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Jüdisches Volksblatt · 1856-01-01 · 36 (1856) · p. Seite 142

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1855-1856)
Issue
36 (1856)
Date
1856-01-01
Page
Seite 142 (sequence 2)
Language
German
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142 <6 b i W^)em da- Beste ist, die Sacke sofort in die Hanl zu nehmen, und dadurch, daß wir selbst Schulen nach unfern eignen Planen, Mitteln.und unter unsrer eig« nen 2ber«Lufsicht einführen, den Maßregeln der Regierung zuvv kommen". Wir zeigen so unsere Absichten in dem besten Lickte, und ich hege nickt den geringsten Zweifel, daß tie Einrichtung der Schulen und all' unsere PILne von. oem Departement deöffentlichen Unterrichtgenehmigt werden.'' — „Doch," fragte ein anderer Herr, „welche Sichirheit können Sie unbieten, daß unsre Religion nicht angegriffe» wird?" — „Mein Herr," erwiederte ich, „in stußland geboren, wissen Sie um ein gut Lheil besser. ils ich, daß es mir unmöglich ist, Ihnen von Seiten Le- Departementirgend.welche Garantie zu geben. Der Will> de- Laiserist unbeschränkt und über Alleerhaben; er kann heute zurücknehmen, waer gestern verspratl; er wechselt mit seinrn Beamten und ihren Systemen, wie sollte ich, ein armer Fremdling, im Stande sein, 3hne> irgend eine Sicherheit zu bieten? Ich bin nicht dazu bevollmächtigt; Alle-, waich al-3br Glauben-Kruder versprechen kann, ist, daß ich, in dem Regierung-plane nicht einen Schrittweiter gehen werde, als ich die vollstandi;ste Zusicherung habe, daß nichtgegen unsere, heilige Religion unternommen werde, daß emir erlaubt sei, »»in Amt niederzulegea, sobalv ich mich vom Gegentheil überzeugt habe und daß ich mich durch keine Beleidig«» i von Seiten meiner Brüder von dem in dieser heiligen Stunde gegebenen Versprechen lo-sagen werde." Diese Zusage wurde mit allgemeinem Befriedigung aufgenomnen; einige der Anwesenden traten zu mir heran, um «ir herzlich die Hände zu drücken, andere begrüßten mich auf die freundlichste Weife. Vertrauen und gute- Einve »nehmen schienen ganz wieder bergestellt. „Er ist eia ehrlicher „Deirfchel," bemerkte der Eine. „Ich habe in Riga von ihm gehört," sagte der Andere; „er har den Name» für einen guten, frommen Juden," bemerkte ein Drittem; „er hat Recht, wir müssen gute Miene zum bö- 'sen Spiel machen, Lurch nutzlosen Widerstand wird die Sache noch verschlimmert," und so folgte eine Rede auf die ardere, bi- Einer audem Vorstande mich fragt«: „Aber, Doetor,' La giebt enoch ein anderes Bedenken. In D utschland; wo ste feit dreißig Jahren Pa- Lernen de- Talmi d -vernachlässigt und dafür dem Studium allerhand Prosa» er Wissenschaften gehuldigt haben, ist unsere jüdische Religim furchtbar verletzt, die Baude dehimmlischen Jochei sind gelockert, die alte Ehrfurcht vor unseren heiligen Gebräuchen ist dahin und viele unserer Brüder sind zum < Hristenthume übergegangen. Liegt ealso nicht im Inter sse unseres Glauben-, alle diese Neuerungen von unfern z r halten, fest an den alten Sitten unsere- Lebenzu ha »gen, unsere Linder zu erziehen, wie wir erzogen wurde» und in der Vergangenheit eine bessere Garantie für ui ser Leben und Wohlergehen zu finden, alin der» neuen wilden Planen der jetzigen Neuerer?" liein theurer Freund." erwiederte ich ihm, „da- Rad der st rtschreitendea Zeit kann nicht durch de- Menschen schmä he Hand.aufgehalten werden. Auch in Deutschland herrsä te die alte Sitte mit allgemeiner, allmächtiger Gewalt, trotzdem