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Jüdisches Volksblatt · 1856-01-01 · 20 (1856) · p. Seite 78

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1855-1856)
Issue
20 (1856)
Date
1856-01-01
Page
Seite 78 (sequence 2)
Language
German
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78 und Babylonien ganze Striche inne batten. Zwei Jünglinge aus Naarda (Naharkea) mit Namen Afinai (Ehafinai) und Anilai (Ehanilai) gründeten sogar in der Nähe von Naarda einen Raubstaat, welcher den Nachbarländern Schrecken einstößte (um 20). Asinai und?lni* * lgj waren Weber von Handwerk, und als ste einst' von ihrem Lehrmeister bestraft .wurden uttd enkstobea,'sammelten ne eine Schaar Unzufriedener ' um sich und brattdschätzten die Hirten. Täglich wuchs die Zahl der naärdeischeu Raubritter, und fie konnten, svaffengeübt und toll« kübn, große Streiszüge und kriegejische UeberfLlle auSführe». - So lose waren die Zügel des parrhischen Regiments. daß der König Artaban mit ihnen ein Bündniß ringln., und sie förmlich als Herrscher eine» unabhängigen Staates anerkannt bat. Sechzehn Jahre hätte dieser sonderbare 'jüdisch* Staat bestanden.! als er durch Uebermutb und innere Zwietracht umergiyg. Anilai hatte sich n eine schöne heidnische befangene »erliebt, ne zur Krau - genommen und duldete aus Schwade, daß sie dir Götter ihrer Heimath in ihrem Hause verehren dursteDarüber war die fromme Schaar und auch her ältere Bruder entrüstet. und sie äußerten ihre Unzufriedenheit mit dem Führer, die dahin führte, daß Afinm von der heidnischen Schwägerin vergiftet wurde. Mit Astnai'S Tod -wich Der Geist auS diesem Staate. — Als "Änilai und feint Schaar von Mithridat, dem Schwiegersohn »es Königs von Barlhien, angegriffen wurden, welches die Schmach iächen wollte, die er in der Gefangenschaft! der Juden früher erduldet. wurden fie zersprengt und üonnten sich nur durch Raubzüze gegen diz heidnischen Ballvlonier erhalten. Die gegen die Juden erbitterten Babylonier überfielen einst Änilai plötzlich und machten ihn uttd seine Schaar nieder. Darauf wendeten ste sich gegen die babvlonischen Juden in den offnen Städten, um fie die. von Anilai erduldeten Beraubungen entgelten zu lasten. Piele babylonische Juden suchten daher in Seleucia, an der Westseite des TigriS. eine Zufluchtsstätte. Aber auch hiezber Hane sich der Judenhaß verpflanzt. Tre- Bevölkerung Seleucia's bestand aus Juden, Griechen und'Svrern. ’ Griechen und Syrer lebten vor Ankunft der Juden in-stirer Fehde, nach deren Ankunft vereinigten fie fich, überfielen plötzlich die Juden und lövkeren fünf Tausend derselben! (um 41); die Uebrigen suchten Schutz in der panhiswen Hauptstadt Ktefi- Phon. Die zwischen Juden und Heiden ausgebrochene Feindseligkeit hörte damit, nicht auf »md zwang die erstern. in den zwei befestigten, nur von Jüdin bevölkerten Städten Naarda und Nifibis Sicherheit zu suchen *). Auch in den -ändern jenseit rqs Tigris, in Medien und Bersten bestanden.jüdische Gemeinden und der Sun» bedrialpräfident GamaU/l erließ auch an fie ein Sendschreiben. Don den Euphrat- und Tigris-Gegenden find wohl viele nach Armenien auSgewandert, ehe noch Tigranes Gefangene aus Judäa mitgebracht barte. Ein jüdisches Geschlecht Pekarduni in Armeniqn wird namhaft gemacht. dessen