Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 42 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches BolkMatt.! ' 1 ^|r -*•, j Belehrung und Hnlerfjaftung auf jüdischem Dekrete. JHerauS-itzebeR vo» ■ j y abbiner Dr. Ludwig PhiUppsov in Magdeburg. -! ’ fRo. 42. 1856 ] Do» Meter 3*Uf4rifi erMwtat ■MxiUI* Hilf 9tuan*fT. PrH» ff* Kotzf. I«H«I 1 IWt. SirTftffi»ri* *>/, *it-' All» •>>>*■ ln »«» 3Hltin«|M;rfMtipnrn nfbaen MlfüUH»«» «i«. l2.Zch»4.«U«^] ll ■—» Meine Äteisen in Ä^nßland. VII Sei Dr. iili«»1hal in Eincinnati. <Nsch ,,the Nrasllte.'*) i Der Sabb ath ijn Wilna. Endlich öffnet sich die Thür, und der Großvater. Daker, feine Söhn, und Schwiegersöhne treten in da< Zimmer. Die Frauen erheben sich und begrüßen die Ankommenden mit »einem so freundlichen, herzlichen „Gut SchaboeS", als hätte man sich seit langer Zeit nicht gesehen, oder al» seien die Männer am Sabbath ganz Andere, unberührt von weltlichen Interessen und Bestrebwigen. nur dazu gestimmt, fich den Freuden der trauten Häuslichkeit und den Segnungen de- Familienglücks zu üÜerlassm. Der Großvater, ein Mann von einigen fünfzig Jahren, tritt, nachdem er die Engel des Sabbath mit dem gebräuchlichen ,»Shalom alechem" begrüßt bat, zuerst an den Tisch, um Kiddesch zu machen. Seine alte Gattin erhebt sich von ihre^i Lehnstuhl, tritt zu ihm, steht mit verschränkten Armen neben ibm und antwortet auf daß Gebet ibreS Gatten Mit einem andächtigen ..Amen", in welches ^ie'übrigen Familienglleder mit einstimmen. AlSdann verrichtet der Vater in gleicher Weife die heilige Cerrmoaie, worauf die verhei. raiheten Söhne und Schwäger mit ihren Frautn, den Segen sprechend, ihre Plätze ajn dem großen Familien« rische einnehmen. Nach kurzer Unterhaltung setzeft ste sich zum Abendessen, und die Ruhe^ die innere Befriedigung und innige Stimmung, die All« zu beseelen schien, machte einen äußerst angenehmen und bleibenden Eindruck.äuf mich. Ich eilte heim, und kaum Hane, ich etwas Speise zu mir genommen, als ich auch sch^n wieder auf der Straße war. um meine Beobachtungen fortzusetzen. Still, sehr still war eS überall, nur hier und da erblickte mtm einige Leute, die wahrscheinlich ihren sberwankten einen Besuch abstatten wollten. Noch einmal sterläden, wo Einige ihreSemiroth schastlicher Unterhaltung mit ihre angekommenen Freunden begriffet waren; ste Aste hatten ein ander,- AuSsehn und Wesest. Die finstern^ sorgenvollen Züge waren verschwunden, man schien mit seinem Gott und den Mühen deS Leben» auSg,föhnt; die milde Hand der Religion hatte ihren geilenden Balson aus die Sorgen eine» jeden verwundeten Herzengelegt, und die überstandenen Leiden, sowie die Sorgen um die Zukunst, schienen »ermessen; Vertrauen ai f den ewiglebenden Gott Israelin seiner Güte und Barmherzigkeit war st ltt dessen blickte ich durch bie Fenfangen, Andere ih freund- Familie oder ^en eben in Aller Temüth eingekehrt, «an schien steh nur allein der Religion und ihrer R-'gnngr» z« freuen. Doch bald begannen die Lichter allmälig zu erlöschen; nach einig«, Stunden waren die Krauen und Kinder eing,schlafen, während die Männer noch bei einem hebräischen Buch» saßen und den Eommmtar de» am folgenden Tage tzorkommenden Eapltek» lasen. Roch eine halbe Stunde später und Wilna, dieser Bienenstock von Jude», war ganz still und ruhig. Wahrhaft ergötzt von dem nie gesehue« Schauspiel, erfreu» über di» Heiligkeit, mit welcher der Sabbath noch von /unfern Glanbsntgenossen in Rußland gefeiert wird, kehrte ich in mein Hotel zurück. Am Sonnabend früh ging ich zur Synagoge, die ich schon bei meiner Ankunft überfüllt fand. Bevor die 8epher Torah herauSgrno»men war. wurde ich aufgesordert, die Synagoge zu verlassen,, und in eine» der oyfto» ßenden Zimmer zu kommen. Da e» rein unmöglich ist, daß selbst im Laufe deganzen JabreS alle die, Besucher de» mächtigen Gebäudezum Lesen dpr Gesetzbücher |tif> gerufen werden können,. so verlassen die Mitglieder verschiedener wohlthätiger Gesellschaften vor der Keriath ha» torab den Gottesdienst, um in einem der vielen angrenzenden Zimmer die Parafba zu lesen. Diese Leute jlnd sehr eifersüchtig auf ihre Vorrechte und man betrachtet e» als eine große Ehxe, von ihnen zum Lesender Pargfha eingeladen zu werden. Demnach durste ich wohl die Einladung der ältesten Ehevra mm Wilna als > eine günstige Vorbedeutung für den Erfolg meiner Mission ansehn. I Nack Beendigung de- Gottesdiensteward ich dem Stadt-Magid von Wilna, welcher die Synagoge regelmäßig besucht, vorgestellt. Er war ein Mann von <jim. ge^ sechzig Jahren, von hoher Gestalt und einem freundlichen Ausdruck in den Augen. Er begrüßte mich sehr herzlich und lud mich ein, mit in feine Wohnung [ zu kommen, wo ich eine auserlesene Gesellschaft antraf, > die auf den Magid wartete, der alle Morgen nach dem chlotteSdienste die Thora (Erklärung deS Gesetzes) vorlaö. Da traf ich keine komfortable Wohnung, keine glänzend c^uSgestatteten Zimmer, keine Spur vou^Aeichthum. Durch ein dumpstze» Gewölbe, und einen unreinlichen Eingang führte man mich in eine Art von Keller, das StriÄrnzimmer de» Magid. Die büstern Wände waren fät^mt- Uch mit einer zahlreichen und kostbaren Bibliothek «^gefüllt. Ein in der Ecke de- Zimmer» stehende» Bett, ^var die Lagerstätte de» frommen Mann--; ein alter etchtner Tisck und ein paar hölzerne Armstühle machten außerdem die ganze Ausstattung seine» Zimmer» au». Er bat »ich,