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Jüdisches Volksblatt · 1856-01-01 · 33 (1856) · p. Seite 130

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1855-1856)
Issue
33 (1856)
Date
1856-01-01
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
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130 q«, der Krone geleisteten Dienste, vom Kaiser die golvene Medaille erhallen, und suchte, wie die meisten Politiker diese- Lande-, durch alle möglichen Pläne und Entwürfe $u gewisser Auszeichnung und nebenbei auch zu guten Anstellungen zu gelangen. Tr stand bei seinen Glaubensgenossen niHr im besten Rufe, man hielt ihn für einen der Neuerer öder Berliner, wie man ir# Wilna die Reformer, auf Mendel-sohn in Berlin anfpielend, zu nennen pflegte, und ward von den Polen, die ihn für einen ihrer" geheimen Feinde hielten, gehaßt. Obwohl, nach all'Diesem, rer Mann mir zuwider war, in dessen Begleitung ich den Auftrag auSzuführen hatte, so half doch kein Widerstreben, 4ind am folgenden Morgen reisten wir nach Wilna ab. Mit dieser Abreise von Riga beginnt der zweite Act meines Drama'- in Rußland. BiS babin hatte ich in Gemeinden gelebt, in welchen dadeutsche Element da- Ueber» gewicht hatte und einen wohlkhatigen Einstuß au-übte. Die Strahlen der deutsch-israelitischen Eivilisation, verbreitet durch Philippson's „Zeitung des JudentbumS," waren schon bis in die entferntesten Winkel Rußlands drungen; die deutsche Kleidung, die reine deutsche Sprache, der Verkehr mit gebildeten christlichen Bürgern hatten sie schon äuf- Beste für rine Sendung,' wie die meinige, in Rußland vorbereiter. Doch jetzt bekam ich emit einem ganz andern Menschenschläge zu thun. Außer einigen Familien in Wilna und Minsk, welche Mendelssohns Ueber- 'sctzung des Pentateuch, seine und seiner Schüler Biurim, oder auch DrockbauS' Lericon und sonstige deutsche Musterschriften lasen, und also schon aufgeklärt erwaren, begegnete ich einer Million von jenen o.rtbovoren Juden, wie man sie in Deutschland gar nicht kennt. Ihre Sprache ist ein höchst verwirrter', mit russischen und polnischen Wörtern untermischter Jargon; ihre Kleidung von der meinigen ganz und gar abweichend, ihre Ansichten und Meimlngen um ein Jahrhundert veraltet; große Meister im Talmud und in der rabbi' >'chen Literatur, sind sie doch völlig un, wissend in allen andern Dissenschafren und weltlichen'Zuständen, voller Dorunheile und Aberglauben und ganz versunken in den bodenlosen.Abgrund des wilden, unverständlichen, >a ganz unglaublichen ChassiviSmuS. .Ich -war mir deL mich jetzt erwartenden Schwierigkeiten völlig bewußt; ich sah voraus, daß ich einem verbängnißvollen Schicksale, entgegen gebe, jedoch ich hakte zu gehorchen und der Dinge zu darren, die da kommen würden. Nachdem wir Lag und Nackt gereist, hielten wir vor dem Postgebaure in P!. Wie in allen Bezirken, wo sich Juden besetzen dürfen, war auch der dortige Postmei- ^ster ein Jude; dcrselk mochte wohl hundert Pferde in seinen, Stalle haben uttd schien in guten Verhältnissen zu leben. Auf allen Sraironen werden die Paffe nachgesehen, und da man den Juden dieses Amt nicht anverkraut, sind überall christliche Secrerärt angestelll: der Secretär, welcher mir in W. meinen Paß^ abforderke, war jedoch, wie ich hörte, ein Karait. Ich ärgerte mich über den Unterschied. welchen die Regierung zwischen den Juden und Karaiten machte, besonders als mir der Postmeister er-- zahlte, daß die Regierung unglücklicherweise überhaupt Len Karaiten mehr traue. a!S den Juden, und daß-ein