Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 39 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
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au-gezahlt wird, ertfilt, flr die frommen Stifter Kadisch gesagt wird. Hier steht auch die große Zeschibah, die von der Hinterlassenschaft eine- Schornsteinfegergegründet ward, der kinderlos und äußerst sparsam mit seiner ftommen Ehehälfte gelebt und fein ganzegroße- Vermögen einer Stiftung vermacht hatte, in welcher ungefähr 200 Schüler in allen Zweigen der talmudiscken Literatur unterrichtet-und zu Rabbinen au-gebildet wurden. 3» Mit« ten aber all' dieser und noch vieler andern Synagogen steht eia prachtvoller Tempel, die Hauptschule von Wilna. Ursprünglich war derselbe von de» Karairen mit all' dem ungewöhnlichen Geschmack und Glanz, welche die Synagogen dieser Secre überhaupt au-zeichnen. gebaut worden. Sparer jedoch, als die Karaiten au-Wilna ver» trieben und sich nach Rosican'. der einzig übriggebliebenen karailisen Colonie im nördlichen ^Rußland zurückgezogen batten, stellte man diese SynagogeJuden zur Derfü« gung. Da» Gebäude ist wenigsten- 70 Fuß hoch und von einer ungeheuren Ausdehnung. Ich suhlte mich von Erstaunen und Ehrfurcht bewegt, alich in die düstre Halle trat, die damajestätische Gebäude umgiebr. C» war. albegrüßten mich bier die entschwundenen Jahr» bunderte der jüdischen Geschichte, und alwenn die alten Säulenhallen. Vte, gewöhn», nur Sitten und Trachten audem 14. Jabrhunderr zu sehen, erstaunt seinmüßten, ei» nen modernen jüdischen Fremdling zu erblicken. Im Vergleich mit der Vergangenheit, von welcher diese düstern Mauern Zeugen -gewesen, erschien man sich so klein und unbedeutend. Da- Gefühl, mit welchem man diese- Gebäude betritt, ist ein ganz andere-, alwenn wir in eine unsrer neugebauten Svnagdgen treten; in diesen ist e» die Hoffnung auf die Zukunft, die un» freundlich zur Be» barrlichkeii in unserm heiligen Glauben ermutbigt, in jener ist edie Vergangenheit, mir all' ihren Schrecken und Martern, die' uagleichsam zu sagen scheint: werdet Ihr nicht unsrer Leiden lachen, nicht der ewigen Wahrheit, für welche wir Gut und Blut geopfert, ungetreu werden! Beim Eintritt Famen mir die Worte des Patriarchen Jakob tn den Sinn: „In Wabrbeit, dieist ein Gotte-hau-, diedie Pforte de- Himmel-!" — Eine großartige Treppe , führt hinab in da- Innere de- Tempel-, in dessen Nischen i man unzählige kupferne Büchsen steht, die zu Gaben für milvlhätige Stiftungen bestimmt find. Auch der Aerrnste. fcft im Laufe der Woche nur wenige Pfennige erübrigen konnte, -legte sein Scherstein auf den Altar der Barmherzigkeit und Mildthätigkeit nieder; die Zedakah wird noch jetzt aldaerste aller Gesetze betrachtet, und Niemand würde seine religiösen Pstichten erfüllt zu haben glauben, wenn er nicht die Zetakab gegeben hätte. Ist man un« re« an der Treppe angelangt, so steht man gerade an dem äußersten Ende der Svnagoge und hat den vollen Mick auf damajestätische Gebäude. Drei mächtige Gallerten für die Krauen, eine über der andern, ziehen sich am südlichen, westlichen und nördlcchen Flügel der Synagoge ent» lang, und sind an Festtagen wohl von mehreren tausend Damen besetzt. In der Mitte de» Gebäudestebt die Dimah, von einem reich verzierten und auf Vier bizur Decke reichenden Säulen rubenren Baldachin bedeckt; die Taftlplatte, aus welcher die