Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1856-01-01 · 36 (1856) · p. Seite 143

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1855-1856)
Issue
36 (1856)
Date
1856-01-01
Page
Seite 143 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/4908862-5999341-6000760--0766-4909445
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

143 Der Bürgermeister Steblitzky ju Nikolai *), das ist Joseph ben Abraham. vom Lehrer M. Herzberg i, Breslau. Motto: -LN n« vri2Nrei y*w3 ohrn C'na- -2 B- M. <0. <9. Die schlesischen Piovinzialblätter l!eS Jahre» 1785 (Octoberhcst) enthalten eine kurze Noli^ von de« damal» erfolgten Uebenritte de» katholischen BürgermeUer» zu Nikolai, Namenö Stebsttzkv zum Judenihume. Roch heule lebt da» Andenken dies, 4 Manneunter den Juven Nikolai'^ (meiner Daierstidr) fort, noch heutzutage erinnern sich ältere Leute, ibn ge'ehen zu haben iind manche schöne Tradition knüpft sich an seinen Namen. Wenn' mich in Folge dessen schon in früher Jagend hie Lebensschlckfale Steblitzky'- lebhaft erg iffen und beschäftigten, so mußte ich mich durch die Auflnvurrg einer in^ jüdisch-deutschem Jargon verfaßten zeitgen rsiischen Biographie desselben, welche mir während eine» Bei uche» zu Nikolai in die Hände fiel, dringend aufgesorden f iblen, dem Mansie, der dem israelitischen Glauben mit so herrischem Muthe anhing, durch eine Schilderung seine» Lebenein würdige- Denkmal zu fetzen. Möge enstr gelingen, den L^ern da» hohe Interesse für meinen Helden einzuflößen! welche»! er verdient.' Im Jahre 1733 erblickte Steblitzky in einer oberschlefischen Stadt, Namen- Nikolai, da- Licht'der Welt. Volk wohlhabenden und sehr achtbaren Ettery geboren, genoß er von denselben »ine zwar einfache, doch gute Erziehung, welche die Bildung be i Herzen- und Geistezugleich in sich schloß. Streng in seinem väterlichen GlauÜrn, der katholischen Religion er; ozen, waren ebesonder» die sch-»- nrn Pflichten der Tugend und der Nächstenliebe/die feine Eltern ibm einzuprägen sich bemühten, und die*sein zarte» empfängliche- Gemi th für seine gasize Lebensdauer in sich aufnahm. Schon >u seinem Knabenalter äußerte er einen Hang zur religiösen S.chwärmesei, und hoch entwickelte sich frühzeitig h ihm jener kritische Geists der Alle» prüft und erwägt, waer alheftig zu übernehmen hat. Er soll sich nicht gefcheuet haben, seinen! Lehrern recht oft über religiöse Materien verfängliche Fragen aus» zuwerfen, und offen gegen Da- Gleichgültigkeit zft äußern, worüber er keine befriel igenve Erklärung bekam; und in eben dem Grade ergriff er mit Feuer, waihm so recht einleuchtete und seine V ernunft alrichtig und wahr zu erkennen glaubte. AuS Neigung zum kchulfach gab eit sich pädagogischen Studien hin, und übernahm, nach deck Tode seiner El. lern, in seinem 24ster Leben-jahre eipe an der Stadtschule seine- Geburts-rie» vacante Lehrerstelle. Er wirkte, da über 10 Jahre, uvd brachte durchweinen Berufseifer und seine BerÄj-iüchtig! ei^l die von feinem Vorgänger ver» . ') Dir bade» ln No.! 4» iS und S8. d.! vl. »ou zwei Märtyrern des Iadrnthmns erählt. die »» de» Uebrnriü» s> diesem de» Tod erlitten. In der »lnkettang t, No. »4 ihn9« des B-raerW«tfters Steblitzky!Nvih,t, der unter Friedrich > U. Jude »nrde. Hier seine Lebenszeschtchte. Kedact. nachläffigte Schule zu ftnem rühmlichen Gedeihen. Er erwarb