Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 32 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 126 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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126 j -»glaubt batten. Haben eine solche Furcht, eine solche Entmuthigung in dem Charakter einer Nation erst einmal Wurzel gefaßt, so können diese nicht durch den Federstrich irgend einer Regierung wieder auögerolter werden. Jahre müssen darüber hingeben, eine ganz andere Generation berangebilvrt werden, bevor die geeigneten Heilmittel angrwendet, die Hoffnungen der.Philanthropen erfüllt und die bestehenden Uebel beseitigt werden können. Der Jude, der fortwährend der Gefahr ausgesetzt war, aus der ihm lieb gewordenen Heimatb wieder vertrieben zu werden,. mußte auf alle möglichen Mittel -sinnen, fein Vermögen so anzulegen, daß er dasselbe bei vorkommendcr Flucht auf möglichst leichte Weise mit sich nehmen konnte: was war also natürlich.r, als baß er sich mehr dem Handel, als dem Ackerbau zuwandt«? Als -sich der kaiserliche Schatzmeister, Graf Cancrin, überzeugte, wie die Juden der ruffischen Bevölkerung durchaus unfähig waren, die jährlichen Steuern zu zahlen, machte er dem Kaiser wiederholt den Vorschlag, denselben das Recht zu ertheilen, fick in Sibirien als Landbauern ansiebeln zu können. Ebenso wie die Juden in Rußland keinen Landbesitz haben durften, so bldurfte rS zu ihrer Uäbersievlung nach Sibirien einer besonder» Erlauboiß des Eifers. Kaum war der UkaS erlaffen, als eine ungeheure Menge Juden um die Erlaubnis einkamen, mit ihren Familien auSwandrrn zu dürfen. AIS Graf Cancrin dem Kaiser hierüber Bericht erstattete, nabm dieser seinen früheren Beschluß wieder zurück und verweigerte, die nötbi zen Dokumente;u unterzeichnen. Sibirien, den Aufcntha k der Verbrecher, dielt man für die armen Juden noch füv zu gutl Diese batten unterdessen schon all' ihr Hub' und Gur verkauft und versanken nun, aller Eristenzminel beraubt, täglich tiefer -in Elend und Armurb. Gestützt auf den kaiserlichen UkaS harken sie geglaubt, ftbr bald nach ihrer neuen 'Heiqralh entlassen zu werden. Und um alle nöthigen Vorkehrungen zu einer schnellen Abreise Neffen zu können,^, verkauften sie ihre unbedeutend« Habe', so daß. als später-der'Befehl ju ibrrr Entlassung auSblieb. sie sich geriothizt' sahen, von ibrem geringen Vermögen zu zehren, und alS dieses bald erschöpft, sahen sie sich iw die verzweiflung-vollste Roth gestürzt. Alle ihre Bittschriften an die Curländische Regierung blieben unberücksichtigt, Monate auf Monate vergingen und auch der letzte Hoffnungsstrahl schwand endlich für kiese Unglücklichen. Endlich kam die Nachricht-nach Mitau, daß der Kaiser auf feiner Reise nach Deutschland die Stadt berühren werde; doch da er incognito reiste, hatte er sich, um von Niemanden belästigt zu werben, alle Empfangsfeierlichkeiten verbeten. Eine arme Judenfrau war jedoch entschlossen, daS Aeußerfie zu wagen^ und als der kaiserliche Wagen vor dem Postgebäude anhielt, ohne auf die Gensd'armen oder die übrigen Beamten zu achten, drängt sie sich heran und überreichte dem Kaiser ihre Bittschrift. Nikolaus nahm dieselbe sehr gnädig entgegen, und nachdem er sie durchlrsew, befahl er rem^neben ihm sitzenden Cesarowich Aleinnrer eine Notiz zu machen, damit die Petition sogleich erledigt werde. Wenige Wochen darauf kam ein kaiserliches Decket, worin der Regierung von Kurland aufgegeben