Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 32 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 127 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Agen 1× ep/1043981
- Minsk 1× ep/1000754
- Odesa 1× ep/1000834
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127 Stande," fragte ich ihn in einem nach i^nen ärgerlichen Tone, „einen Psalm, ohne Eure polnischen Melodien zu singen?"— „Ja, Herr!" antwortete er, und den lOOsten Psalm, mit dem da- Program begann. «ufsLlagend, lack denselben mit so meisterhafter Betonung, daß ich nicht umhin konnte, ihn in Heiner Freude darüber zu umarmen. Gr war einevon den musikalisches, Talenten, wie man sie zu Tausenden unter den polnischest» Juden antrifft, die, ohne die mindeste musikalische Ausbildung, nur ihrem natürlichen Gefühle folgetd, wabrhaft Wunderbareals Chamntm leisten. Gusikow, welcher mit seiner Strohharmomka^dia Bewunderung und da» Entzücken de» ganzen westlichen Europa erweckte, ist nicht det einzige Meister auf diesem Instrumente; ich begegnete nach Bielen, die, wenn von den BerhiltniHen begünstigt, dienselben musikalischen Erfolg gehabt hahen würden. Der Ehasan von Wilna, den ich späterhin! kennen lernte, war unbedingt zu den ersten Tenoristen seine- Zeitalterzu rechnen, und stet-, wenn der junge polnische Jude ir^ Warschau Eoncerte gab, sah man die ganze Noblesse hinter feiner Zu» Hörerschaft; so saß zuweilen irgend eine Gräfin oder Prinzessin, deren Liebling er war, an der Thüre, um das Geld für ihn in Empfang zu nehmen. Ich machte die Be« kanntschqft de- Ehasan vdu Minsk, der, wenn auch nicht so ausgezeichnet, wie des Wilnaer, die Geige dock sehr gut spielte und seine Gemeinde jeden Sorinabend mit ausgezeichneten, neuen Compositionen erfreute.— Der Chafan von Odessa, ein noch ganz junger Mann, hatte ein Chor gebildet, welchejeder Hauptstadt zur Zierde gereicht haben würde; er war ein bedeutender Musiker und fein« Compositionen wurden von Sulzer als eben so gut anerkannt, wie irgend eine Composition de» unübertroffenen Shir-Zion. — Endlich kannte ich noch einen Mann, der, von Gewerbe ein Kupferschmied, am Neujahr». und Berföhnung-tage die Gebete vorsang, und deh von jeder Gemeinde, wo er hinkam. um während ^er Festtage den Gottesdienst zu verrichten, auf da- Ansehnlichste bezahlt wurde. Ich hörte nie eine schönere Etichme, erhebendere Melodieen, wohnte nie einem Gottesdienste mit mehr Andacht bei, als wenn dieser Kupferschmied vorsang. — Bon diesem Schlage war auch unser Ehasa» au- Szagarin, und ein paar Stunden' darauf brachen toir ftohen Herzennach der schön geschmückten Synagoge auf.' Da- Hausi war biauf'- Aeußerste gefüllt. Die ersten Plätze waren von den, mit all' ihren unzähligen Sternen und Bändern dkcorirten Regierung-beamten besetzt, der. linke Flügel von der Gemeinde und der rechte von den Fremden und djn» Familien der neuen Colonisten eingenommen. ES war ein Vergnügen, > pie von Freude leuchtenden Gesichter dies e atmen Seschödfc zu sehn, denen man eS anmerkte, d^ ß sie Gott und Idem Kaiser aufrichtig dafür dankten, nur endlich dem Z^iele ihrer langen Hoffnungen und AuSfich en nahe zu sei«. Der Chafan begann mit seiner fanfttit und doch männlichen Stimme die au-gewählten Psalm:n zu singen. Kaum halte