aber'bahnten sich die-neuen Ideen unaufhaltsan ihren Weg bi< in die abgeschlossenen, verborgende» 1 Wohnungen der Jude«. Die alten Rabbinen verdammten und verstießet» Mendelssohn und sein Thun, und anstatt die neuen Ansichten m»t den Anforderungen unserer Religion in Einklang zu bringen, sahen sie entweder mit Gleichgültigkeit und Verachtung, oder mit kummervollem, unthätigem Mitleiden auf die unterAhren Augen vergehenden Veränderungen. Wir dürfen ihrem Beispiele nicht folgen; wir müssen den unglücklichen Folgen dadurck begegnen, daß wir innige Liebe und Anhänglichkeit an unsere Religion mit Yen Anforderungen de- Lebenzu vereinbaren suchen.' Dieist indeß ein Gegenstand, den wir heute Abenv unmöglich erschöpfen können; zu jeder Stunde, wo e- Ihnen, beliebt, bin ich bereit, wieder darüber. zu reden. Heute Abend wünsche ich vor Allem zu wissen, ohne jedock^un Jbr« ernste Ueberlegung eingreifeu zu wollen, wie Sie die von mir überbrachte Mittheilung ausgenommen, damit ich im Stande bin. einen Bericht darüber nach Sr. Petersburg zu sondsn. Der Parnaß gab -mir die Versicherung, daß soweit er die Ansichten seiner Gemeinde kenne, er keinen Zweifel an einem günstigen Erfolge habe; daß Wilna den Erwartungen de- Departementgewiß entsprechen, und die Errichtung «ine» großen, Schulhausesofort in Berathung nehmen würde, und ich, sobald ste über irgend einen Plan einig geworden, davon benachrichtigt werden sollte. Wir trennten un» mit den besten Gefühlen, und alich die Treppe hinabstieg/nahmen mich die Echammoffim auf ihre Schultern und trugen mich im Triumph zu meinem Wagen, welchrr schon von meinen jungen Wilnaer Freunden umringt war. Am Freitag Morgen stattete ich dem Ober-Rabbiner von Wilna Rab Israel Gordon einen Besuch ab. Wilna hat zwei jüdische Gerichtshöfe (Beth Din), in welchen da- Din Thora noch gebräncklich ist. und wo täglich viele RrchtSfälle entschieden werden. Außerdem giebt e» zwölf andere Rabbinen, ^.die nur über religiöse Fragen zu entscheiden baben. Herr Gordon ist jedoch von der Regierung afts officieller Rabbiner angestellt, der da» ReichSsiegel gebraucht und alle amtlichen Sckriften zu unterzeichnen hat. Zur Zeit, aldie Regierung anfing, sich in die Gemeindeangelegenheilen za mischen, weigerten sich einige von den Rabbinen alten Schlage-, den Gotke-dienst von v?n „RegierungSrabbinen" halten zu lassen; sie fürchteten in diesen Leute zu treffen, die sich mehr mit weltlichen Dingen, ‘ al» mir den verschiedenen alten Gebräuchen und Pflichten ^der Religion beschäftigen würden. Gordon vereinigte indeß Drive» in seiner Person und haue sich bald durch die Biederkeit und Liebrn-ntürdigkeil seine» Charaktervi« allgemeine Liebe unlrÄckrung erworben. Zn seinem Hause angelangr, wurde ich sogleich zu ihm geführt; ich fand in Hm einen rüstigen Mann, ungefähr in den Funhigern, von majestätischem Wüchse; er sprach fließend Deutsch und besaß überhaupt eine der Zeit gemäße Bildung. Er wünsckte mir zu meinem Auftrag, Glück und allen möglichen Erfolg; und obwohl er bekennen müsse, daß sei» Einfluß in der Gemeinde nur ein sehr geringer sei, so wolle er doch Alle-, wain seiner Macht stehe, für^mich thun. Ich verließ den würdigen Mann mit der festen Ueberzeugung, in ihm einen warmen Fre»nd meiner Sache gewonnen zu haben. Ewar Freitag Nachmittag, alich ihn verließ; der Sabbath nahte heran. Wie überraschend verändert hatte sich jetzt der Anblick der jüdischen Hauptstadt'.

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