Glieder zu hohen Würdenträgern am Hose erhoben wurden, aber auch öfter Verfolgungen erlitten haben sollen^). — Wie Naarda und .Nifibis die Mittelörte für die Euphratlander waren, so bildeten sich in jedem Landstriche Mittelpunkte, von wo aus fich die jüdische Bevölkerung in die Nachbarländer verbreitete, von Kleinasten auS nach der Gegend des schwarzen MeereS und nach Griechenland. Die Städte Athen, Korinth, Theffalonien. Philippi hatten jüdische Gemeinden. Rom sandte sicherlich jüdische Colonien westwärts nach Südfrankreitb und Südspanien, obwohl fich keine sichern Spuren von ihrem Dorhandensein in diesen Gegenden vor der Tempelzerstörung Nachweisen lassen. Der irste Eindruck', den daS jüdische Wesen auf die Heiden machte, war ein abstoßender; die Juden erschienen ihnen in ihrer eigenthümlichen Lebensweise. Tracht uno religiösen Anschauung wie etwa» Sonderbares. RarhselhafteS, Geheimnißvolles, das fie sich nicht zu erklären vermochten und bas ste bald mit tiefer Scheu, bald mit Spott ersiillre. Der Gegensatz zwischen Judenthum und Heivenlhum war so durchgreifend, daß er sich in jedem Thun und Lassen äußerte. Alles was den Heiden heilig galt, war in den Augen der. Juden ein Gegenständ des AbscheueS, und wiederum, was jenen gleichgültig war, galt Diesen als Sache der Frömmigkeit. Die Absonderung ver Juden von gemeinsamer Tafel, ihre Scheu vor Ehebünd: niffen mit Heiden, ihre Enthaltsamkeit von Schweinefleisch und warmen Speisen am Sabbarh, legten ihnen oie Heiden als Verkehrtheiten und die Beschränkung des irjnigen Umgangs auf die eigenen Glaubensgenossen als DHnschrnfeindlichkeit aus*): ..Jegliches Land und jegliche- Meer ist von^Dir erfüllet; : „Jeglicher ist Dir feindlich gesinnt ob Deiner Gebräuche^). DaS jüdische Bundeszeichen Der Beschneidung war den Heiden besonders ein Gegenstand des Staunens und Lachens. Selbst der Ernst der Juden, der keinen Antheil ' nahm an den kindischen Belustigungen der Theater und! der blutigen Kampfspiele, erschien ihnen als eine AuSge- butt einer rüstern GemüthSart, die an dem Schönen keinen Gefallen findet. — Oberflächliche Geister betrachteten daher das Judenthum als einen barbarischen Aberglauben, .welcher Lieblosigkeit gegen da» Menschengeschlecht lehre 6), während Tieferblickende von der reinen, bildlosen Der- « ehrung eine» einzigen GotteS, von der Anhänglichkeit und der tiefen Theilnahme der Juden aneinander, von ihrer Keuschheit. Mäßigkeit und Standhaftigkeit zur Bewunderung hingerissen wurden*). Mehr Blößen zeigte das Heidettchum und daS daraus entsprungene unsittliche Leben dem scharfen Blicke der Juden. Das wüste Götzenthum mit seiner fabelhaften Mythologie, welche die Götter noch niedriger alS die Menschennatur machte; der Wahnwitz, lasterhaften Kaisern als Göttern zu opfern; die einrrißende Sinnlichkeit durch den Verfall Griechenland- und die Berührung der Römer mit den entarteten Bolkern; die täglichen Erscheinungen ») Joftpaus Alienb. XVIII. 9, «—«. *) 4ierg>. str'ch un6 Gräber vucvkle rädie 1h. t~. S. 474. *) JosevbuS gegen Avion II. 43. 44. f. Tacilus historiae S, 4—5. Philo de circumcisione M. II. 240. Eurtos: AugnsiaS 76. *) Sibyllinen III. 274—72. *) Cicero de Flacco 28. •)'Tacilus das. Dio Cassius 37, 47.

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