Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 38 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 150 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4908862-5999341-6000763--0775-4909452- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Żory 2× ep/1048188
OCR text
Hingebung in den Willen der Vorsehung ein so theures und sich aufopferndes Mitglied noch von sich weisen können. und da auch in her Gestattung seines freien Zutritts in die Svnaqoge nichts Gesetzwidriges lag, so willfahrte man seiner Bitte, und StebUtzky verrichtete den morgenden Tag daS erste Mal den Gottesdienst in der Mitte.der jüdischen Gemeinde. Kaum verbreitete sich die Kunde, daß Steblitzky unter seinen neuen Hlattbensbrüdern in der Svnägoge, gleich jedem andern Israeliten, bekleidet mit den an tixsem Tage gebräuchlichen Todesklecvern und Gebetkittel — zur Erinnerung an die Hinfälligkeit des Menschen — die Andacht verrichte; als viele christliche Bürger, im höchsten Grave darüber entrüstet, auf alle mögliche %rt an ihm Rache zu nebmen trachteten. Einer unter denselben, ein roher und fanatischer Mann, war fest entschlossen, noch an diesem Tage um jeden Preis seinen unauslöschlichen Rachedurst an ihm zu stillen, und stellte sich zu diesem Zwecke, mit einer Anbewaffnet, am Eingänge der Synagoge, in der schrecklichen Absicht, Steblitzky bei seinem Rachhansegehen nreuchrlmörderisch zu tövlen. Die im Belhaüfe versammelten Israeliten erbebten bei dieser Nachricht; fürchtend einen allgemeinen Aufstand gegen sie Alle, stunden ne rathloS und wußten nicht, was zu machen fei. Einzig und allein Steblitzky, dem die Gefahr am nächsten anging, äußerte voll Vertrauen auf Gotl.'nichl die mindeste ZurLt; er vertröstete noch' die Gemäße /»«d bat, sich in der Andacht nicht stören zu lassen. Als die Sonne ihrem Untergange sich neigte und alle Gebete beendet waren, da erfüllte Bangen und Grauen die Brust «ne» Jeden. und^.KeiZ^^w^te.. die .Schwelle des BetbauseS zu betreten. D^'rief Steblitzky voller Ruhe und Begeisterung: „Deini^Whand. o Gott, übergebe ich meinen Geist.' Du.erlösest «ich/ Gott der Wahrheit!" und war der Erste, der sich zum Nachhchusegeben an - schickte — und siehe, als er an dir Außenrhüre rer Synagoge anlangte und seinen beabsichtigten Mörder zu Gesichte bekam, da entsi.l diesem aller Mutb, und die zum Morde fast autgebobeyc Hand wurde ibm wie gelahmt. — Steblitzky kam also unbeschadet und glücklich nach Hause und lobte Gott mif allen seinen GlaubenSbrüdern für die glückliche Errettung aus dieser so nahen Gefahr. Doch sollten bald glücklichere und rudigere Tage .für ibn kommen. Die Antwort deS weisen, großen und gerechten Monarchen, die Antwort, auf die Alle mit namenloser Ungeduld gespannt waren, traf endlich ein und rechtfertigte in eben dem -Grade das Vertrauen Steblitzkyauf Gort und auf die Guave des KönigS, als sie.seieicn rache, schnaubenden Feinden olle ihre unmenschlichen Wünsche und Erwartungen vereitelte und zu Schanden machte. Wir theilen hier den Inhalt de» königlichen Bescheide» mit: „In Sachen des gewesenen Bürgermeister- Skeblitzkr, ..der zum Jubenthume übergetreten, geben Wir folgenden „Bescheid: ' , \ „ES geziemt durchaus nicht dem menschlichen Richtest, „sich in die Angelegenheiten zu mengen, die zwischen detzi „Menschen und Gott vorgefäÜen. Hat