Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 32 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4908862-5999341-6000756--0744-4909427- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Riga 2× ep/1000826
OCR text
Jüdisches Volksblatt. Z-r Belehrung und Anlerhattung auf jüdischem ssekiele. Herans-e-edeN »o, Rabbiner vr. Ludwiß Philipps»« in Magdeburg. i- [Wo. 32. 1836 ] Bon dieser geitschrpt erkchelal »»ck«»Nich rtn» An«»er. Beet« tri 3ofei« gang! 1 Zklr. SirrlrffrUrlg “PL »gr. «tl» Bntdondtnngen. Htoßimter ul dtitM|KpiMllnii idan 0<Mh|Ir m. . . Meine Meisen tu Rußland. III. Bon Dr. Liltenthal in Cincinnati. (Noch „th^ Israelit«.1') Bei meiner Rückkunft stach Riga wurde ich von der ganzen Gemeinde auf da» Herzlichste empfangen. Man war schon verdrießlich über «ein lange» Ausbleiben geworden und da man ftircht^te, daß. wie e» späterhin auch wirklich geschah, der Minister wich in Et. Petersburg za behalten wünsche, während inan in Riga selbst meine geringen Dienste schon nicht wehr entbehren kopnte, so zeigte sich überall eine «ben so großle, al» aufrichtige Freude über meine Rückkehr.! Unter den Besuchen, welche ich empfing, war da» einzige Mitglied «einer Gemeinde, von der Seere der Chaßivi», Rabbi Rechemjah,'ein Mann mit würdevollem, patriarchalischem Aeußeren, aber dabei von fanatischem und bekrhrung-süchtigem Wesen. Die Neugierde trieb ihn zu mir: er wollte nämlich wissen, was in Petersburg vorgehe und wa» der Minister eigentlich von dem„Deutschel" wolle. Nachdem ich ihm seine vielfältigen Fragen beantwortet, sagte ich endlich: „Doch nun, Rabbi Rechemjah, sagen Eie mir offen und freimüthig. wie denken Eie über meine« Ruf nach der Hauptstaht? Ich weiß im Lorau», Eie sehen die Sache nicht mit günstigen Augen an, und dennoch wünsche ich Ihre Meinung, weil Eie die Ansichten von vielleicht einer großen Mohrzahl meiner russischen Glaubensgenossen vertritt, zu hören." „Gut, Doctor," antwortete er, „ich will Auch ein Mashel (Fabel) erzählen, welche gerade hier aus unsre Sache paßt." ,,A» lebte einst ein König,'in dessen Reiche viele Juden wohnten; doch da er niemals weder einen Inden gesehen. noch sonst irgend etwa» über ihre Gigenrhümlichketten gehört hatte, befahl er. einen Juden an seinen Hof zu bringen. Al» die Juden.von diesem Befchle hörte«, beriefen sie alle Rabbinen zusammen. um Unter ihnen den Geeignetsten, den, der den. besten Aindnuk auf den königlichen Herrn machen würde', ansguwthlm. Der Mann war bald gefunden; einige von de» Rabbinen waren jedoch der Ansicht, baß e» unklug. ja ganz unpassend sein würde, den Mann so mit einem langen Barte abzuslbicken; man beschloß daher, daß dem Jnden erlaubt werde, seine« Bart vorher abzunebmen. Nachdem nun ober der Bart verschwunden war, nahmen sich die Peo» (lange Latten) gar armselig und düster an», und es blieb somit weiter nichts übrig, al» auch die Peo» zu beseitigen. Der Ron» hatte dadurch ein fast deutsche» Gesicht bekommen und sei» Echutetze und die Pelzmütze wollten nicht den vorgeuommenen Bertnderntzgen paff, a. Gut, dt« Rabmehr recht gut zu und man kam die besondere jünach der neuesten man ihn nach der sofort vorgelaffm binea hielten^noch eine letzte Berathuiig darin überein, dem Juden zu gestatten, dische Tracht abzulegeu, und ffch dafür Pariset Mode zu kleiden. Ssi sandte Hauptstadt, wo derselbe vom- Könige . . ward. Ar wurde in da» GtaatSzimme^ geführt, und wie groß war de» Manne» Arstautnen, al» »er König ausrief: „Dieser Mann ist gar kesin Jude, man schicke ihn sofort znrück!" Die ganze Gesellschaft lachte über biefen Einfall; ich stimmte mir ein, und jahrelang blieb et sprichwörtlich: .da» ist gar kein Jude!" Doch solch «in Sitz bezeichnet oft mehr, al» die einfachste Wahrheit, und ich sah wohl voraus, welche Hindernisse und Verdrießlichkeiten _ warten würden, sobald ich vordem Minister mit dem «ui* Reformen einznfbhre«, «nwürde. mich der Vorsteher der jüzur Feiet ein,» Dankfeste», Nage. Schulen zu errichten ur^ ter diese Elaffe Jude« geschi« Kurze Zeit darauf ersticht« difchen Gemeinde' zu Mitau, welche» von den Juden jener, Stadt angesetzt worden war, nach dort zu kommen. Mitau ist die Hanptstadr von Anrland; die Zahl der Juden inj dieser Provinz ist sehr bedeutend; man findet dort vielt ölühende Gemeinden, einige deutscher, andere polnische: Abstammung, demzufolge i» ihre» Trachten und Einen s^hr derschiedea. Die Jude« in Kurland waren die ersten, welche, durch die äußerst« Armuth grtriebeu, von der durch den Kotßer ertheilte« Arlaubnlß Gebrauch machten^ sich im Innern von Rnßland al» Landbauern aaznsieveln. Wie überall in Europas so macht »an e» auch in. Rußland de» Jnden zum Därwurf, daß sie nur Handel treiben und den Landbau ganz vernachlässige». Mau schilt sie deshalb Müßiggänger, wtlche den leichte« Trödel unv Handel den anstrengenden Tabellen der Banarn vorzögen und durch ihre Kniffe und ihren Wucher i« Handel die Landbevölkerung auSzusaugest suchten. Doch wir überall, so auch in Rußlands sucht «an bei diesem Ponvurf absichtlich zu vergessen, daß kau» um SV Jahve früher die Juden sich noch nirgend» besetzen durften, und daß die trüben Erfahrungen von 18 Jahrhunderten sie gelehrt hatten, ihr Vermögen nicht u» Land- und Gnmdbefitz zu stecken, wo doch die Habsucht der Fürsten und der Fanatismus der herrschenden Kioche sie stet» von >ihre« häusliche» Herde und von allei^ Orten vertrieb / wo sie eine Ruhestätte nach ihren, mühestollen Wanderungen zu finden