er eirüge Verse gesungen, alt sich Aller Auger, selbst die der Christen, mit Thränen füllten. Er entzückte sämmrliche Zuhörer, und selbst daschönste auf de" Orgel -gespielte Präludium hätte sie nicht besser aldieser Gesang auf die nun folgende Predigt vtrbereiten können. Der Tert der Predigt war: „Diejenigin, die mit Thräuen säen, werden in Freuden ernten." Sie ibeleuchtete alle die Borkheile, welche den Juden auden lWohlthaten de- Kaiser- Nikolaus erwachsen würden, lind machte einen so günstigen Eindruck, daß sie auf Verlangen einiger böhern Beamten veröffentlicht und an die Glieder der. kaiserlichen Familie gesand ward. Psalmen unb Gebete -^schlossen den Gottesdienst, ein festliche» MittqgSmahl die ganze Feierlichkeit, und ein außerordentlich günstiger Bericht über die ergebenen und treuen Gesinnungen! der Juden ward nach St. Petersburg befördert. I i . Am andern Morgen wt»r ich bei der Abreise det^Colonisten zugegen. Es war ein herzzerreißender Anblick, zu sehen, wie schwer und langsam ste sich von Allem, wa» ihnen seit ihrer Kindheit tvever gewesen, trennten, wie hier ein alter Dater seine Kinder zum letzte» Male umarmte und segnete, dort ei!ne alte gute' Mutier, wiewohl seit Monaten auf diesen Augenblick vorbereitet, sich dennoch nicht von denen trennen konnte, die Ihrem Mutterherztn theurer waren, al»! da- Leben. Auf der andern Seite standen kleine Kindes, ohne Begriff von der Wichtigkeit diese» Augenblick-, und sich nur mit der Aussicht auf die Reife fr«uend. fpraugen sie wie die Narren herum und machten allerlei Versuche, sie fortzuschieben. "Ein Jeder beeilte sich, den For gehenden noch ein Geschenk zu geben, oder auf irgend eine Weise zur Erleichterung und Bequemlichkeit der armen Gaben wurden gespendet. Reifenden beizutragen; reiche biendlich da- Zeichen zum Aufbruch gegeben ward. Regierungscommiffare, die sich in den verschiedenen Staaten abzulösen hatten, begleiteten'' sie. Nachdem ich den gebräuchlichen Segen über Alle gesprochen und sie in heißer^ Gebet dem Schuhe des Horte- Israelanempfohlen hatte, nahmen wir von ihnen Abschied und sahen sie noch ihre Reise antreten. Die von der Regierung getroffenen Vorbereitungen erwiesen sich alungenügend für alle die I vielen Bedürfnisse auf einer so langen Reise. Die Zeit war zu kurz, die Abreise' zu eilig gewesen, und so hatten sie die größten Leiden unp Entbehrungen auf dem Wege nach Cherson zu ertragen. Auch an Ort und Stelle fanden sie nichtin gehöriger Ordnung, und die Mehrzahl der Emigranten hatte dort umkvmmen müssen, wenn nicht durch die Menschlichkeit' und außerordentlichen^ Anstrengungen de- Generalgouverneurs. Grafen Woronzoff Alleaufgeboten worben wäre, ihre Leiden zu mildem utid ihnen ihre neue Heimach so angenehm almöglich, zu |ma$en. Einige Fabeln und Erzählungen -er Alten aus detz Thimvelt. Boa vr. L. Ltwysoh» i» Dorm». 10. Monsieur Langohr fand bei den Alten verschiedenartige Beachtung. Msn hatte zwar daS Sprichwort!' Sagen Dir die Leute, D, hättest ein EselSvhr, so kümmere Dich nicht darum; agen sie Dir, i>u hättest zwei Eselsohren, so lege Dir mi t einen Zaum an. (Rabba Dereschith k. 50, d *); doch zei zte einst ein wahrer Esrl außer- *) Oder: Rennt man D Irl um. (D. Kama 92, d). ch „«fei!", so lege Dir einen Tat-