Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 45 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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17S unv Rabbiner — in Großherzozthum Mecklenburg tbat es in jüngster Zeit der Rabbiner allein — an den Rai/ ser Justinian (lebte von 527 — 565 n. Ehr.). — Die nichtjüdische weltliche Macht sollte entscheiden in einer rein religiösen Angelegenheit. Der Kaiser entschied — die heilige Schrift dürfe in jeder Sprache vorgetragen werden, dazu verbot.er den Archipherecitrn (Rabdinen) di« Anwendung deS BanneS und. den Unterricht in der Mischnab, damit, wie er sich offen äußerte, die Juden um so eber in den S«Ä>oß des Christemhums eilten. Aber gerade daS vereitelte seine Absicht. Den Juden gingen die Augen auf, sie erkannten, was man mir ihnen vorhabe und fügten sich nun willig den Forderungen ihrer R'abbinru. Unbedingter oder vernünftiger Glaube? Schulchan Aruch ober Philosophie? Der Streit: ob Glaube, ober Vernunft? Vernunft ebne' Glauben, oder Glaube ebne oder mit Vernunft? ist zu verschiedenen Zeilen in verschiedenen Landern und bei verschiedenen Confeffionen gefochten worden, und noch -heute, obgleich immer die Kämpfer für die Vernunft Äieger wurden, nicht zum Abschlüsse gekommen. Am Anfänge des 13. JabrbundertS trat dieserhalb ein 28jähr1zer Federkampf unter den jüdischen „Westmächren" ein. HS galt der Forteristenz des More Nebachim des MaimonideS, oder seine Ausstreichung aus dem Literaturgebiete. Auf der einen Seite stanvrn Salomon ben Abraham aus Montpellier, unterstützt von seinen zwei Schülern, Jona und David ben Saul, und schickten, im Vereine mit andern französischen Gelehrten, Bannbriese gegen .Alle, die daS ketzerische Buch, den More, lesen wür- >den. daS sie überdies dem Feuer übergaben — (wir sehen, daß auch unter Juve» Eeniur bestand); auf der andern Seite standen die wodlgegürteken, unbeugsamen Gelehrten za Bezieres, Narbonne und des größten TheilS der Provence. Die Angegriffenen sprachen. „WaS könnt Ihr uns denn zur Last legen? Wollen wir denn nicht Juden sein und bleiben? Verehren wir nicht mit gleicher Liebe, wie Jbr, unsere -RelizionSschriften, betrachten wir st« denn nicht als die Quelle unserer Gottes -Erkenntniß? Sind unS denn die Weifen des Alrertbums, die Schriftgelehrten nicht ehrwürdig,, selbst-wenn wir nicht aus jedes ihrer Worte schwören. Manches anders deuten, manche Schrift- .stelle in figürlichem Sinne nehmen? Und unser Leben? Habt Jbr etwadaran zu tadeln? ^Kind unsere Häuser nicht jedem »Wanderer geöffnet, verpflegen wir nicht im Stillen die Armen, üben wir die Gerechtigkeit nicht, sorgen wir nicht für den Unterricht der Kinder und für geeignete sehrschriften? Und solche Männer wollt Ihr ..Religim S-Ueberlreter" nennen?" (Sieh-den Brief deS David K mchi an den Arzr R. Jehudah Alphachr.) .,Ja, wir können Euch nicht a!S ächte Juden anerkennen." v§ setzten die Andern, so lange Ihr den More verehrt und vertheidigk. Dieses'irreleilende Werk nimmt einen bildlichen Sinn da an, wo er nicht statrflnden kann. Wie, d«! Stillstehen der Sonne zu Gideon, daS Reden deS BileemS SfelS. der Leviathian soll nicht buchstäblich zu »erste >en sein? Erwäget ferner: der More nimmt keine Aer derung vetz alltäglichen Welilaufs an und-läßt deshalb nur jene Geschlechter von Adam biS Noah ein hohes Alter erreichen, von denen eS besonderangeführt wird, wahrend er jene, vhn denen eS heißt: „sie zeugten Söhne und Töchter" nur unser gewöhnliche- Leben-alter erreichen laßt. Auch das Kind der Frau zu Sarepta soll nach ihm nicht todt gewesen sein, als ihm der Prophet Elias zum Leben verhaft-. . . So verdrebt Ihr den heiligen Sinn der Schrift übertäubt durch Wortschwall die denkende Vernunft und suchet durch schöne Redensarten die Herzen der Unwissenden zu gewinnen. Die griechische Wissenschaft lstsf, die Ihr über die Thora verehrt. die Euch irre leim; Ihr trinket auS fremdem Borne schmutziges, verderbliches Wasser und verachtet den eignen heilkräftigen LebenSguell." ..Das stnd ungerechte Beschuldigungen," erwiederten abermals die Ersterv. Nicht wir, Ihr mißversteht den Schriftstnn, da Ihr nur e> studirlen, stnd Euch fremd nem Auge. Sollen wir ne einseitige Bildung habet. Alle erlernen Wissenschaften, die unsere Alten sehr wohl Ihr sehet also nur mit eidie GotteSläugner gehörig ad absurdum führen, die Tho^a gegen alle Angriffe verrheidigen.— von welcher Seit« diese auch immer kommen — so muffen wir mit der griechischen Philosophie, mit der Astronomie und mit den Naturwissenschaften vertraut sein und deren Ergebniffe im Einklänge mir dem Bibelwone zu bringen suchen. Neberdi me Welfe unv vernünftig s soll Inhalt und Form unserer Reliigon andere Völkrr zur Ueberzeugung bringen, sie ist. daher Alles beftirigr werden muß, was diese Überzeugung zurückhält." So und ähnlich lautetest Reben und Gegenreden. Da beschwichtigte denn R. MoseS b. Nach mann, obgleich selbst zur orthodoren Partes gehörend, die Verketzerer. Er wies darauf hin. wie eitlem guten Baum unmöglich schlechte Früchte entstammen!, von einenz so erhabenen Manne, wie MaimonideS, kein verwerfliches Buch herrühren könne, er erinnertes wie wohlkhätig, menschenfreundlich MaimonideS war, wie er daS Svnagogen-, Gemeinde- und Schulwesen stützte und förderte, und überall den GlaubenSgenoffen beistanv, wo eS ihm möglich gewesen. Er legte ferner manche als ketzerisch angegriffene Stelle des More im orthovSren Sinne aus und vinvicirr« ihm bei Andern daS Recht freier Forschung, sowie er endlich auf die Hrnöwendigkeit der unter Juden vorzugsweise zu übendes-Duldung und Nachsicht hinwieS, damit die ohnebin 'schwachin Gemeinden nicht in zwei Theile auseinander gingen und sich schwächten. Die Wahrheit, die geistige Ueberlegenheit, Humanität, Aufopserungsfähigkeit für dclS Gemeinwohl und Selbstfüchtlosigkeit waren auf Seiten der Verketzerten, die Dannbriefe wurden zurückgenomm^n, der More nicht mehr verbrannt. er eristirt noch h^ute und gilt noch immer als ein Werk von höchster Bedeutsamkeit und verdientester Auszeichnung. >' 4. Di «geistliche mit dstrGelvmacht im Kampfe. R. Saadiah*) ward als Lehrer an die Hochschule zu @uta berufen. DaS BestaligungS- und AufstchlSrecht . .. - i *) Seine vollständige Biogravble sieb« lu meiner: Israels Geschichte von der Zeit de« Bibel-Abschlüsse« bi« zur Gegenwart, für Lebr-Aastaltea und Familien.