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Jüdisches Volksblatt · 1856-01-01 · 26 (1856) · p. Seite 102

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1855-1856)
Issue
26 (1856)
Date
1856-01-01
Page
Seite 102 (sequence 2)
Language
German
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102 Macht'- kurz, Kinder, ich habe keine Zeit. Hier bring' ich Dir. Dein Jeworechecho, Franz —" und er griff nach dem Pvrtefeuille. Ein Zug deS Unwillenlief bei dem letzten Worte über da- Gesicht de- Jüngling- und ver Dame. Mitten in ihren ThrLnen hob sie den Kopf, sah ibren Mann mit stechendem Blick an und sprach: „Genire Dich doch ein wenig, Mann, wir find ja nicht allein . . . - ,.)a so." flüsterte der Datei und schielte auf den. Diener. „Hier, Franz/' fuhr er fort, „hast Du Wechsel und Anweisungen auf Druffel, Antwerpen, Amsterdam. \ Pari». Brauche sie mäßig, dann schicke ich Dir neue, für London, oder wohin Du willst. Girb regelmäßig alle 14 - Tage Nachricht, öfter brauchst Du nicht. Und so gehab Dich wohl, ich wollte doch, wir dielten erst beim Scho» lear aleiHem . . . Wieder ein stechender Blick der Frau, ein Achselzucken * oc» Sohne-. ein Schielen de- Vater». Demungeachlet umarmte und küßte er den Sohn, der es sich gefallen ließ, der dann ver Mutter einen fast derben Kuß auf die Rippen drückte, mit dem Hut winkte, und, kaum hatte er da» Portefeuille gefaßt und die Thüre hiuter sich, ein Lied trällernd die Treppe hinunter sprang, in den bereiten-Wagen sprang .... Der Postillon stieß in» Horn, klatschte mit der Peitsche — der offne Dagen entrollte, in welch?» sich der junge Mann bequem zurück« lehnte. Die Dame und der alte Herr waren an» Fenster gesprungen; jene zerdrückte eine Thräne und sah dem Wagen nach, bi» er um die Ecke wandte; dieser murmelte: „Nu ist er fort — Adieu!" und schritt zur Thüre hiuau», fast ohne seine Frau noch einmal anzufehrn. Die Dame lehnte sich in die Kiffen der Otomane zurück; ihre Augen schloffen sich, aber ihr Geist war wach; sie durchlebte noch einmal die eben vergangne Stunde, und ein tiefer Schmerz durchbrach ihr Herz .. . nicht mehr der Schmerz de» Abschiede», sondernde- Abschiednehmen», diese» Abschiednehmens. Sie fühlte, daß e» dem Sohne an der heißen Liebe gebrach, die sie für ihn empfand; sie konnte die Frage nicht vermeiden, wie so diese», da sie ihm so un« endlich viel entgegenbrachte; der Gedanke durchblitzte sie. daß sie selbst, ihre Erziehung daran schuld sei; sie habe ihn von Kindesbeinen allein auf da» Aeußere, auf Eleganz, auf Genuß, auf Eitelkeit gewandt; ja selbst das Bewußtsein der Rlchtigkeil ihre» Lebenswandel», ihre» Schaffen» und ThuaS wollte in ibr aufkommen ... da pochte e» an die Thüre. die Kammerzofe trat herein, sie brachte ein neue» Gewand, da» sie bellt Abend auf einem Balle tragen wollte, und weit! e» alle Frauen beschämen und zum Neide bringen sollt? — sie sprang auf und suchte zu vergessen .... so gut e» gehen wollte — Schmer; und ittrt ließen sich auf dem Semüthe nicht entfernen. Al» t er Postillon den eilenden Wagen um di« Ecke lenkte, a ußte dieser durch eine tiefe Rinne. Hoch auf spritzte de: Koth, und ttaf einen jungen Mann, der, in Heller, reinlicher Blouse, da» Ranzel auf dem Rücken, den Knotensta [ in der Hand, eben fürbaß schreiten wollte, nachdem x dicht an der Ecke stehen geblieben und die Straße hi nunlergeschaut, al» ob er ungesehen noch einmal sehen «ölte, ava» er für