besagter Steblitzky „durch seinen leichtsinnigen Schritt sich gegen die göttlcHe .Majestät vergangen, so wird dies, ihm die gerechte Strafe >aukommen lassen, aber uit» steht das Recht nicht zu, „dem Willen GvtteS mit.unserer beschränkten Urthtils- „kcaft vorzugreifen." ..So gestatten Wir'auch nicht, den benannten, stinrr „väterlichen Religion untreu gewordenen Steblitzky zur „Rückkehr in den Schooß der katholischen Kirche Jam* „gen. Der Zwang, wenn er schon Etwas' auSricdret. „verschafft der Kirche ein Mitglied, daS nur dem Sch ine „nach eS ist, in seinem Innern aber der seiner „Uebrr- „zeuzung entsprechenden Religion angehört. Wozu also „der Kirche ein krankhaftes heuchlerische- Mitglied?" „Betreff der enlstanvenen Kosten, erklären Wir: da cS „gar nicht nöthig war, sich mit dem Manne soviel „zu schaffen zu machen, noch viel weniger auf die bloße „murbmaßliche Meinung hin, daß derselbe von Simun „sei. Ausgaben und mannigfache Kosten zu veranlaffen: i'o „müssen diese der dortigen Commune zur Last gelegt „werden." „Und da ferner auS den Acten berdorgebt, daß bc „,'agrer Steblitzkv ein treuer, diensteifriger Uniertban g.- „wesen, und daß er, besonder» während feiner AmiSjadre, „sich viele Verdienste um die Menschheit erworben hab.n „soll: so befreien Wir ihn von allen Abgaben, womit die „Juden allein belastet sind." Dies ist die königliche Verfügung, auS welcher der erhubene Geist Friedrich deS Großen, der frei von de, blinden Vorurtbeilen der Zeit sich gemacht, deutlich heraus pricht. DaS hatten-die Feinde des neuen Juden nicht erwartet, eine so totale Vernichtung ihrer Hoffnungen war ein zu baner Schlag für sie! Doch mußten sie schweigen, der Ans''pruch des Königs war unwiderruflich. — So rubig und glücklich - Steblitzky jetzt Glauben hatte leben können, so nöthigre ihn doch die »uausld'chbure Feindseligkeit zwischen ibm unv der chriü..- chen Bürgerschaft Rikolai's, durch welche er manche Kränkung erlitt, Nikolai zu verlassen, und nach Sohrau zu seinein dort verheiratbeten Sohne, der als Posthalker in recht glück! chen Umstanden lebte, mit seiner Frau zu ziehen. Letztere batte oft den Wunsch geäußert, ebenfalls Jsraelitiü zu werden; aber Steblitzky batte sie davon obzubalten! gesucht, weil sie durch dasöffentliche Bekenntniß neuerdings daS Volk gegen sich und olle Israeliten in der Umgegend aufivicgeln würde und sie doch auch jetzt nach jüdischer Silke leben könne. Er genoß in Sohrau recht frohe und ruhige Tage, suchte den fleißigen Umgang frommer unv gebildeter Israeliten, von denen .er sich in der jüdischen Wissenschaft, so weit eS sein vorgerückte- Alter gestattete, unterrichten ließ, und brachte es so weit, daß er obneBeibülse Mischnajoib*) und Schulchan Aruch*') lesen konnte. Seine Anhänglichkeit zum jüdischen Gläiibcn behielt er biS zu seinem Ende. Womit er sich am liebsten beschäftigte. daS waren die Aialmen, die er täglich zu feiner Erhebung unter Begleitung der Violine, die er gut spielte. absang. Sein'Auskommen hatte er von seinem kleinen Capital,, welche» er mühsam erspart hatte, und wurde auch reichlich von seinem Sohne unterstützt, der ihm versprach, daß fall» das Gesetz in Betreff des Uebertritts zum Ju^ denthume gemildert werden sollte, er sogleich Israelit werden •) L drsötze des ta'mib. “) Die Lehre der Pflichten fär da» alltägliche Leb^n.