Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 37 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
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146 den Rabbinen, ihm dazu verhelfen zu wollen, aber immer bekam er eine abschlägige Antwort und höchsten? den Rath, nach dem Auölande zu gehen, um kort vielleicht zum erwünschten Ziele zu kommen. Auch dazu »erstand sich der für den israelitischen Glauben begeisterte Steblitzky. Kr. reiste zu diesem Zwecke nach Krakau, einer Stadt, die unter ihrer großen Bevölkerung auch mehrere tausend Juden zahlt, in der. Hoffnung, unter denselben einen Mann zu finden, der fich zur Vollziehung seine- Wunschegeneigt finden werd». Wie tief war jedoch sein Schmerz, alibm auch hier jede Bemühung mißlang. Erfolglos »er» ließ er Krakau und besuchte ausseiner Rückreise ein' an der galizifchen Grenze gelegene- Städtchen Namen- Oschwenschin, daim Derhältniß zu Krakau nur eine kleine jüdi. sche Gemeind« ^sn sich hat. Wiewohl er sich keine Hoffnung machte, in diesem kleinen Orte dazu finden, wonach er so sehnsüchtig strebte, so war edock gerade hier. p»o sein heißer Wunsch in Erfüllung gehen sollte, wie so oft gerade da, wo wir am allerwenigsten auf da- Gelingen unserer Unternehmungen rechnen, die weise Vorsehung, der menschlichen Berechnung zum Trotz, dieselben gedeihen und über unser Erwarten gelingen läßt. Gleich' bei feiner Ankunft in OschwenfLin begegnete er einem bejahrten Israeliten von sehr würdigem und ehrfurchtgebietendem Aussehen, der ihn freundlich grüßte und nach dem Orte seiner Herkunft fragte. Sie ließen sich in ein längere- Gespräch ein, und da- Wohlwollen dieses Manneflößte Steblitzky Vertrauen zu demselben ein. W daß er keinen Anstand nahm, ibm die eigentliche. Absicht seiner Reise mitzutheilen. Daerfahrene Auge de- Greises erkannte sogleich die Aufrichtigkeit seine- Wunsches, und nachdem auch er ihm die große Schwierigkeit seine- Schrittevergeblich vorgestellt und durch die klaren und festen Antworten Steblitzky'ß fich überzeugt batte, wie tief der Wille, Israelit zu werden, in ihm Wurzel geschlagen, versprach er ihm. da er selbst ein Möbel, diese religiöse Pflicht an ihm zu vollziehen. Wer schildert die übergroße Freude Steblitzky'-! Thränen deseligsten Entzückenstoffen unaufb-lrsam aus seinen Augen, und er Harne schon mir Ungeduld dem lange erwarteten Augenblick entgegen. Sie gingen hierauf zum Orr-rabbiner und den.Gemeindeältesten, die gemeinschaftlich berathschlagten, wo unv wanndaS geschehen könne und eS wurde ein dazu geeigneter Ort und der nächste Tag zur Vollziehung dieser heiliger^ Pflicht bestimmt, und zehn Leute, wie es bei dergleichen religiösen Handlungen jüdischer Brauch ist, dazu bestellt, denen aber tue größte Verschwiegenheit anempfohlen würde. Es war rührend und erhebend mit anzusehen, wie Steblitzky am folgenden Tage, zeitig Morgens in der Mitte der Seinigen da saß' und mit Begeisterung und Liebe von der Religion sprach, in die er nun ausgenommen werden sollte. Auch die Anwesenden unterließen nicht, ibn auf den weiten Umfang der von ihm jetzt zu übernehmenden Obliegenheiten, wie auch auf die Lebensgefahr .aufmerksam zu machen, welche durch die Beschneidung für seinen schwächlichen Körper erwachsen könnte; aber mit einem freudigen Murhe. der.alle in Erstaunen setzte, ent«- gegnete er, daß selbst die Gewißheit