Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 26 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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103 nach. Während bat Mädchen nach dem Fenster eilte, um den forteilenden Bruder noch einmal zu sehen, während sie ihm mit dem Taschrntuche zuwehete, ustd er mit dem Stocke winkte, war die Mutter auf daqrmliche Gopha gesunken, hatte daS sorgenhurchfurchte Antlitz in die Hände gesenkt, und langsam, aber immer langsamer stoffen ihre Lhränen durch die Finger. Sie dachte jetzt weniger an den Söhn, vielmehr an den verklärten Männ; sie rief diesem im Innern ihrer Seele zu: stehe, ich habe meine Aufgabe erfüllt an ihm bis hierher, er ist unter meinen Augen zu einem solchen Jüngling geworden, mehr kann ich nicht, nun übernimm Du feiste Wacht, seine Huth m der Ferne, in der kalten, lieblosen Fremde.Dies waren ihre Gedanken, ihr Gebet — bi»! da- Mädchen leise zu ihr geschlichen, und ihr Haupt leise erhoben und an ihren Busen gebettet hatte. Eine kurze Weile» ein Händedruck, und die beidefi Frauen gingen an ihr Tagewerk, denn — sie mußtest ihren Unterhalt mit der Nadel erwerben. Eilet nur. ihr Jünglinge, von dauuenj — ihr kehret einst beide in die Heimath zurück: aber wie? <flcttf<sun* Wal.) ' Ein schöne- Wort. In dem Programm zr dem diesjährigen Gramen der israel. Religionsschule in Sreslau sagt Geiger: Im religiösen Leben eit-dtet ein jeder Zwang die freie und daher wqrme Hingebung und setzt an deren Stelle die kalte, starre Gesetzlichkeit; nur die steie Hingebung aber veredelt und verflttlistt. Wer die äußere Machtaufrust zum Schutze für seine Religion, wer 'die Gewalt sich dienstbar machen will, um durch fie zu seiner Richtung zu nöthigen, jede andere au-zuschließen. mit Tod> oder Kerker, mit Verkürzung d>r Rechte oder mit verachtender Hintansetzung zu strafen, »er beweist, daß er von d»er beseligenden Wahrheit, vouj dem Vertrauen zu d/r inner« siegreichen Kraft seiner Religion nicht erfüllt ist, der dient nicht dem heiligen Gotte der Wahrheit, die sich Bahn bricht, weil sie Wahrheit ist^ — der dient dem Fetisch, der, roh und täppisch wie er selbst, nur durch blutige Züchtigung eine Zeit lang Furcht und Gehorsam erzwingen kann. Eine Zeit lani,! Denn die Macht defreien Gewissenläßt sich doch ni ht ersticken und Hricht mit um so stärkerer Intensität durch.! Das Judenthum hat sit» einesolchen schützenden Zwangenie'erfreut, oder beste:, sich nie durch ihn geschmäht, unv ist gerade dadurch wel überwindend geworden, hat alle Zeiten und allen Druck ülerdauert und sich immer tiefer in die Gemüther seiner Bekenner eingelebt. So lange da- Judenthum einen Staat hatte, der sich nach seinem Namen nannte, hätte eliefeschützenden Zwangetheilhast sein können, und di« Gesetze trugen allerdings den Charakter an sich, dem sichutze feiner religiösen Jststitutionen den vollsten Rächt ruck zu geben.! DaS wär die Folge davon? Die Lenkw deS Staates! und da- Volk fielen gerade vom Judenthime ab, buhltest dem Glttzeudienste nach, und nur di« Propheten, verfolgt und bedroht, retteten das herrliche Kleinod mit der aus dem eignen Innern flammendest Ueberzeugung. Erst ddnn als das, scheinbar es mit den festesten Wehren und Ringmauern umgebende Stuatsleben ihm nicht mehr zur Seite stand, entfaltete das Judenthum seine volle Macht über die Gemüther und ward ihr innerste- Eigenthu«, für das fie Leben und alle irdische Herrlich, keit freudig opferten. Aldie Spanien beherrschenden Araber die hohe Bildungsstufe verließen, die sie eingenommen, als der Fanatismus der Almohaden i» 12. Jahrhunderte mit Feuer und Schwert jede abweichende Richtung verfolgte, als sie die in ihren Gebieten leben, .den Christen und Juden zwangen, wenigstenscheinbar und äußerlich zum J-lam überzutrrten, alt sie die Wissenschaft al-,eine von der Religion .abgefallene schmähten, ihr eine angebliche Umkehr vorschrieben und dem steten Worte die Aeußerung verwehren, den Philosophen Averrhoes durch Bann und Kerker feiner Jrrthümer zeihen wollten: da haben sie den Untergang der Herrschaft de- J-lambesiegelt, Averrhoeaber blieb der Herrscher auf dem Gebiete der Wissenschaft daganze Mittelalter hindurch. Eine krasse jüdische Orthodorie des 13. Jahrhundertin der Provence wollte in gleicher Weise den Denkrefultaten eine- MaimonideS den Zugang wehren, und rief bei. ihrem Beginnen in ihrer eignen Machtlosigr keit stemde Waffen zu Hülfe. Der Vertreter jener' Richtung forderte, wie der berühmte Zeitgenosse David Kimchi erzählt, zuerst die Barfüßer auf und sprach': „sSeht, un. frre Glaubensgenossen find meist Ketzer und Ungläubige, indem sie sich von dem Egypter Most- (MaimonideS) verführen lassen, der Ketzerbücher geschrieben; da ihr nun eure Ketzer wegräumt, so räumt auch unsre weg und befehlt, daß ihre Düchrx verbrannt werden." Dann sprach er mit den Prädikanten und Weltpriester» desgleichen, bis die Sache vor den Cardinal kam. Wawar die Folge? Zuerst große Unruhe, scheinbarer Sieg der Verdächtigung; allein, wie Abrohäm, Soh» de- MaimonideS, berichtet, nützte auch dieser .Schritt! auf die Dauer nichts Mit Denk nuncianlen wurden, wie ts scheint, auch von vest Behörden alS Verleumder erkannt, uip nach mittelalterlichem Verfahren wurde Einigest die Zunge ausgeschnittest. Mai monideS' Ruf verbreitete; sich Immer weiter; feist Name strahlt noch heute, wahrestd die Ankläger der ewigen Vergessenheit hingegeben sind. Doch wozu die Zeugnisse der Geschichte haust«? Es bleibt eine ewige Wahrheit: Der Tod der Religi> n ist es. wenn sie sich der äußeren Waffen zur Verfolgung andrer religiösen Richtungen, zur Äerfehmung der Wissenßch »ft,, zum Drucke Andersgläubiger l edient; eS ist der Tod eine-gefunden StaarsleßenS. wer « es sich zum Verbündeten einesolchen verdammung-süchtigen Glauben-!macht. --; Rotizer^ des Tages.! Der Trist wahrhafte« Religion und Humanität stierte jüngst einen hohen Triumph in dem Hattischerif des Sultan-, der alle Unterschieds zwischen den verschiedenen Andersgläubigen im türkischsn Staate aufhob; mag'die Verwirklichung noch so viele Schwierigkeiten haben: da» Princip ist prvclawirt. So hat sich die Türkei in dieser Beziehung dm Staaten angereiht, in welchen es keine .Ludengesetze" mehr giebt, und wo auch die Worte der Verfassung nicht nach „Judengrsetzm"^gzheutet werden.