heftiger Haß zwischen diesen beiden Ciassen herrsche;. daß die Regierung durch Begünstigung rer Karaiten nur bezweckte, rie große Masse der russischen Juden rum Uebertritte zum KaraismuS zu bewegen, doch, daß sicherlich, wenn dieses Ziel erreicht würde, waS er jedoch niemals glaube, die Karaiten alSdann eben wiever sso wie die Juden jetzt behandelt werden würden. Während mein Reisegefährte sein Frühstück einnabm und sich dabei mit einigen jüdischen Kaufleuten unterhielt, ging ich. mir die Stadt anzufehen. Noch nie hatte ich an einem Orre eine solche Ueberzahl von Juden, im Vergleich zu der christlichen Bevölkerung, angetroffen, wie hier. Wohin ich sah, auS jedem Winkel, aus jedem Hause kamen Juden, einige mit ihren Talith. und Tefilin von dem BeS-Hamedrasch kommend, andere ihren Geschäften nach- . eilend, die meisten mit ernsten, düstern Mienen, vertieft in ihren verschiedenen Gedanken und Beschäftigungen, kurz, der Ort hatte mehr daS AuSfehn einer jüdischen, alS einer christlichen Srodr. Doch der Wagen wartete auf mich, und weiter ging eS noch durch mehrere solcher Städte, biwir am Dienstag Abend im jüdischen Hotel zu Wilna abstiegen. Wilna wird selbst in Polen :r*2 ca* die Hauptstadt Israel-, genannt; und alS Napoleon 1812 .Lsi—tinem Freitag Nachmittag in die Thore der Stadt und ' durch die Straßen ritt, äußerte er gegen feine Marschalls: „Mein'e Herren, ich glaube, wir find in Jerusalem/' Aus Deutschland kommend, wo in allen Städten nur wenige Juden sind, die unter der großen Ueberzahl ihrer christlichen Mitbürger ganz verschwinden, . wußte ich gar nicht, waS ich über diesen schwärmenden Bienenstock" von Juden denken sollte. Auch ich glaubte in Palästina, anstatt in Rußland zu sein, so ganz und gar jüdisch erschien mir Wilna. Die Stadt zählte zur Zeit 30,000 Juden, von denen.' wie ich glaube, zwei Drittel fortwährend aus der Straße sind, um ihrem ärmlichen Erwerb nachzugeben. Alle die vielen Kaufläden gehören den Juden; die Frauen besorgen daS Geschäft, und ihre schwarzen, steckenden Augen svahen ängstlich nach Käufern aus. Lebhaft und mit vielem Geschäftssinn begabt, besprechen und berarden sie ernst und eifrig ihre HandelSunternehmungen und sind dem scharfsinnigsten Manne darin gewachsen. Die Männer sind mehr auSwärrS in großen Unternehmungen beschäftigt, und mit ibren großen Mänteln über dem Schub,tze. sieht man sie unaufhörlich und ruhelos sich hin und her bewegen. Denn hier giebt eS fast keinen Handelszweig, der nicht fast ausschließlich in den Händen der Juden ist. Ich backte an! die verschiedenen kaiserlichen und königlichen Dekrete, durch welche die Juden im westlichen Europa ermukbigt werden mußten, sich verschiedenen HandelSzweiqeu zu widmen, erinnerte mich der vielen zu demselben Zwecke gebildeten jüdischen Gesellschaften, rief mir die in Petersburg allgemein geäußerten Vorwürfe zurück, daß die Juden nur Müßiggänger, Hausirer und Höker feien, und fand hier gerade daS Gegentheil, ein praktisches, thätiges Leben, vaS alle jene Verleumdungen widerlegte. Bei jedem neuen Gebäude waren jüdische Maurer und Zimmerleute beschäftigt, die in Ausdauer und Geschicklichkeit mit deii besten deutschen Handwerkern wetteifern konnten; da war kein noch so hartes Handwerk, wie z. B. Kupferschmiede u. f. w.. daS nicht von Juden auSgeübt ward, während die leich. tern Gewerke, wie Schuhmacher und Schneider, so überfüllt waren, daß die armen Menschen, Tag und Rackr arbeitend, kaum ihren Lebensunterhalt erwerben konnten.

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