de- Todeihn, da-, von nicht abhalten könne. Diese fromme Hingebung und freudige Erhebung verließ ihn auch nicht in dem Augenblicke, als diese schmerzliche Ceremonie an ihm vollzogen wurde. Gottergeben und mit einem Ausdruck himmlischer Freude, gab er sich den Leiden hin, ohne den geringsten SchmerzenSlaut hören zu lassen, und sagte nach vollbrachter That mit lauter unv hoher Stimme: ,,Gelobt seist Du Ewiger, unser Gott, König der Welt! der Du mich ausgenommen in den GlaubenSbund unser- Erzvater- Abraham." Nach glücklich vollbrachter Operation, wobei ,r auch den Namen Joseph ben Abrahgm erhielt, wurde von dm Anwesenden ein frohe- Mahl eingenommen, der Segen vom Himmel für den neuen Israeliten erbeten und dem, selben die herzlichsten Glückwünsche Largebracht., Steblitzky war voller Heiterkeit, dankte tiefgerührt Le» Gasten und ließ durch Len Vorstand reichliche Almosen an die Armen au-tbeilen. Nach vier Tagm glaubte er sich ziemlich genesen und reiste unter innigen Danksagungen gegen feine neuen Oschwenschiner Glauben-genoffea, besondergegen den größte« Wohlthäter seine- Leben-, wie er den greisen-Mann nannte, und unter tausend Segnungen ihrerseits nach seiner Heimatb. Da angelangt fiel er, weil die schnelle Abreise seiner angegriffenen Gesundheit sehr schadete, auf- Krankenlager und mußte volle sechs und vierzig Tage unter vielen Leiden und Schmerzen verbringen-^ und da cr die Sache noch nicht veröffmtlicht wissen wollte, durfte er nicht einmal ärztliche Hülfe in Anspruch nehmen. Er litt mit männlicher Standhaftigkeit und rief vor einigen jüdischen Freunden, die «- wagten ihn zu besuchen und "denen er sich anvertraute, begeistert au-: „Sech- und vierzig volle Jahre bin ich alt, gern will ich dafür sechs und vierzig Tage gelitten haben, mögen sie sich auf der Richterwage Gottes aufheben!" — Jedoch konnte die Sache nicht lange verborgen bleiben und die Sensation, welche die Nachricht diesesonderbaren Ereignisseim Volke herverrief, war unbeschreiblich, unv nickt nur fiür Steblitzkv, sondern für die ganze jüdische Gemeinde Nicolai'- sehr bedenklich. Letztere war vorsichtig genug, die wiederholemliche Aufforderung des neuen Israeliten, ihn als Gemeindemitglied aufzunehmen, mit dem Bedeuten zurückzuweisen, daß sie sich, so lange fein Uebertrikt nicht vom Staate als gesetzlich genehmigt sei, dazu nicht versieben würde; sie that noch mehr, sie ließ durch ihren Vorstand die Sache beim Magistrat anreige» unv sich von jeder Mitwirkung bei vorliegender 'Thatsache frei erklären, ein Schrill, der ein höchst besonnener und bedächtiger gewesen ist, und der viele Gewitterwolken von ihre'.» Haupte entfernie. Der arme Steblitzky war 'jetzt daunglückliche Ziel der von unversöhnlichen Feinden losgelassenen Pfeile, ßine allgemeine Gäbrung durchwogte dakleine Städtchen, und Allesann auf Mittel unv Wege, an ihm Rache nehmen zu können/ Selbst die Plünderung seiner ganzen Habe batte er zu fürchten gehabt, ohne die Gerechtigkeit der Gesetze in Anspruch nehmen zu dürfen, wenn er nicht bei Zeiten den Rath des ihm immer noch geneigten Fürsten von Pleß, „sein Vermögen seinem in Sobrau lebenden Sohne zu verschreiben," befolgt hätte. Er wurde indessen von Seitm de- Gerichtzur Rechenschaft seiner gesetzwidrigen Handlung gezogen. Mit der größten Ruhe und Angstlostgkeit erschien er vor seinen Richtern, die die-mal der merkwürdigen Ve»