ward, sofort die nöthigen Maßregeln zu treffen, und die Juden nach den neuen Niederlassungen, welche ihnen der Kaiser im südlichen-Bezirk von Cherson angewiesen hatte, zu befördern. D!e Freude dieser armen Juden war ungemein; der Tag ihrer Abreise war festgesetzt, die Gemeindevorsteher feierten denselben alS einen Festlag und luden mich ein, zu ihnen zu kommen und die Feierlichkeit zu leiten. Eine Deputation der Gemeinde kam, nrich nach Mitau zu geleiten und nach einer angenehmen Fahrt von wenigen Stunden stieg ich bei dem Parnaß, Herrn Wangenhrim, der ein alter Bekannter von mir und ein sehr gebildeter Mann war, ab. Ich bar ihn, mich zu dem Rabbiner deS OrteS zu führen, der, wie ich schon in Riga erfahren harre, sich nicht deS besten RufeS unter feinen Glaubensgenossen erfreute. Vor kurzer Zeit war seine ganze Familie zum Christenthume übergegangen, waS Wunder also, daß die Gemeinde auf solch' einen geistlichen Führer nur mit Mißtrauen sah? Er war alS ein betrügerischer, schlauer Mensch bekannt, und man wußte seinem Charakter alles mögliche Ueble nachzusagen. Mein College, der Rabbiner in Riga, rer in schlechtestem Einvernehmen mit ibm stand, suchte ihn lächerlich zu machen, wo er nur konnte. Herr Wangenbeim führte mich zu ihm, und nach Austausch der gewöhnlichen Höflichkeilswörter, beriethen wir unS über daS Programm der Feierlichkeit, welche am nächsten Morgen stattfinben sollte. Nachdem wir darin übereingekommen, daß der Rabbiner die auSgewählten Psalmen und das Gebet für die Regierung, und ich dagegen die Predigt ballen solle, verließen wir fein HauS; beim Weggehen bemerkte ich gegen den Parnaß: „Ich fürchte, der Rabbiner wird uns morgen irgend einen schlechten Streich spielen; er' ist neidisch auf meine Berufung, und es sollte mich nicht wundern, wenn er, wie gewöhnlich, irgend eine Verwirrung anrichtete." Der Parnaß that sein Beste-, mir meine schlimmen Ahnungen auszureden, und gls ich den Abend im Kreise einiger äußerst aufgeklärten Juden verlebte, vergaß ich der Feierlichkeir und aller dazu nöthigen Vorbereitungen. Doch schon um fünf Uhr nächsten Morgens trat der Parnaß in mein Zimmer: „Eben hat mir der Rabbiner sagen lassen, ich möge ihn entschuldigen, aber Unwohlseins halber fei es ihm unmöglich, der Feierlichkeit am Morgen beizuwohnen." — „Sagte ich S Ihnes nicht schon gestern Abend?" unterbrach ich ihn, „der Rigaer Rabbiner batte es mir vorausgesagt, daß ich mit Euerm Manne Schwierigkeiten haben, und daß es dessen größtes Vergnügen sein würde, unS auf irgend eine Weise in Verlegenheit zu setzen. Warum schlug ich nicht einen andern Plan vor?" — „L>, ich denke," erwiederte Herr Wangrnheim, „wir werden ihn entbehren können; der Chasan von Szagarin ist diesen Morgen hier eiugetroffen und er will die Psalmen singen." — ,.Ja, Eure polnischen Chasanim," antwortete ich, „mit ihrem veralteten Nigunim, waS verstehen die von einer Feier, wie wir sie heute begeben wollen? Die christlichen Honoratioren, die wir eingeladen haben, werden sich über unfern jüdischen Geschmack lustig machen, wenn sie die abgeschmackten Triller Enrer Cbasanim hören." — „Dieser Chasan macht eine AuSnabme von der großen Mehrzahl, und ich bin überzeugt, Sie werden eine andere Meinung von ihm bekommen, wenn Sie ihn erst gehört haben." Er öffnete die Thüre, und ein junger Mann von angenehmem Aeußern, sauberer polnischer Tracht, trat mit einer tiefen Verbeugung in das Zimmer. „Seid Ihr im