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Jüdisches Volksblatt · 1856-01-01 · 46 (1856) · p. Seite 183

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1855-1856)
Issue
46 (1856)
Date
1856-01-01
Page
Seite 183 (sequence 3)
Language
German
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IfeS -t— „Gieb Acht!" ffüstcr^e Görg feinem gleichgefinnten Nachbar zu. Jetzt mach' >ich'S! " Görg ahmte nach, wals die Knaben tl akcn und warf zuletzt noch ElwaS aus deV vollen Hand in’Ö Feuer. „Kapseln!" schrie Hnschel. „fort!" Da entstand ein knallende- Geprassel tnd Görg stieß einen furchtbaren Schreit huS. fuhr fich mit der Hand nach dem rechten Auge ustd lief rasend lavon. Mendel eilte seinem Freunde nach^ und die ander » Knaben, die da ahnten, waS vorgefallen, entfernten sich stillschweigend. Herschel war der Letzte allf dem Platze, x goß Wasser auf die Brandstätte und ^nachdem jede- Hüllkelchen erloschen war, ging, auch er Iracb HauS, abe: nicht so fröhlich, wie er gekommen ^var.- III. Der n^ue Haman. Görg hatte seinen Muthwillen schrecklich gebüßt, der Splitter einer Knallkapsel, die er in's Neuer geworfen, war ihm in'S Auge gesprungen und keine &ujfe war mehr möglich — Görg war »oh jener Stunde an einäugig — Der alte Sauf- Graf!wüthe»e im wasren Sinne deS Wortes, -er schwur allen IZuden Rache, und daS nicht gerade aus Liebe zu ftineyi Sohne — ein guter Trunk galt ihm am Ende mehr als feine ganze Ehrbare Familie — er hätte so gern einey Stab vom Zaiune gebrochen, um einen längst gehegten!8i,blingSplan zü verwirklichen, d. h. er wäre gar zu!gern in die Jutlengast' gezogen u. f. >v. — DaS Mährchen. welches Heische! am Chometzfeuer erzählt hatte, war keineswegs von dem Knaben selbst erdichtet, sondern leibte in dem Muiche der gesammten Einwohnerschaft in Hi DaS kleine Männchen sollte Niemand Anderer sein,;al8 GörgS Vaftr selbst, denn durch sein schlvelgerischeS, lunbesonneneS Leben soll er seinen Vater gänzlich und sich auch damit z»lr Armuth heruntergedrückl haben. NichtS konnte alfy den „Sauf- Grafen" mehr aufhringrn. als wenn man diese Geschichte erzählte, denn da wußte Ir genau, daß uan eS darauf abgesehen hatte, sich auf s^ine Kosten lusti; zu machen. Wie kam eS. daß Mendel an diesem Lage nach dem Unglücke am „Bach" mißchutbig und niedlrgeschlagen. ja traurig war? Hatte er Mitleid mir Görg? Nein, denn im Grunde erzeugt «ne s, lche auf schlechtm Grundsätzen und Neigungen gegründete Freundschaft ke ne rdlern Gefühle. Ist es doch eine ägliche Erschein mg. daß zwei böse Gesellen, die im Gl »cke unzertrennl ch sind, durch den leisesten Hauch von F »rcht oder Ungei iach die bittersten Feinde unv giftigsten Lerräther werde t. — Fürchtete sich Mendel vor den Folgen des Streichetben er unv Görg ausgeführt? Auch daS nicht. Der AffeS war schon zu oft den wohlverdientesten Züchtigungen entgangen, er hatte schon ..AergereS" anzestellt unv er war leer auSgegangen; wie konnte es i>m also jetzt einjfallen, ängstlich zu sein, zumal eS doch mir um ein Aug'^geschehen war. Warum war also Mendel denn wirklich iauS feiner gewöhnlichen Stimmung gefallen? Waruuj» schlich er so kopfhängerisch an den Mauern der Häuser vorbei? Weshalb schaute er beute ni b» jedem Vorübergehenden so ttotzig in'S Gesicht, wahrend eS doch an einem andern Tage ohne irgend einen Spott- oder