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Jüdisches Volksblatt · 1856-01-01 · 23 (1856) · p. Seite 91

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1855-1856)
Issue
23 (1856)
Date
1856-01-01
Page
Seite 91 (sequence 3)
Language
German
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91 welche fremden Pilgern eine Steuer aufleyen. Zwei von ihnen, nicht mehr jung an Jahren, graubärtige.Halbchaffidim markiren mit norm tiefen Ernst jeden eintreren« den Fremden und freuen sich ihre» Siege» über den Unglauben unserer Tage; der dritte Deputirte dreht seinen Kinnbart, um sich au- »er Verlegenheit zu helfen. Nur mübsam gelangt der Pilger bi» zum Eingang der Gruft, geschäftig überreicht er dem recht-stehenden Scham» mesch fein Biller, welch,» ihn» von jenen Pförtnern geworden ist, während der links stehende Sofer sich zu ihm wendet und eine kleine Unterredung beginnt. Der Gebeimschrriber überreicht dem Wallfahrer e>n Biller, Quittri genannt, welche» in kurzen Worten dir Gedanken seine» Herzen» enthält, und jetzt erst ist e» Zeit, die heilige Stätte zu besuchen. Welch ein Gedränge und Getobe! Der Eine weint und stampft mit den Beinen, der Zweite, etn Enkelchen de» heiligen Rebdi. klatscht und singt so aamulhig, daß Jung und Alt sich um ihn versammle», unr jede Bewegung des jungen hoffnungsjoollen Nachfolger» zu wiederholen; der! Dritte eilt zum Kasten, wirst sein'Quitte! hinein und läßt ein rum «brt-b« von jeäem Schammesch beten. I ' Ich war schon im Beäriff. diese Skat e zu verlassen, al» ich alle Äugen nach der Landstraße gerichtet sah. In der That bewegte sich langsam und feierlich auf der Heerstraße ein chaffidischer Zug. der in feiner Mitte' einen Heiligen hatte. Der Aebbi war in einen weiten Hchlafrock gekleidet, trug gelbe Nankinghosen, gelbe Pamoffeln und eine dreifache Kopfbedeckung, eine Schläfmütze. die bi» über die Ohren ging, eine Pelzmütze undl darüber einen breiten Hut. Sei« kohlschwarze» Haar. seine feurige» Augen, die er bald hierbald dorthin warf, seine hohe Stirn, sein offner Hal» machten einen eigemhümlichen Eindruck. Sein Aeußere» ve^rieth Geist, sein Wesen Wissen. Zeine Getreuen eilten ihm entgegen, um.seine Haind zu küssen und unter Jubel ^und hundertfachem Drop hoben ihn seine Genosse» auf die -Mauer der heiligen Stätte, die er in ihrer Tvefe, da er ein ^oben nicht betreten darf. Hier geht!er auf und ab Und schaut wie .{M verklärter Heiliger bäld zur Gruft, bald auf seine Genossen, bald auf die links stehenden Freuen, die. an- [ geführt vün der berühmten!m*T2, einest geisterhaften Weibe, ebenfall» ihrem Herzen Luft machen und Gebete zum Himmel senden. — \ I Wir brachen auf und> erreichte» bald! da» Dörfchen Olaszi und kehrten bei ^nem jüdischen GutSpächter ein. Mit Tagesanbruch fetzten wir die.Ercursion fort und nach wenigen Gtunbeu war Erl^öbenye erreicht, gjanz von Weinbergen umgeben in Mitten eine» Walde» lgelegen. Da» muntere Treiben der Jugend vom gestrigen Tage wieder, holte sich; der Eine brachtt eine Schlüsselblume und verglich ihre 5 Staubgefäße mit den 5 Büchern Mose», der Zweite zerschlug Jaspise u^id Obsidiane, sind der Dritte brachte MuschrUbdrücke und fragte nach ihter Entstehung. Ich ließ einen Krris schließen und begann! folgende Erklärung zu geben:' Die heilige Schrift erzählt uns