Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 29 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
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11» dir im Allgemeine» nnter unfern jüdische» Brüdern in Rußland herrscht, werden die Juden i« ufe|rigrn Europa sich auch nicht die entfernte äe Vorstellung vion den ungeheuren Summen machen k nnen, welche vor! den wohlhabenden Juden diesegroßes Reichezur Abhülfe der Roth gespendet werden. ' An einem schönen Sommermorgen besuchte mich eine Dame und bat mich, sie zu einem zwei Stünden von der Stadt entfernten Ort zu begleiten, wo einejganze jüdische Familie sich in dem unglaublichsten Elend befinde. Ich ließ einen Wagen kommen. wir fuhren nach dein bezeichneten Ort — und, mein Gott! welch' ein schreckliche», entsetzliche- Unglück bot sich unfern Äugen! In i einer elenden Hütte, die ohne Thür und Fenster, Winp und Wetter von außen freien Zutritt ließ, fand ich Vater, Mutter und fünf Linder am Tvphudaniederliegen. Der Vater und vier Linder lagen am Boden auf etwa- Stroh und mit einigen zerlumpten Llejdung-stücken bedeckt. Die Mutter im höchsten Delirium tjit einem armseligen Bette auf einer alten Matratze, und endlich die Tochter, ein Mädchen von ungefähr 15 Jagren, lag, von Fieberhitze ge» rötbet und mit aufgelöste» Haaren aus emer hölzernen Liste. Da war Niemands der sie gepflegt hätte, keine Lrankeawarterin, kein Ärztx da waren kein^ Leben-mittel, keine Medicin. oder nur einige Pfennige U der ganzen Hütte zum Leben-unter-alt dieser armen,, elenden Geschöpfe. Ein Pächter, der am Morgen zufällig > an der Hütte vorbeigekommen und da- Elenddrr Familie bemerkt hatte, war schnell weitergeellt, um meine Gefährten von dem. waS er gef^hn hatte, zu benachrichtigen. Iw bat sie, bi» zu meiner Rückkehr bei ^denarmen Leukin zu bleiben, und eilte zum Dr. Levi, «einem jüdischen glrzt, der mit gewohnter Güte und Menischenfteundltchkeck sogleich mit mir aufbrach, um diesen apmen Leidenden Äülfe unv Rettung zu bringen. Nachde« er sorgfältig den argen Zustand der Patienten geprüft, schickte er nachl dem nächsten Apotheker, welcher ihm aus seine Rechnung, die nothwendige Medicin verabfolgen flaffen mußte; Außerdem versprach er, die Lranken zweimal täglich zu besuchen. Daraus, rieth er mir, bald stach der Stadt zurückzukehren und eine Wärterin für di, verlassenen Dulder herau-zu» schicken. In Zeit von einer Stunde hatte ich über 50 Rubel, zusammengebracht, eine Wärterin 'herauSgeschickt und zugleich ein Eomite g-bildet, um die Armen täglich zu besuchen. Fünf Wochen darauf srat ein Mann in mein Zimmer, der, ohne ein Wort stürzte und mir Hände nicht wenig erschreckt über hervorzubringen, auf mich zu- und Füße küßte. 3ch war da» ungewöhnliche Benehmen de- Fremden, doch wie. grüß Kar mein freudige- Erstaunen, als ich in ihm den Dater der kranken Familie erkannte. der mich mit den innigsten DankeSworten verstchette, daß sie Alle genes n seien, und, Lank der edlen Freigebigkeit seiner Glaubensgenossen, einer bessern Zukunft entgegensähen. — Ein arder Mal ward ich von einem Gemeindegliede herbeigerufea, dem von seinen Hau-wirthe angedroht war. ihn und seine Familie vo^ die Thür zu setzen. Der Winter, erzählte er, ist ein sehr harter gewesen, seit drei Monateü fehlt mir alle Lbeit; alle LleidungSstücke und alle» dau-gerSth ist fc^on verpfändet. 7 wir haben durchaus keine Mittel mehr, uns« Lebe» zu stiften, keinen Pfennig, um eine andere bescheidene Wohnung zu miethen, .und, Doctor, wenn Sie kein Mitleid mit unhahen, so bleibt mir, meiner armen iFrau und meinen unschuldigen Lindern keine andere Zuflstcht-flätte, alda» Armenhaus." Ich schickte ihn mit derj Weisung fort, mich am Abend zu erwarten. Bald hatth ich eine ziemlich bedeutende Summe gesammell und war!gegen acht Uhr Abend an der Thür dearmen Manne-; 7ch blickte durch einejllitze degeschlossenen Fensterladen-; eine düstre Lampe erhellte spärlich da» Zimmer, dessen ganzes Meu» bei in einigen zerbrochenen Rohrstühlen und einier großen Liste, die al» Lisch diente, bestand. Lein Feuer auf dem Herde, Hunger und Lälke. auf den bleichen, zitternden Gesichtern der armen Lind«. Ich klopfte an die Thür; ' Alle sprangen .htzstlg auf, in der Befürchtung, daß die Po-. lizei sie auS ihrem Obdach vertreiben wolle; die Linder liefetz zur Mutter und umfaßten ihr Lniee, um Schutz gegen den hartherzigen Pokizeimann zu suchen. Ich trat in da» Zimmer, Aller Augen waren auf mich gerichtet, ob ich al» - ihr rettender Engel erschiene, oder etwa mir der verzweifelten Antwort, baß ich nicht» fsir sie thun könne. Ich händigte dem Baker das Geld ein und leiste -. schnell hinweg, um dem her^rreißenden Aü-bsuch ihrer Dankbarkeit zu entgehen. I ^. Diese Art armer Geschöpfe, mit denen fast jede Igroße Stadt unverhältnißmäßig überfüllt ist, solche Familien, welche oft mcht mehr aleinen Rubel in der Woche au»« geben, diese armen Männer und Frauen, die a« Sabbath und an Festtagen etwa- Brot, Lartossela und Häring haben, glauben den Sabbatb nicht ordentlich zu feiern, wenn sie nicht wenigsten- ^zwei Lampen brennen» und nicht einen Pfennig sparen für^ die Armenbüchse in der Synagoge. Barmherzigkeit und Wohlthätigkeit-finn find die hervorstechenden Eigenschaften der russlschen Juden, und selbst der Aermste würde seine religiösen Pflichten nicht für er«^ füllt hasten,, weun kr-nicht zu bet Armenkasse in der Gemeinde beisteuerte. Die Gemeinden selbst opfern für den Unterhalt ihrer Armen und Bedürftigen enorme Summen. E», giebt in Rußland ein Gesetz, nach welchem Jeder jährlich eine Abgabe von acht Rubeln in die kaiserliche Lasse zu zahlen hat. Der Vorstand jüdischen Gemeinden jft für die von den Gemeindegliedern zu zahlende SumMe verantwottlich. Um nun diese Summe ohne Beschwerde für die Armen zusammenzubringen, wird von jede« Pfund koscher» Fleischeei» Cent erhoben. Diese Abgabe belief sich in Wilna jährlich auf 26000 Rubel, wovon die Abgaben der Armen bezahlt, und außerdem noch da- Prachtpoll« jüdische Lrankenhauerhalten wird. Doch ohne diese wirksame und unausgesetzte Hülfe wäre Llvth und Mangel wenigstenbei dem. dritten - Theil der russischen Juden an der Tagesordnung, und eS bedarf all' dns,umfichtigen und unermüdlichen Anstrengungen unsrer l russischen Brüder, um ein Leiden und Elend zu mildern, von welchem wir in Deutschland gar keinen Begriff habe».