lange Zeit nicht wieder sehen sollte . . . Er. wischte sich mit dem Taschentuche die ge« rökheten Augen au», und konnte e» jetzt auch gegen die Schmutzflecken gebrauchen, welche der Wagen ihm ange« spritzt. Dabei begegneten sich die Blicke der beiden Jünglinge, aber, ob sie sich erkannten, sie wollten fich nicht kennen — der Wagen eilte davon, der Fußgänger schritt ruhig vorwärts. E» lag in dem Degegniß und den Blicken eine ganze Geschichte, von Jugenbgeftrielen, zwischen die da» spätere entgegengesetzte äußere Glück, die verschiedene Lebensrichtung, Stolz und Hoffart getreten . . . Der Jüngling war kurz vorher au» der Thüre einer niedrigen Hütte getreten, und hatte sich schwer au» den Armen einer trostlosen Mutter und einer weinenden Schwester gewunden, die in ihm ihre einzige Stütze, ihren einzigen LebenSanhalt hatten. Die Mutter hatte noch etwaan seinem vollgestopften Ranzel zu bessern, dalo-gegan« gen; indeß stand der Bruder vor der jüngern Schwester, streichelte ihr da» Haar und küßte ihr die thränennaffen Wangen. Er hielt eine gehäkelte Börse in der Hand, die ihm da» liebe Mädchen für die Abschiedsstunde gearbeitet, und stammelte etwa» von Dank, ewigem Andenken, Wiederkommen, oftmaligem Schreiben, aber e» war nur ein Zusammenhang in den Worten, der des unsäglichen Schmerze-. der durch die drei Herzen ging. Die Mutter war fertig; der Sohn warf da- Ranzel über den Rücken, und faßte den Knotenstock. Da schüttelte er da» Haupt, und trat fest vor die Mutter. „Theure, geliebte Mutter!" sprach er über Erwarten kräftig. „Diese Stunde ist für mich eine heilige. Unter Deinen Augen bin ich groß geworden, da der theure Vater so früh unentrissen worden; Du hast mich mit unsäglichen Sorgen und Opfern erzogen; Du hast mir da» leuchtendst« Beispiel der Frömmigkeit und der Liebe gegeben; Du hast mich da» Gewerk lernen lassen, wozu ich Lust hatte, obschon ich dadurch nur spater Deine Stütze werden konnte; jetzt muß ich zwei Jahre wandern — aber bei dem Andenken meines Vaterschwöre ich Dir in dieser Stunde zu, daß so rein und schuldlos ich von Dir gehe, will ich zurückkehren; arbeiten, lernen, an Euch und Gott denken, da» soll mein Leben au»füllrn, bi» ich zurücMmme. so wahr mir Gott helfe, der Hüter Israel», Amen!" Und damit küßte er ehrerbietig die Hand der Muttet. die aber bald von Thranen überströmt ward; rief beugte er das Haupt vor ver Mutter, sie legte ihre Hände auf dasselbe, fie segnete ihn, sie segnete ihn lang, lang, al» könnte ein Muttersegen kein Ende finden, sie betete — ach, ein MuNrrbe«; betete 7— sei ruhig, ein solche-erhöret Gott! . . . Dann aber griff fie in den Busen, und sprach: '..Theurer Jacob, hier habe ich noch eine Gabe Deineverklärten Vateran Dich ... eist ein Kami« lieuandfnkeu . . . ein Ducaten mir einem Loch, da- Dein Großvater hineingeschlagen ... dagab er Deinem Vater, aler ebenso Abschied von ihm nahm, wie Du von mir . . Dein Vater bewahrte ihn heilig ... er hat ibn Dir.hinterlaffen . . ich habe ihn nie angerührt . . . nimm ihn, aber verwende ihn dreist, wenn einmal Dein Leben in Gefahr sein sollte . . Jacob nahm den Ducaten, küßte ihn. und legte ibn in die von der Schwester empfangene Börse, und barg diese an seinem Herzen. Er fiel jetzt der weinenden Mutter in die Arme, noch einen Truck an» Herz, noch einen Kuß — er riß fich los und wankte zum Hause hinauf Die Mutter ging ihm nicht

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