Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 28 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 111 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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111 Ich legte aüi diese Briefe, mit Venen » förmlich überschüttet ward, lächelnd tÜ Seite, ohne lauch nur einen einzigen zu beantworten. I Am nächsten Sonnabend hielt ich meine erste Predigt, also überhaupt die erste deutsche Predigt, die jemals in Rußland gehalten worden war. Dem deutschen Thell meiner Zuhörer gefiel ste gut. wogegen die polnischen Talmudgelehrten nicht ganz befriedigt warm. Diese find an deutsche Predigten, die ihom za klar und pngekünstelt find, nicht gewähnt, ste kennen, nur ihre rabblNischen Sophistereien, ihre cabbalistifchen Spitzfindigkeiten, stad nur gewöhnt, Schwierigkeiten in Stellen der heiligen Schrift zu finden, wo keine solche find, und obschon ste ihre eingebildeten Probleme mit vistlem Talent und großer Geschicklichkeit zu läsen verstehen^ so ist doch diese Art von Der«- scha, in welcher stch die alten Maggtdim gefielen, i« westlichen Europa schon längst beseitigt. Der Rabbiner, der auch der Anficht war. wg meine Predigt den Beifall der polnischen Partei nicht gewonnen habe, kam zu mir und sagte: warum lasen Sie nicht eine Stell« aus de« Baal Achbdah, oder aus dem-Schela. das würde ihnen besser als eine Predigt zugesagt haben. Ich beruhigte meinen würdigen Freund, und l stellte ihn vollständig zufrieden, indem ich am Sonnabend darauf eine Predigt ganz im Geiste und der Art der Derascha hielt. Unsere Schule war währenddem eingerichtet worvxn. Die Locken (Peotb) der polnischen Knaben wart» meisten- »Heils abgeschnittm, und sie kämm nett und reinlich Lekleidet in das Schulhauß, eine große Anzahl harte stch eingeschrieben, die Lehrer waren engagirt, und die Feierlichkeiten zur Schuirrssfnung vorbereit«. Das Portrait des Kaisers fchmückle die Wände, die Borbereitungm zu» Feste waren beendigt ustd wir erwartete» die eiageladenen Gäste, welche versprocher hatten, bei einer Eeremonie zugegen zu sein, bet der »ie Juden ihren ersten Sieg über ihre Gegner feierten. Der Gennalgouveraeur, der Direktor der Schulen mit einem großm Gefolge von Lehrern, die katholische nnd protestantische GeistlichkeÜ waren zugegen, Letztere jedoch nicht in vollem Omat; obgleich geschlagen, konnten ste es dennoch nicht über stch gnvinnen, eine jüdische Schule auf eine solche Weise zu ehren. Endlich jedoch hielt ein prachtvoller Wagen, mit ausgezeichnet schäum Pferden bespannt, vor dem Pottal, und der ruffische Bischof, der heimliche Verbündete der Juden, stieg aus, im vollen Ornate, und mit allen seinm Ordeu und Bändern geschmückt. Rach einem kurzen Gebet des Rabbiners hielt ich meine skinweihungSrede, welche mit ungetheiltem Beifall aufgeuommen ward. Alle »eine Zuhörer sprachen stch anerkennend und beglückwünschend gegen, mich aus, und von dteßrm Tage an hatte ich zu dm höchsteu Kreisen der Aristokratie und Plutokratie Zutritt. Man forderte mich auf, die Predigt zu veröffentlichen und dem Kaiser sowohj, wie allm Gliedern der kaiserlichen Familie, den Ministern und verschiedenen hohen Behörden in Petersburg; wurden Abschriften davon zugesandt. Zn unserer Schule zeigten stch bald die wirksamsten Erfolge. Unsere jüdische» Knaben machten ia alle» Lehrgegenständen schnelle Fortschritte, und besonders diejenigen, die schon vorher im Talmud unterrichttt gewesen waren, zeichneten stch in jeder Beziehung ans. Cs ist nicht zu leugnen, daß das Lernen des Talmuds dabeste Mittel ist, die geistigen Fähigkeiten schnell zu! entwickeln; es ist nicht blos Gedächtnißsache. kein Stndium trockner, -der Begriffe, aber auch ebenso wmtg ein Feld für eine gehörige geistige Bewegung. Der gedrängte Styl, in welchem der Talmud geschrieben ist, die fortwährend zu entziffernden Hieroglyphen, di« verwickelten, verdrrhtm Labyrinthe. durch die der Geist stch htudnrchwinde» muß, alledies gerväbrt utid zwingt den Lernenden von Anfang an zu einer selbstftindigm Anwendung des Geistes und befähigt zu jedem Geschäft, welches der junge Mann später erwählen mag. Diese Wahrheit hat stch genugsam durch die Erfahrungen beihätigt, indem mancher ausgezeichnete Mann in Deutschland, der bis zu seinem 18»«». Zahre nichtals ven. Talmud stubirt hatte, später wenn er auf der Univerfität stch dem Studium der Elassiker, oder anderer Wissenschaften zugewandt, in kürzester Zeit zu dem h-chsten Grade der Auszeichnung gelangte. Einige Wochm darauf ward mir durch einen Diener de» Russischest Bischofs ein großes, mü seinem Siegel versehmes Paquer überbracht, worauf meine unverzügliche Antwort verlangt ward. Zch öffnete das Packet eiligst, und fand darin zwei große Manuskripte in ftauzöstscher Sprache, die Priacipien der christlichm Kirche vertheidi» gend. Ich begab mich »ach dem Hotel des Bischof- und fragte ihn. was ibn zur Uebersmdung dieser Manuskripte bewogen habe. Er antwortet« mir,^ daß er der Kirchen- Versammlung meine Aukunft gemeldet und ihr zugleich berichtet habe, idaß ich die christliche Theologie stubirt habe, trotzdem aber nicht an die Lehren der christlichen Kirche gwnbe, ang-er va» Prägdntt» H«. Synode die Weisnng erhallen, mir. „da es unmöglich sei, die christliche Theologie stodirr zu haben. ohne von de» Wahrheiten derselben überzeugt zu sein," noch einmal die erforderlichen Belehrungen zu Theil werden zu lassen. Ich sprach hieraus mein Bedauern übe« die ganze Bcrhand-. lung und zugleich den Entschluß aus. meine Pesnche nicht forlsetzen zu können, wenn irgend wieder derartige religiöse Stteitigkeitea berührt würden. Zch verließ ihn. u» ihn nur noch ein einziges Mal während meines Aufenthaltes in Riga wiedttzufehea. Aufder Wallfahrt. Seht, die'Au ist frisch und grün. Dufttg blühet der Zasmt»; Do.« der spitzen Bergeshöch' Blitzt herab der weiße Schnee. Blitzt herab ein stummer Seist. Der zur dunkeln Ferne weist. Zürnend und gemahnend spricht: Wo ihr weilet, wißt ihr'» nicht? Eilt Gefährten, rill zur Ruh, Schließt die müden Augen zu, Und der Palm« Schattendach Set eu'r schützende- Gemach.