Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 42 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
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am Tische Platz zu nehmen, und nachdem er Kiddesch 'ge. macht, regalirte er seine Gäste mir einigen weiteren AuS» legungen der Sidrab. Im Verlaufe de< Gesprächekheilte er mir noch mit, daß er Nachmittagum 3 V, Uhr predigen würde, freute sich über mein Versprechen, nicht dabei feblen zu wollen, und entließ uns auf fteundliche, echt patriarchalische Weise. Wie lebendig war eseitdem in den Straßen geworden! -Männer und Frauen in ihren prachtvollen Sab» bathanzügen kehrten haufenweise auden verschiedenen Svnagogen beim, und Mägde, hübsche, schwarzäugige Dirnen, sah man überall mit den Sabbathspeisen und in lebhafter Unterhaltung durch die Straßen, eilen. Mit dem -schönen' Turban über den rabenschwarzen Flechten, ihren von Freude und Zufriedenheit leuchtenden Augen schien es, als wolle die schöne Zugend von Wilna alleinigen Besitz von der Stadt nehmen. Doch bald war auch die- Bild verschwunden, und wieder waren die Straßen still und menschenleer.! . Rach dem Essen hielten die Männer Mittagsruhe. Alke Großmütter, umgeben von den Frauen ihrer Familie, saßen am Fenster und lasen andächtig, Thronen in den Augen, die Ehedrah arena, oder andere derartige Schrift > ren, denen die Töchter mit einer Aufmerksamkeit lauschten, als hörten 'sie diese zum ersten Male in ihreizr.Lebtn. .An > andern Fenstern sah ich Vater mit ihren kleinen Knaben. I die. sie in dem in der Woche Erlernten eraminirten und 1 diejenigen mit Aepfeln und Zucker belohnten, welche doS Eramen gut und rur Zufriedenheit bestanden. Die kleinen Knaben in ihren kurzen Sckubbezen, ihren Pelzmützen und chrln. langen, krausen Peies schienen glücklich wie ein Körnig, und wenn der Melamed einen von ihnen als. ein künftiges Licht Israelbezeichnete, so schritt der kleine Schüler mit einem solchen Ernst und in einer solchen. Würde daher, wie man sie bei der jüdischen Zügen» in Deutschland nirgends wahrniiumt. Kleinere Berichte. II. Aus" KönigsÜe rg in Preußen. tbeilt, fich hier al» Bürger niederzuläffen und ihm die PrariS bei dem Herzoge selbst in Aussicht gestellt. Die sonstigen Andeutungen und amtlichen Erlasse auS dem genannten und folgenden Jahrhunderte beziehen fick nur auf die geschäftlichen Verhältnisse der hier sich aufhaltenden und reisenden Israeliten und lassen unS einen trüben Blick in die mannigfachen Erschwerungen thun, welche den Israeliten überall durch ein ihnen au-fgedrungeneS LebenSverhältniß*), den Handel nämlich, bereitet wurden, der doch wieder den Eifer und Neid an« derer GeschäftSgenoffen erzeugte. Man war in jener frühen Zeit noch nicht zur Einsicht gelangt, daß davielfache Jneinandergreifen und der Wetteifer der Bestrebungen neue Kräfte. Erfindungen und auch n'eur Bedürfnisse erzeuge und den wirklichen Fleiß nur noch segensreicher mache. Es ist in dieser Beziehung ein Zeugniß von Wichtigkeit, welches im Anfänge des vorigen Jahrhunderts die oberste Behörde dieser Stadt den Israeliten auöstellte,! indem der Graf von Dohna dem Könige nachweifet. daß die geschäftliche Arbeilsamkeit der Zsraeliten nicht, wie von einer Seite angegeben worden, schädlich, sondern vielmehr dem Könige und dem Gemein, wesen n ützlich