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Jüdisches Volksblatt · 1856-01-01 · 28 (1856) · p. Seite 110

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1855-1856)
Issue
28 (1856)
Date
1856-01-01
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
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110 haben i*n letzter Grunde notb gewünscht, ihr Werk befestigen, erhalten, weiter führen zu könne». Nicht Liebe zum -eben und zu feinen Genüssen, sondern Liebe zur heiligen Lebenlarbeir hat diese -schmerzliche Gehnsucht erweckt. Der nichr riesen Schmerz empfindet, wenn er Geschaffnes aus den Händen giebr, oder gar, wenn er selber scheiden muß au» de» Kreislauf der Neigungen und Pflichten und ihrer Bethärigung, der har nie das Reine und Vollkommene gewollt, nie den Gedanken GotteS geliebt. Wer aber mit diese« Schmerze die Well läßt, hat das Vollkommene gewollt und ist selig t» chm. Und Tin Trost ist bei allem Scheiden von einer Thätigkeit. daß andere ihre erneute Arbeit damit vollbringen. Genug, wenn in. unserm Thun ein gesunde- Korn zur Aussaat, eine feste Handhabe zum Angriff für Andere fich findet. Mit diesem Gedanken rufe iib Euch und mir zu: ..Fertig!" Möge dieser Gedanke in uns leben, wenn es einst heißt: Fertig!" . Meine Reisen in Rußland. 1. Bo» i)r. Lilieuthal i» Cincinnati. (**d- „tk* J«rM*ite.") 3« Jahre 1842 hatte die israelitische Gemeinde zu Riga dem Redakteur dieser Blätter dm Auftrag gegeben, ihr einen Prediger und Schuldirektor zu fmdm. Es geschah dies in der Person de» Herrn Dr. Lilienthal (jetzt Rabbiner in Cincinnati in Nordamerika). Derselbe veröffenMcht gegeuwswtg Berichte über seine, Hlufenlhall in Rußland. Wir haben diese bis jetzt in der „Allgem. Zeitung des Zudevtbvms" gegeben. Da aber hier der Stoffandrang zu groß ist, so geben wir fie fortan im ..jüd. Volksblatt," da mir de» Artikel, welchen wir heute gebm. die eigentliche Wirksamkeit devr. Lil ienthal in Riga beginnt, während die ftüheren Stücke seinen vorbereitenden Aufenhalt in Petersburg beschrieben. Die Redaction. 3m Laufe der Woche lernte ich eine Mmge jüdischer Kausteute kennen. Nie sah ich einen schönern Menschenschlag. Ihr Gesicht leuchtet von Intelligenz, ibr Auge ist voller Leben, ihr Geist nach allen Richtungm hin entwickelt, und ihr Wesen, obwohl von der Tvrannri der ruffischen Aristvkratie gedrückt, hat dennoch etnm edlen Anstrich, der un» fast an da» vornehme Wesen her polnischm Ebelleute, mit denen fl» im fottwähreadem Verkehr stehen, erinnert. In ihrer feinen schwarzseidenen Schubetze, über welcher fie noch ein anderes.weites Gewand von demselben Stoffe tragen, dm Kopf mit einer schönen Pelzmütze bedeckt, zeigt fich in ihren Bewegungen mehr Selbstvertrauen, in ihrem Gesichte '»ehr Zntelligegz, wie bei allen andern europäischen Zudem Der Bart giebt ihnen eia männliches Ansehen, die hohe Stirn deutet guf große geistige Anlagen, ihre Züge find von so schön ortmtalischeM Schnitt, daß ße sicherlich zu dm Schönste» der kaukasischen Ra;e gerechnet werden könnten. wenn fie nicht im Verkehr mit den bestechlichen und habgierigen Beamte» eia demüthiges und kriechendes Wesm angenommm hättm, welches jedm Europäer, der uicht an diese verächtliche Kriecherei und Schleicherei gewöhat «st, mit Widerwillen erfüllt. Die jüdischen