sich die Liebe utid Achtung seiner Mitbürger dermaßen, daß dsise ihn zu ihrem Rathmanne und nach einigen Jahren einstimmig tzim Bürgermeister erwählten. Diese» Amt bekleidete er. ttlbst nach Versicherung seiner heftigsten Gegner, mit einsr musterhaften Pfllchrtreue. Mir unverdrossener Thätigtest und unbestechlicher Redlichkeit vertrat er da» Wobl feiner Bürger, und wahrt,. soweit e» seine Stellung gekalbte, da» Recht ein,- j,den»Einzelnen, ohne Unterschied >dr» Glauben» und de» Stande». Seine Erholungsstunden! verlebte er im' Kreise der Seinigen, einer heißgeliebten! Frau, die er noch in den ersten Jahren seine» LehrerstaNde» geheirathet, und zweier hoffnungsvoller Kinder. Seine Lieblingsbeschäftigung war jedoch in der Zeit, di« seinem Berufe nicht gehörte, theologischen Forschungen nachzuhängen. Er «achte e» sich zur Pflicht, über den Glauben, dkv ihm die Geburt an* wie», nachzudenke», und bei jeder nur schicklichen Gelegenheit mit vernünftigen und gebildet,» Männern religiöse DiScurse anzüknüpftn. in der einzigen Absicht, über viele» ihm Unklare Aufschluß zu bekommen und sein Leben nach den gewonnenen Resultaten seiner Forschungen einzurich» ten. Eine« von gleichest Wünschen beseelten Freund fand sr in eine« sehr geistreichen Bürger protestantischer Religion . der es nicht nur lauch lieble, über dergleichen Gegenstände zu disputiren^ sondern auch jhn aufmunterte, mit ihm gemdinschasrlich da», alte Testament, da» sie beide alben Ursprung aller Religionen erkannten, recht fleißig zu lesen. Gern leistete der Bürgermeister diesem Rath« Gr- : hör, da noch ein anderer Umstand hinzutrat, »er ihn zu« Studium der Bibel reizte. Seine amtliche Stellung nämlich gab ib« of^ Gelegenheit, da» praktisch« Leben der Israeliten kennen zu lernen, und da» von keinem confrsfionellen Doru^hrlle Ktrübte Auge diese» humanen Manne» mußte bald viele Tugenden und sittliche Vorzüge im . Israeliten erblicken, die er um so höher anrech«,1e, je gedrückter die politische diese» Volk,» war. Er gestand oft', daß er einem Volke seine volle Achtung und Bewunderung zollen müsse, da» trotz der schmählichen Verachtung und Zurückstoßstng von außen, moralisch unverdorben bleibt und Tugmden aufzuweisen hat, die ein seltene» Ergenthnm eine» gebildeten, geschweige denn eine» geknechtetrn Volk,» gewesen. — ' Diese Betrachtungsweise und.diese» parteilose Zugeßänvaiß führten ihn zu-dem Schluffe, daß ,» die israelitische Religion fei« müsse, die ihren BekenNern diese au», zeichnende moralische Krpst. dies, heroische Resignation verleiht und daß eine Religion von so reiche« Folgen der Beachtung und genauen, Prüfung werth sei. Er gab sich also der Forschung dt» alten Testaweal» mit alle« Eifer hin. Er lernte da die Geschichte de» jüdischen Volke», ihren so klaren, von asten verwirrenden Rebenvorstelkungen reinen Gott, di« Portrefflichkeit her au» jeder Zeil? fließenden erhabenen Mpral kennen, rznb die» wirkte zunächst so viel, daß sein Gemülh immer stärker der Beunruhigung und dem Glapbensschwanke» Anheim fiel. Klagte er den. zerrütteten Zustand fein«» Inner« seinem Freunde, so konnte dieser, deffe« Seelenzustan» kein besserer war, ihm keine» andern Trost geben, al» den: daß da» aufrichtige Streben nach Wahrheit und Licht jede Beunruhigung verscheuchen müsset

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.