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Jüdisches Volksblatt · 1856-01-01 · 36 (1856) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1855-1856)
Issue
36 (1856)
Date
1856-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches * Z»r 1 Relehrung und Unterhaltung aus jüdischem gebiete. Heraisßegebe« »v» Rabbiner 0r. Ludwig Philippfou in Magdeburg. , sRo. 80. D»> bkftr StOfcbrifl «rfArfnt «tckentttch -in» Kunmn. 9t(U »»«?tkf> « ng« 1 Zbir. ©ifrifljJhrl* T/, 9igr. «Ct »nAlMntlnaggn Ppst仫« nab g-iinag«»w<dm»a-a acfcara »WMaagca an. 4 [3.^i|ir|.3.«MrtiL] -*-UfÄ- Wem ftrifnt in Rnßlnnd. V. Bo« Dr. Lillehthal in Ll»c,t»»a1i. (Nach ,,tb« UraeHU.'*) © f I ■ a. Asm Donnerstag Ab^nd war eine Versammlung der Gemeiudevertreter anberaNmt, um die Vorschläge, welche ich ihnen von »er Regierung g» überbritzgen hattei, entgegeuzunehmen. Ein Emnitü führte milch in das Dersammlungsztmmer, wofrl© ich ungefähr an hundert Männer, sanumltch mit ihre«! Schubetze und ihren Pelzmütze« bekleidet, nntrnf. Ich fühlte »ich so einsam zwischen all' diesen fremden Gefichter», der einzige „Deirschel" zwischen lauter polnischen Juden. Der Vorsitzende der Versammlung, ein reicher Mann doch von sehr unbedeutende« Aeußern, »in grncher La mudisi. doch ohne alle ftmstige Bildinng. welche» sawahl mrch seine» Reichthmo, ass auch durch seine fanatisch orthi deren Ansichten einen ungeheuren Einfluß ausübte, benillkommnete Mich im Namen der wohllöblichea Gemeinde, bot Mir seinen Stuhl an und bat mich, ihnen die Dlraalaffung meinesie ehrenden Besuches kund zu thun. Ich rheilte der Derfar»mlung mit, daß mein Besuch nicht von offietellem Charakter sei; sie Alle seien doch davon unterrichtet, daß der Kaiser einen besondern Ausschuß erwählt habe, um die Angelegenheiten der Juden, sowohl in religiöser, wie in politischer Beziehung ln Betracht zu ziehe», daß die!kaiserliche Regierung entschlossen sei» eiae heilsame Aendrvung einzufilhren, und daß ihr- Absichten jetzt d.nc Ausführung nahe seien. Der Minister Uwaroff, ein Freund des Juden, habe mich nun beauftragt, meine» Glaubensbcüvern zu sage« daß sie ja nicht die sich ihnen darbiklendr Gelegenheit wieder so entwischen lasse» möchten, wie zur Zeit deck^hochseligen Kaisers Alerander, wo die nach der Hauptstadt berufenen Abgeordneten ln der größten Ungnade wieder entlassen wvrde^ waren; daß es de- Muister» Wunsch sei, die Juden möchten dem Geiste und kn Anforderungen der Ztit gemäße Schulen errichten, ^he die Regierung genöthigt sei, ,S ihnen zu befehlen, oder sie dazu zu zwingen, und daß sie durch ein solches Berßahrew sich die Gunst der ötegie» rong gewinnen würden. Da er nun wohl wisse, welchen Einfluß die jüdische Hauptstadt Wilna über die Juden im Allgemeine» nusübe. so hoff« er. daß fl,, mit glänzende» Beispiel »«angehend, dis ganze Sache in die Hand nehme« und dadurch die Wohlthärer ihres Stammes werden tvLrden. Man hatte mir still und aufmerrsa.« zngehdrt. Dt« jüngere Generation in Wilna, dnichdronge« von de» ßertschreiteaden Geiste unserer Zeit und woAewandert in der hebräisch«», russisch,n,i polnischen. deutsche» »nd ttzrilweise auch Langfischen Sprache, waren übet «eine knrz« Ansprache höchst erfreut; sie glaubten endlich ihre -teblingsträume und Hoffnungen dem Ziel« nahe. UNd sagten: „Run ist wohr die Zeit gekommen, wo »in deutsches Buch nicht mehr beo ftcnea, wo hie, welche Mrfe Sprache reden, nicht mehr schändliche Ketzer genannt werden; ein schönerer Morgen bricht an, die Schubetze snllen adgetba» «erden; wir sind ganz und gar für die BarfchUge de- Doctors, wir wollen dieselben untere allen Bedingungen annehmea »nd Unterstützen. Die Alten saßt« jedoch da, tn tiefe» Nachdenken versunken. Einige von ihnen, auf ihre silber« geschmückten Stöcke gestützt, oder auch ihr« langen Bärte streichend, schienen von ernflea Gedanken und wohl zu rechtfertigenden Zweifeln bewegt; andere waren in letz» daster. doch leiser Berathnng über die Vorzüge des vorliegenden Gegenständebegriffen, biendlich ihr Oberhaupt die bedeutungSvollelFrage thak: „Dactor, sind Sie aber auch mit den Beweggründen unserer Regierung fr«* fanttf? Das Verfahren, welches man gegen alle, außer gegen die griechischen Christen beobachtet, zeigt deutlich, daß dit Regierung beabfi^ligt, nur eine einzige Kirche Im ganzen Reiche zu haben, daß sie nur ihre eigne Macht und Größe, nicht aber Unser künftiges Wohlergehen im Auge hat; mit Bedauern müffen wir bekennen, daß wir nur geringes Vertrauen in die neuen, von de« Ministerrath vorgeschlagenea Maßregeln setzen, und nur mit trüben Ahnungen jn die Zukunft schauen." „Ich war auf Ihre Absirigunq vorbereitet," antwortete ich dem achtuttgswerth« ajten Manne, der den Gefühle« der grauhaarigen, filberbättigen Gesellschaft Worte geliehen batte, „und habe «ich während meines Aufenthaltes in Riga von Allem untermchtet, was vorgeht. Die vorliegende Frage ist diese: Können wir di« drohende Gefahr durch die nutzlose Antwort abwenden, daß wir nichts mit der ganzen Sache zu thun haben wollen? Ich bin überzeugt, die Asgelegenhesten der Juden find jetzt in solche» Händen, uudenen sie nicht unerörtert wieder herauskymmen. Was können wir durch eine vorsätzliche Widersetzlichkeit erreichen? Wir werden uns nur die Unzufnedenbeit der Regierung zuziehen, einen gerechten Unwillens erregen, und »ns nur noch größer» Gefahren aussetze». Ich habe diel über diesen, Gegenstand nachgetzacht; doch nach reiflicher und ernster Ueberlegung gesunden, daß

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