Kaufleute aus dem Znnern Rußland» bringen dm wichtigm Produktenhandel nach A i g a. Riga, nach Odessa der bedeutendste Handelshafm de» Kaiserreiche», führt nach England, Holland und Deutschland feine» Mehl, Leinsamen, Getreide und Bauholz au». Die jüdischen Kausteute kommen im Anfang des Winter» nach Riga, machen mit den dortigen Eommiffionshäusern' große, uageheure Summen betragende Abschlüsse, und wmn sie dann einen Avance von oft 20,000—30,000 Gilberrubel erhalten haben, geh^n fie nach den Provinzen Witebsk und Mobilem zurück, machen dort ihre Aufkäufe und im Mai nach.Wiedereröffnung der Donaufchtfffahrt kommen Tausende mit Waaren beladene Kähne in den Hafen. Es ist ein schöner Anblick, wenn man so an einem Maitage auf der ungeheuren Brücke steht, die Riga mit feinen vielen Vorstädtm verbindet. Auf der einen Seite diese russischen Bärte mit dem schmutzigen Schiffsvolk, ohne durch eine Flagge oder sonstiges Abzeichen geschmückt, auf der andern Seite die glänzenden englischen, deutschen und französischen Dreimaster mit ihren wehenden Flaggen unv Fahnen und ihrer kräftigen Mannschaft. Die Polizei ist fortwährend auf ihrer Hut, um jeden Streit zwischen diesen feindseligen Nationaliiärm, die hier ihre Erzeugnisse de» Friedens austauschen sollen, zu verhindem. Die Zudm sind Mäkler, Kausteute und Spe» kulanten, und viele machen dabet ibr Glück. Selbst wenn ein Kaufmann nicht mit der Waare, für die ihm da» Geld vorausbezahlt ist, zurückkommt. so bekümmern sich die christlichen Eommisstvnshäuser doch nicht weiter darüber, da sie schon bei de» Unterhandlungen bedeutenden Nutzen genommen habdn. ' > Die Kausteute sind in Rußland frei vom Militärdienst, dabei aber in drei verschiedene Elaffen eingetheilt, die verschiedene Abgaben, je nach dem Belang der ihnen erlaubten Geschäfte, zahlen. Die erste Elaffe bezahlt jährlich 800, die zweite 600, dir dritte 250 Silberrubel, und die Juden, um nur von dem Militärdienst frei zu sein, lassen fich in eine dieser Elaffen reihen, wenn ihre schwachen Mittel es nur irgend erlauben. Sie begrüßten mich alle herzlich, nur drückten sie mir ihr Erstaunen aus, daß ich. ein Mann von 20 Jahren, noch nicht verheirathet sei. Da» konnten sie gar nicht begreifen. Selbst von beißem Blute, und daran gewöhnt, ihre Kinder in ganz frühem Alter zu verheirathen, können fie kaum glauben, daß ein Mann, und besonder» ein Geistlicher, ein keusche» Leben führen könne, ohne in den Ehestand getrtten zu sein. 3<f> entschuldigte mich mit den Gesetzen in meiner Heimath. wo den Zuden alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt würden; konnte sie aber mit Richt» zufrieden stellen. Die Schadchonim (Heirathsageaten) fingen an, fich für mich zu bemühen, aus allen Gegenden Rußlands erhielt ich Briefe und Vorschläge; in dem einen ward mir ein junges Mädchen von 16 Zähren und mit einer Mitgift. von 500 Dukaten angetragen, ein Anderer empfahl mir ein Mädchen mit bescheidnem Vermögen, die dafür aber aus der Familie eine» Rabbiners sei. also zur jüdischen Noblesse gehörte; ein Dritter wollte mich mit einer jungen Wittwe mit zwei Kindern, einem hübschen Wohnsitz und 200 Rubeln verheirathen; der Vierte mit einer jungen Dame, die von ihrem ersten Manne geschieden war rc.

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