Thora liegt, ein alte- Brrmächtniß ron reinem massiven Silber. Auf der östlichen Seite befindet sich die au» drei Abtheilungen bestehende und die unzähligen Sephorim enthaltende, heilige Lade, zu welcher von außen eine zierliche Treppe führt. Sie ist mit reichem, tbeil» vergoldetem, theil» gemaltem Schnitzwerk verziert, ein ungeheurer Vorhang bedeckt die Thü» nto. Wenige Jahre vor meiner Ankunft war dieser Vorhang am Jom Kipur in Brand gerathen; die vom Schrecken erfaßten Frauen stürzten so ungestüm dem Au-gange zu. daß mehrere von ihnen im Gedränge erdrückt worden waren. Die Kirchenstühle, alt herkömmliche Ständer, standen in der ganzen Synagoge, welche an Festtagen wohl 2 —2000 Andächtige, allein männlichen Geschlecht», enthalten mag. unordentlich umher. In alten Zeiten waren die ersten vier Reihen Ständer zunächst der Lade nur für die Morenoö, die großen Talmuvgelehrten, bestimmt. Und noch heute zeigt man den Kirchenstuhl deberühojten Schabbatai Cohn, ver einst Parnaß in Wilna gewesen, und noch vieler andrer bedeutender Männer. Einer der viele» Küster wiemir einen Platz in der Nähe de- Rabbi Gordon an. welcher iadeß, wie die meisten alten Rabbinen, die in ihrem eignen Hause Minjan haben, die Synagoge nur selten besucht. Da an den Freitag-Abenden ein Jeder vorzieht, in die seiner Wohnung zunächst liegende Svnagoge zu gehen, waren überhaupt nur Wenige bei dem Gottesdienste anwesend. Die Synagoge war glänzend mit Wachskerzen erleuchtet; der berühmte Ehasan. dessen ich schon früher erwähnte, und einige Sänger trugen die Gebete auf erbauliche Weise vor und nachdem mir manche» herzliche „Gut Schabbes" gesagt worden, verließ ich mehr als befriedigt den Gottesdienst. Allewar still und ruhige alich wieder in die Straßen trat; zum ersten Male in meinem Leben bekam ich einen Begriff vom Sabbarh, wie er ehedem von unfern Voreltern im heiligen Lande gefeiert sei» mag. Himmel und Erde, Mond und Sterne, Häuser und Straßen, Alleschien zu predigen: Es ist Sabbath, der vom Herrn geheiligte Tag! Sämmtliche Läden waren geschlossen. keinen Wagen hörte man auf den Straßen, eine heilige Ruhe herrschte überall. Außer den au» ver Svnagoge kommenden Leuten war kein Mensch in den langen, eia» > samen Straßen zu sehen. Die hohen fünfstöckigen Häuser waren vom untersten Keller bizu den Dachstuben hinauf erleuchtet; eschien, al» habe die ganze Stadt ihren schönsten Festtag-schmuck angelegt, um die himmlische Braut de» Sabbath in würdiger Weise zu begrüßen. Voller Br» wundrung, versunken in tiefe Gedanken stand ich inmitten diese- Schauspiel»; nur dann und wann störte mich da» „Gut Schabbes'^ eineschnell an mir Dorübereilenden. der dann bald in einem der Hauser verschwand. Ich folgte einigen dieser Leute und suchte durch eine Spalte der Fensterläden einen verstohlenen Blick in da» Innere der Zimmer z» werfen. E» war mir intereffant, einmal zu sehn, wie man im Kreise dieser Familien den Sabbath feiere. Wie rein und nett sahen diese Zimmer au». Die frisch gescheuerten Fußböden waren mit feinem Sande bestreut. die Wände mit vielen Leuchtern geschmückt; in der . Mitte de- Zimmer» stand der große, mit einem schneeweißen Laken bedeckte Tisch, darauf mehrere Paar EhaloS j (Sabbathbrot), eine Flasche Wein und mehrere silberne ' Becher. In der einen Ecke d^s Zimmer» im großen leder-! nen Armstuhl saß die Großmutter, da- Haupt von einer