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Jüdisches Volksblatt · 1856-01-01 · 36 (1856) · p. Seite 144

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1855-1856)
Issue
36 (1856)
Date
1856-01-01
Page
Seite 144 (sequence 4)
Language
German
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144 ' ..Fahren n?ÄHfort," .tief er ihm mit feurige» Worten zu, „mit unermüvetem'^Eifer nach dem erhabenen Ziele der Aufklärung in den dunkeln Zergangen der GlaubenSzweifel Hinzusteuern,. und läge diese- Ziel noch so fern und führte der Weg hierzu auch durch Dornen! — Mulh, Beharrlichkeit und AuSsauer burchdringen unS, und Hott wird unS helfen, unerleuchten und stärken." Wenn diese Worte aunicht im Stand« waren, daschmerzliche Zerwürfnis in ihm zu heilen, so waren fie doch eine starke Aufmunterung für ihn, diesem Aerwürfniffe nicht zu erliegen. Er machte zur selben Zeit eine Bekanntschaft, die von großem Einflüsse auf die Richtung seiner später» Grundsätze war. ES war der Rabbiner der dortigen jüdischen Gemeinde. ein Mann, der außer seiner umfassenden theologischen Wissenschaftlichkeit ein Leben daisteüte, dadie lebendigste Verwirklichung der erhabenen Moral war. die er seiner, Gemeinde lehrte. Bon seiner Religion durchdrungen, war er im strengsten Sinne tolerant und schonend in seinem Urtheile gegen Ander-glaubenve. und gewann durch sein bescheidene-, liebevolle- Benehmen; durch seine höchst gewinnbringende Unterhaltung die volle Achtung unv Hinneigung aller derer, die ihm näher kamen. Steblitzkv wurde bei der ersten Bekanntschaft mir demselben ganz für ihn eingenommen und nahm sich alles Ern- Aes^vor, seinen nähern Umgang zu suchen. Er besuchte den Rabbiner häufig, und Beide überließen sich*gern der freiesten, ungezwungensten Gedankenmittheilung. Bald war das liebste Thema ihrer Unterhaltung die Religion, und der gute Rabbiner ahnte damals nicht, von wie großer Einwirkung auf den Bürgermeister die Begeisterung war. mit der er oft vom mosaischen Glauben,sprach. „Betrachten wir." sagte er oft^ „das niedergedrückte, seit fast zwei Zahrtauserwrn den allertratzrigsten Derfolgungen der Völker preisgegebene Israel, bedenken, daß e» trotz seiner Zerstreutheit, seiner Erniedrigung groß und.' stark in seiner Liebe zu Gott, beharrlich in feiner Tugendhaftigkeit geblieben, während andere Rationen, körperlich geknechtet, auch der geistiges und moralischen Ge» sunkenheir anheim fielen, erwägen wir dies Alle-, so müssen wir eingestehkn, baß die große Rolle Israelin der Weltgeschichte noch nicht beendet, sein heiliger Beruf, den Namen deeinzigen, Gottezum Erbtheil der ganzen Menschheit zu machen, noch nicht ganz gelöst ist." Bemühte ssch auch Steblitzkv, dem Rabbiner gegenüber, die Wahrheit seine- Glauben-, so weit ihm nur möglich, zu argumentiren uüd gegen dessen Arußerungen Einwürse zu machen., so war doch feine innere Aufregung nachhaltig. und die Zerfallenheil mit seiner Religion kam ihm immer deutlicher zum Bewußtsein. Er hatte längst daeinßesehen, waer eben hörte; die Worte de- Rabbi riefen nur wach und in- Leben, »wasich seiner UeberzeuguNg seft' seiner Bekanntschaft mit der Bibel vorr selbst aufdrang. Der leiß^ stille Wunsch, der halb schlummernde Gedanke, ob es denn nicht möglich sei, zum Zudenthume überzutreten, fing an. sich in seinem Herzen zu regen; aber wie sollte er solche für feine Existenz, ja