Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1856-01-01 · 44 (1856) · p. Seite 166

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1855-1856)
Issue
44 (1856)
Date
1856-01-01
Page
Seite 166 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4908862-5999341-6000769--0805-4909476
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

174 Jemand feit langer, langer Zeit, ganz einsam und tdr sich abgeschlossen in einem entfernten Walde gelebt bitte, so würde er sich, alS er plötzlich in die Judengrffr in H. trat, in der Lermukbung nicht getäuscht baden [ daß daS Osiersest ganz nahe vor der Thür sei. In de^, meisten Hausern war man eben mit dem Putzen und Aegeü noch nicht zu Ende gekommen, hier fügte man die blinken Fenster in die Angeln, dort in einem Zimmer '— man sab es^ von' der Gaffe aus — wurden weiße Vorhänge aufgezogen, an einzelnen Hausern legte der Maurer noch seinen letzte», oder vorletzten Kalkpinsel an, und bas bunte HauS blieb auch nickt zurück, wenigstens her untere Stock nicht, denn der Bettel-Jtzig schaffte einen neuen gelben Anzug an. Trotz all' dieses Schaffens find Wirkens aber war es doch, wie gewöhnlich, rubigI und stille und wäre eS auch so verblieben, wenn nicht plötzlich von der Ecke heraus ein kleine- Handwä» gelchest gekommen wäre, dessen Gespann und Gefolge mehr Lärm verursachte, als die wilde, nächtliche Jagd mir den feurigen Rossen und feurigen Rittern. Zu beiden Seiten ke4 Dagens und hinter demselben liefen nicht weniger alS ungefsibr dreißig keblenfeste Knaben, die aus vollem Halse unaufhörlich ..Ehemetz Holz! Cbometz Holz! Wer giebt Cbometz Holz?" schrieen. Das Gefährte war mit allerlei Holzäattungen beladen, neben einem mächtigen Buchenklotze^ lagen die Dauben einealten FaffeS nebst den dazugebörfgen Reifen, aut einer Schickte Eschenbrüzel sah.man Trünjmer einer alten Kindergeige, balbe Kistendeckel, zerbrochene Bilderrabmrn, Bäck.rsckeite, Torfstücke, Hobelspäne!, blesfirte Srietelzieher, kur; Brennmaterialien aller Form und jedweder pur denkbarer Gattung. Tie Fuhre war 4lfo nicht leicht und die zwei handfesten Jungen hätten sie dort, wo sich die Gaffe etwas bebt, sicherlich nickt von in Stelle gebracht, wenn nickt der Franzosen-Herschel vier eklter Kameraden beauftragt hatte, wenigstennachzuschicken. Und so ging es denn von Stallen. Gewiß war S zum zweiten Male, daß die Knaben durch die Judengüsse fuhren, sonst könnte dir Sammlung doch gewiß noch itickl so reich sein. Sie hielten daher jetzt bei keinem. Haus' meh^ an, um durch einen Abgeordneten die übliche rreiw llige Hafzsteuer erbeben zu lassen, sondern sie fuhren stolz und mtt einem edeln Selbstbewußtsein unaufhaltsam durch, obgleick vaS Geschrei nach Cbometzholz kein Ende nebn en wollre und dorr feine Verstärkung iroch. erhielt, wo i in Knabe $u seinem Hause kam, denn da mußte tt doch au- Leibeskräften schreien, damit die Mutter oder Schneller ans Fenster kamen. . „Haft!" rikt jetzt Herschel, alS die Truppe beim bunten Hause angeiangt war. „halt!" ^.Und der Knabe schwang seinen Tischfuß mir einer diktatorischen Miene'. alS gälte eS Millionen zu beherr» . fchesi. „Halt!" batte er gerufen und alsogleich stand die Holiiuhre stille und die ziehenden und schiebenden Knaben keuwien^und wischten, mir vergnügtem Stolze den Schweiß von der Stirne. ^.Wartet hier," sprach Herschel, „ich will den Schlüssel zu unserer Schupfe holen, dann fahren wir in den Höf. un^ werfen das Holz hinein. Bleibt aber Alle da, ich bin! gleich zurück."