Schimpfnamen nicht wohl ouSgeben konnte?' Im Innern ditlfeS vernachlässigten. verwahrlosten JlmglingS mußte eine mächtige Wandlung vorgegangen fein. Vielleicht ist die äußerste Rinde von ftiyem Herzen geschmolzen und ein lauer Strabl deS Lichtes sucht fich Bahn zu brechen zum jungen Gemüthe? Weriweiß. vielleicht ist das Innere MendelS von einem ahnungsvollen Schauer durchrieselt worden, vielleicht sind Myrte zu ihm gedrungen. di« er noch nie gehört, und die dyhrr um so wunderbarer ihre Macht auSüben. — — - ' ES kam der *Abend beran. Durch die Feyster in der Judengaffe glänzten schon die Kerzen aus dem Stderlische und AllrS strömte nach dem G.orleShaufe, btij Gott der Heerfchaaren zu loben und zu preisen für die Wunder, so er an Israel zur Zeit Der Knechtschaft in "Aegypten vollbracht. Der Arme dachte nicht an feine Armuth, denn er hatte an diesem Abende ja daS Bewußtsein daß zur damaligen Zeit Gott der Armen auch gidacht und ste erlöst; »parum sollte er eS nicht auch heute noch thun? Der Bekümmerte dachte nicht an seine Sorgest, — zu Haus, harrte seiner die Gattin, vaS Kind, der Freund, liebende Herzen, die der WehmUth Schatten verscheuchten. — Durch die Bogenfenster deS Tempelstrahlte da- Licht der Kerzen, .und hehrer Chorgesang ertönte in-feierlicher Weise. —. ( . Marku» war D.ych nicht heimgekehrft ufid M-ndel schlich von einem Hause zum andern, von eines Schwelle zur andern, vereinsamt und verlassen. Heute!z«m Ersten Male mochte er nicht bei seiner gewöhnlichen Gesellschaft weilen, darum auch sah et fich diesen Abend'so allein, . so ganz allein. „Alle sind da," sagte er traurig zu sich selbst, „nur mein Vater nicht; heute Nacht haben sie'- Alle lustig, nur ich allein "muß den Kopf hängen lassen." 1, i Allmälig näherte er sich dem Gotte-haüse immer mehr, und>ich weiß nichts wir »S kam, Mendxl— trat . ein. Schüchtern, scheuen Blickeschritt er vorwärts, um f irgend ein leere- Plätzchen zu finden. Er ftch sich hin fremd, alwäre er in einem unbekannten Larjde, unter unbekannten Menschen, ottd doch sah er di,ft Männer und diese Knaben' täglich und stündlich. Mehrere Male wollte er wieder sich entftnien, denn er glaubt^ in jedem > Auge «inen spöttischen Auödruck finden zu.müssen, doch eS zog ihn vorwärts, eS drängte ihn weiter, unv aler eS wagte, ftin Auge scheu umherschweiftn zu lalftn, stand er bei —; Herschel und wurde auch von ihm bemerkt. Erschrak diksrr Knabe über die aui heiligen Oltte so seltsame Erscheinung? Freute er fich darüber? Herschel trat einen Schritt seitwärts, um entweder dem .^Fremden" Platz zu machen, oder dem .Gefürchteten au-zuweichen. Natürlich glaubte Mendel daS Letztere. denn entartete Menschen finden in her» Handlungen Anderer 'und selbst der Besten. stktS einen Spiegel, ein Echo ihre- Thun-mod Lassen-. Mendel drängte sich mit ungestümer! Hast auseiner Umgebung und eilte hinaus; er fühlte sich gekränkt, zum ersten Male fühlte er fich verletzt von der vermurh«- ten Geringschätzung seine- Altersgenossen. Abep er nahm sich'- nicht vor, an Herschel Rache zu nehmen., er ersann keinen argen Streich, um dem Haupte ftiuejuntzen Glaubensgenossen HtwaS „anzulhun", es kam ihm vor, alS hätte Herschel Recht gehabt, eS schien ihm, alS verdiente er noch AergereS. Ennnuthigt schlich | er nach chause-

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