für sein. Leben gefährliche Regungen nicht unterdrücken! Andere Umstände mußten vereinigt hinzutreten, diesen Wunsch in ihm laut werden zu lassen. Steblitzky'S warmsühlendes Herz liebre, innigst die Menschen und sah sich auch gern von ihnen geliebt; er fühlte Bedürfnis nach treuer Freundschaft, welche- Devürfniß in de« fleißigen Umgänge mit seinem oben genannten Freunde Befriedigung fand. Aber ein traurige- Schicksal schlug diesem zarten und heißen Gefühle eine doppelte unv schmerzliche Wunde, eine schwere äkraokh-«« suchte seinen guten Freund heim, welcher er auch nach wenigen Wochen al- Opfer fiel. Dieser Verlust mußte ihm aber um so fühlbarer werden, als er die ibm von Seiten seiner christlichen Mitbürger geschenkte Liebe immer kälter werden sah. i Der Grund hiervon lag im Zeloti-mude- Volke-, dem der schwache Elser de- Bürgermeisterin religiösen Ceremonien nicht gefiel, und alS es auch ruchbar wurde, 4aß er sich fortwährend mit her Bibel beschäftige, so bekam die verleumderische Zunge hinlänglichen Grund, ihn alS einen Sk,her auSzuschreien. Man vergaß die unzähligen Wohlthaien, die er sowohl als Mensch, wie alS Beamter der Stadt erwie-, und Hane nur Ohr für die Stimme deS Fanatismus, der eS rechtfertigte, diesen braven Mann bei dem Fürsten von PleK. unter dessen Schutzherrschaft Nikolai, wie noch heute, stand, als einen GlaubenSverächter, der der ferner» Beibehaltung feines Amtesich unwürdig gemacht, anznschwärzen. Steblitzkp vrrtheidigte sich zwar beim Fürsten aut eine erfolgreiche Weife, so daß dieser ihn von. jeder Anklage frei sprach; sah sich aber doch durch die ihn oft hart berührende Gehässigkeit seiner Mitbürger, pie-ihm auch durch öfteres. Widerstreben seine AmtSverwaltung verleideten, genöthiget, seinen Bürgermeisterposten nieverzulegen. Wenn er auch dadurch eineschönen Einkommens verlustig wmde, zog er eS vor, lieber in Unabhängigkeit von seinem mühsam ersparten Capital« dürftig sich zu ernähren, alS seinen freien Witten, seine Selbstständigkeit einer einträglichen Stelle zu opfern. Jetzt.reifte in ihm. der feste Entschluß, sich von seinem väterlichen Glauben zu trennen und in die Arme der israelitischen Religion zu werfen. Er verbarg sich nicht di» Gefährlichkeit einesolchen Schrines, auch nicht die mannigfachen Schwierigkeiten, die der Ausführung feine- Vorhabenhemmend/entgegentreten würden: dastrenge LandeSgefetz gegen/den Ueberttitk vom Christenthum zum Zudenrhum, dabesonderin damaliger Zeit in der Brust der Christenheit tief wurzelnde Vorurtheil gegen Zuven und jüdischen Glauben — da- Allewar ihm nicht unbekannt, und doch blieb er unerschütterlich! (Forts, folgt.) Allgemein« Zeitung de« ZudenthumS. Ro. 44. <856. Leitende Artikel: Rußland. — Die Sebrerconferenj den <4. ,ud <3. Mat zu Krefeld. — Lom Institut zur Förderung der israelitischen Literatur.— Polemische«.— Zeitungsnachrichten: Preußen: Berlin, au« der Provinz Posen, Sri». Oe« sterretchischer Kaiserstaat: Prag. Prag. Rußland: Bov der rnffische» Grenze. —. Literarische Rachrichten: Frankfurt. Ger» respondeaz: die Iacobsonsschnle in Seesen iHrzgrh.Bvunschw.). 3» beztedeu »nrch jede« Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Thal er. vierteljährig •/« T Haler. > vera,t»ortllcher Redactenr: K. Mäste. »eelaa *»■ *« ■« |4rt««t’l <■ tttyi«. — Cra4 >n »er S t<»t ta

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