!und-bevor noch der, Knabe das letzte.Wort gesprochen hatte, war er in da- Haus gelaufen und die Treppe hinan gestürzt. Unterdessen freuten sich die Knaben an der Erinnerung, die sich an einig* Holzstücke knüpfte, wie eS ihnen Mühe gekostet, das alte Faß zu z,rlrümm/rn, welche UeberredungSkunst sie aufgewendet, um dem geizigen ..Bäck" drei lange Sckeite abzudrängrn. was-paff! da fiel ein Stein in der Mitte der Knaben mit einer solchen Gewalt nieder, daß sich Splitter von demselben trennten. Betroffen wichen die Knaben auseinander und schauten, woher vieser^Stein gekommen, und Einer schrie: „VaS ist der AffeS. der AffeS! Ich habe ihn hinterm Thore ge-" Der Knabe stieß einen entsetzlichen Schrei aus und fuhr ' sich mit den Händen nach dem Hinterhaupte und warmes Blut rieselte über den weißen, weit auSgelegten Hemp« kragen. Ter zweite Stein hatte sein Ziel nicht verfehlt, denn Mendel halte ihn geworfen, und Mendel war geübt darin. Er hatte mit seinem Kameraden, dem Sohne deS . oben erwähnten „Sauf-Graf," auf die Knaben gelauert; und von bern Verstecke aus auf dieselben geworfen. Er schien seinen Zweck erreicht zu haben, denn kaum hatte der! verwundete Knabe jenen Schrei auSgestoßen, als er und j sein Freund mit einem rahen Gelachter aus dem Verstecke | sprangen und das Weize suchten. — I Unsere jungen Freunde aber gehörten gerade nickt zu den Muthigsten, denn kaum batten sie da- Blut rinnen j sehen, alS sie blaß und bleich auseinander stoben und in I der Ferne erst stehen blieben. Nur Einer war bei dem!.kleinen Jakob, und dieser war Herschel, der unterdessen i mit dem Schlüssel auf den Schauplatz gekommen war.! Er zog den noch immer weinenden Knaben in die HauS- ' stur zu dem Brunnen, wujH' die Wunde und verband sie mit seinem Taschenkuche, dann führte er ihn in das Zim« 1 nur seiner Eltern, gab ihm ein Buch und sagte: „Ick j bitte Dich, Jakob, bleibe hier bi- Du keine Schmerzen : mehr hast; wenn wir da- Holz in der Schupfe nur versorgt haben, dann komme ich zu Dir und dann spielen wir auch zusammen. Wenn Du blutend nach Hause . kommst, so erschrickt Deine Muner. Jakob war mit Allem zuftieden und Herschel eilte wieder auf die Straße. Das Hanvwägelchen stand noch immer an seinem alten Platze, nicht fot die Knaben, — die trauten sich noch immer nickt recht, naher zu kommen. Herschel hätte vor Zorn und Wuth gern geweint, es thar ihm so wehe, daß es dem Mendel schon wieder ein Mal gelungen war, schadenfroh über ihn und seine Kameraden sein zu können, es tbat ibm aber dienoch mehr weh, daß er sich nichz webreu konnte. „Kommt doch," rief, er den andern Knaben zu, „fürchtet euch nicht, er ist schon fort." Herschel befass VaS unbedingte Vertrauen seiner Genossen, und auS allen Ecken der Gaffe liefen die Knaben wieder herzu, und wenn auch Einer oder der Andere zaghaft schien, so durfte er eS doch nicht zeigen. .Schweigend schassten die Knaben da- Ehometz-Hol; in die Schupfe, sie arbeiteten rüstig und unverdrossen, aber nicht mehr so fröhlich und heiter als Anfangs, und besonderwar es Herschel, den man den verhaltenen Ingrimm nur zu deutlich von dem Gesichte ablesen konnte. Und alS sie mit der Arbeit fertig waren, alS Herschel schon die Schlüssel abgezogen hatte, sagte err „Wartet

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.