schwäche und dem Schmerz, so zugänglich ist. da» geworden, woer ist. daß seine großartige Entwickelung allein davon bedingt-ist? Dennoch ist diese *»•' ßerordentliche Mannichfaltigkeit der menschlichen Zustände bestimmten und einfachen Naturgesetzen unterworfen, und die Statistik oveist nach, wie die verschiedene Leben-dauer in allen einzelnen Perioden de- Lebenan gewisse Zahlen gebunden ist. und in großen Kreisen in denselben Zahlen wiederkehrt. S» ist der Tod am Anfang, in der Mitte o.dier am Endeunsrer Laufbahn, so ist der leichtere oder schwerere Kampf, mit dem unser Sterben verbunden ist, doch nur eine Erfüllung allgemeiner Naturgesetze, vor welchen wir un» als einer großen, von der Hand Gottezur Erreichung allgemeiner und besonderer Zweckt also gestalteten Erscheinung de- Leben» beugen Müssen. Aber, fragen Sie weiter, wenn .auch die ganze Art' und Bestimmung de- Menschen eben so sehr einen, frühzeitigen wie späteren Tod zulasten mußte, wgist der Selbstzweck für ein so kurze- Dasein, da in der göttlichen Allwei-heit und Gerechtigkeit zwar die Gesammtheit Anrecht auf das Einzelwesen, aber auch dieseaus! jene bat? Die Antwort lautet: Durch die Geburt tritt dkrse- Einzelwesen in die Eristenz al- Mensch ein; sie ist für ihn das große. Factujn, audem Nichtsein in die. bestimmte Eristenz. al- Mensch geschaffen zu sein, und in der That ist diedawichtigste Moment deganzen tkrdentebenS. DaS diesseitige ' und jenseitige Leben finv nur für da» Auge de- Menschen getrennt und abgeschieden, sie sind an sich nur Ein Leben". Auf welchem Punkte der Entwicklung. mit welcher Entfaltung seiner Kräfte, mit welcher Veredlung seiner Richtung der Mensch in dajenseitige -eben eintritt. ist von großer Bedeutung, aber nicht von entscheidender für da» Dasein selbst. Die zahllosen Menschen, welche auf fehl: niedriger Stufe der geistigen Entwicklung. sei e» in intelleetuellrr, sei eS in moralischer Hinsicht, in da» Zenseit» eingehen, beweisen, daß - auf-diese Entwicklung allein nicht ankömmt, sondern am meisten, daß da» menschliche Wesen geworden und in der Gesammtheit de» Leben» diese bestimmte Existenz eingenommen hat. Wenig odep viel entwickelt. nach kurzem oder langem Leben, die Entwicklung im Zenseit» fuhrt da» Begonnene weiter — wem» auch da» Wie? unserm Auge verborgen ist.! . Hat also auch diese kurze Menschestblüthe eiste» schnell dabingewelktcn Kinde» de» höchsten und bedeutendsten Inhalt, die Existenz al» Mensch erworben zu haÜen. bann dürfen wir azrch nicht nach den Gründen undZweckdn de» Leidenfragen, welche die Auflösung diese» zarten Organismus herbeiführen. Wissen Sie denn, wie viel Bewußtsein da» leidende Kind von seinem Weh hatte? Andrerseits wij. sen wir ja, welche große Entwicklung-kraft auch dem körperlichen Schmerze einwohnt, so daß kränkelnde Kinder, in der Regel einen piel reiferen Verstand und Charakter besitzen, al» gesunde Kinder desselben Alter». In der Thai, au» dem Auge eineschmerzersüllten Kinde-, selbst, in den ersten Monden de» Lebenblickt unein ganz andrer Oeist-Her^ au», und dieist ,S gerade, wa» da» Elternherz so tief verwundet. E» eoncentrirt sich in solchem Lebsn in wenigen Tagen, wa» sich sonst auf Jahre verbreitet; und %