von eirier allgemeinen Umwälzung, die in Noah»! Zeiten stattgef»njden hat. Nach und nach fetzten sich auS dem Wasser die Gesteine ab. di» diese Hügel, worauf wir sitzen, bilden. Damal» wurden Tausende von Thier,n und! Pflanzen zwischen Gesteine getrieben, im Schlamme begraben und bei dem Erhärten vom Gestein ausgenommen. Die zarteren Theile d» Pflanzen undAhiere konnten sich nicht abdrücken, daher wir sie auch nicht versteinert finden, dahingegen haben sich die festeren Theile wie die Rinde und die holzige, Früchte der : Pflanzen, die kalkigen Schalen der Muschel,, und die : Knochen der höher entwickelten ^iere bi» arrf den heuttgen Tag erhalten. „Haben diese Muscheln und versteinerte» Thiere auch Namen," fragte mich bald Ler mir nahe stehende Knabe, u — „O ja," entgeguete ich, „dafür hat die Wiffchrschaft scho«! Sorge getragen und wägt täglich Sorge und noch mor-.! gen wird mein Freund Eördögh diesen Thierchen eine» j Namen geben." . „Höchst merkwürdig," fuhr ich weiter fort, „sind die Versteinerungen der höher entwickelten Tbiere. 1 Ich erinnere an die Elephantea, die mau in Sibirie» gesunde» har und von denen die Eingeborenen glauben, >aß sie i» Meere wie die Maulwürfe versteckt leben. de»h!alb sie diese Thiere auch Mammorh.nennen. Ja die Zahl der Ele« phantenzähne im kalte» Norden ist so groß, daß da» ' meiste in den Handel kommendr Elfenbein au» ihnen gej Wonnen wird." __ , „Sind denn Menschen auch versteinert gefunden worr den?" hörte ich von einer Seite fragen. ..Bi« heute »och nicht," entgegn,te ich; „aber wer weiß, ob e« nicht noch gelingen wir», wer hat die unbekannten Strecken vo» , Afrika und Asien erforscht, rz»er He Oceane und ihre m»*,* ermeßlichen Tiefen?" *) „Der Rabbi kommt, da in jenem Wagen dorr!" ries die Menge, und meine, Stimme verhallte. In einem Wägelchen faß ein hagerer Mann mit gebleichtem Haar und grauem Barte, obwohl er. wie ich später erst erfuhr, kaum 50 Jahre zählte. Seine Augen waren in di«. Höhe gerichtet, seine Stirn gefaltet, in seinen Zügen lag ein tiefer Ernst. Er ließ sich vom Wagen heben un» eilt, in Begleitung feine» -«32 vurch Wald und Flur Nach dem Mineralwasser, sprach eine und eilte in seine Wohnung zurück, wo ihn ejn Gla» Kaffee erquickte, welche»,, beiläufig erwähnt, ein LiebllngSgetrink der Rabbi» iß. Schon halten hundert von HülfSbedürftigen feine Wohnung ^umringt und harrten die Stunde der Audienz, schon war auch ich de» Wattenmüde„ als zu meiner Freude der -«32 kam und meldete, daß der Rabbi jetzt zu sprechen sei. Glückliche Stunde, so bist auch Du gekommen, die mich in -die heiligen Mysterien der Rebbi» rinfahren will, lehre mir die tiefe Bedeutung der Amulette (Kemeoth) verstehen und sei meiner geistesttunkeneo Seele freundlich! Dem Gebrauche gemäß begab ich mich zuerst in vi« Wohnung de» “lcrto. Recht» saßen verschiedene Männer mit halbwahnsinnigen Physiognomien, mit den Füßen stampfend, in beständiger Bewegung; link» an eine» Tischchen erblickte man Chaffidim bald in einem O-bnii, bald in tnpn mar schauend, aber nicht lernend weder Bibel noch Gemara; denn Studjren ist nicht Sach« der Chaffidim. Im Hintergründe bemerkte ich nach langem Suchen den •) Siebe Philipps»»'» Bibel. Erster Thetl, Seite 48. 6, I. Zweiter Abschnitt.

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