sei*). Auch schon früher lag e-, wie eö scheint, in der bessern Gesittung von Königsberg- Einwohnern und in der milden.Handhabung der Gesetze von Seiten seiner amtlichen Behörden, daß nicht allein rohe Ercesse, wie an andern Orten, hier niemals vorkamen, sondern die Hindernisse. welche dem Aufenthalte der Zsraeliten fich entgegenftellten, stetS nur vorübergehend waren. So geschah es, daß im Jahre 1680, also vor 175 Jahren, den Israeliten die Einrichtung einer Snnagoge, durch Friedrich Wilhelm, den großen Cbursürsten, gestattet wurde. Sie erlangten dazu mietbweise eine Räumlichkeit auf der Schloßfreiheit^). Jndeß mußten noch, bei dem Mangel eineeignen BegrabnißplatzeS, die Leichen über 30 Meilen weit weggeführt werden. Die damaligen etwa vier auf rer .Schloßsreiheit wobnenden israelitischen Familien reichten deshalb kurz nach der Krönung des ersten Königs von Preußen, bei demselben zu Berlin eine Vorstellung ein4}, Am zweiten September vorigen ZahreS feierte die SraSl Königsberg in Preußen ihr 600WnzeS Jubelfest. Auch in der Synagoge fand an dieftm Tage ein feierlicher Gottesdienst statt, bei welchem der Prediger der Gemeinde, Professor I)r. Saalschutz, einen geschichtlichen Rückblick dielt, aus dem wir Folgendes mittheilen. lieber den frübcsten Aurembalt von Israeliten in dieser Stadt giebt es nur ungewisse, dunkle Nachrichten. Das.Erste, welches einen sichern Anhalt gewährt, ist ein Schreiben des Herzens Alberr, des Gründers der hiesigen Hochschule. vom Herbstendes Jahres 1538, also vor etwa 318 Jabren. Es ist an einen jüdischen Arzt, NamenS Zfaak Mao. gerichtet und gestattet ibm, aut die drmgdNdc Bitte einer Königsberg» Hausfrau, die durch denselben von einem gefährlichen Augenübel und sonstiger Krankbeit berreir zu werden hoffte. hier seinen Azjsentbalr zu nehmenunb zu vrakliciren. ‘ Trei Jahre später wurde ebenfalls von renr Herzoge einem andern israelitischen Arzt, Namens Michel Abraham, di« Erlaubniß er- ') Während der 150stjäbrigen Däner ihres eigenen Reiches .' in Palästina, wo die Israeliten ein Ackerbau und Viehzucht treibende- Vklk waren, zeigt sich bei ibnen eine vellkommne Gleichgültigkeit, ja Abneigung gegen die Beschäftigung mit Hantel. Neigung. Sitte und (besetz wiesen dasselbe auf den Anbau, des Landebin. best nach Zerstreuung de- Belkes in ander« Länder. da Ackerbau. Handwerke und Künste, Wissenschaften und SkaatSämier ibnen unzugänglich gemacht, der Handel aber ibnen ' allein onen gelassen, lbeilweise durch zweideutige Vorrechte (als: . Gestaltung höherer Zinsen) noch lockender gemacht wurde, muß- > ten sie sich seinen Interessen, durch die Holk» der Zeiten gezwur-! gen. hingeben. Daß sie es vielfach, wen in einer großartigen | Auffassung» mit Glück tbaten und durch wichtige Erfindungen ' (z. H. der Wechsel nach Montesquieu) die HandelSverhältlllssegleichsam vergeistigten, ist anerkannt- _ *) Antwort de- Grasen v. Dobna auf das Könizl. «chreiben vom 18. November 1713. G.b. Arch. 38. d. 4. , *) Zn' dem jetzigen Deutschen, damaligen Gräflich E„- 1 lenvurgischen Hanse in .der Tbeaterftraße. welche wegen einer , die Straße schließenden Mnble Kebrmiekerstraße hieß. Fabcr.; die Stadt Königsberg S. >4Z. Schubert, zur 60üjäbr.! Jubelfeier d. St. K. S. 88. , •*) D..d. Berlin, den Lt. Avril 1701. «eb. Arch. 38. d. l. i Sun. Sach.