Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 16 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
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63 'i Als ich kam. fragte er mich mit folgenden Worten! N. Wa« hast Du Dir da für ein Syielwerk glemacht? 3- Dieseist ein Rader^). B. WaS soll diese» bediulen? Ich erkläre ihm hierauf den Gebrauch allejr Zirkel zur Begreiflichmachung der himmlischen Erscheinungen. Mein Vater, der zwar rl t guter Rabbiner war.' aber kein sonderliche- Talent zu löiffenfchaften harte, konnte nicht Alle» begreifen, wa» ich ihm begreistich machen wollte; besonderbefremdete ihn die Vergleichung meiner Ephäril armiüariS mit der Zrgur in dem Buche, und wie aus geraden Linien Zirkel ei tsprungen wären; aber so viel konnte er doch einsehen, daß ich mrtnrt| Sache gewiß war. > Er schalt daher zwar auf mich, daß ich sein Verbot, mich mit etwa- Anderm. aus er dem Talmuds abzugebeki. übertreten habe, freute sich arer doch innerlich, daß fein junger Sohn ohne einen Anführer und Votkennrniß zu daben, von stch selbst ein ganzes Werk von einer Wissenschaft habe durcharbeiten können; und damit^war dieser Prozeß zu Ende. Mein älterer Bruder. Joseph, und ich. wurden nach der Starr Miez in die Schale geschickt. Mein Bruder, der ungefähr zwölf Jabr alt-war. wurde b«i einem bekühmten Schulmeister, Namens Jossel. in die Rost gegeben. Dieser war der Schrecken aller jungen Leute, die Geißel Gotte-; er behandelte seine Untergeben >n mit einer unerhörten Grausamkeit, peitschte sie um vrö mindeste Vergehen biaus- Blut, riß-nicht selten Ot ren ab und schlug Augen aus; und wenn dann die ll Itcrn dieser Unglücklichen zu ihm kämest und ihn zur Neve stellten, so schmiß er sie. obne Unterschied der Pi rsonen, mit Steinen, oder waS er sonst fand, und jagte sie auS der Stube mir feinem Stocke binach ihrer Wo-nung. Alle die unter seiner Zucht standen, sind entweder Dummkövfe oder große Gelehrte geworden. Ich, der ich damals nur sieben Jahre alt war, wurde zu einem andern Schulmeister geschickt. Eine Anekdote muß ich hier erzählen, hie von der einen Seite große brüderliche Liebe beweist, pnd von der andern als Aeußerung deS GemürbszustanveS! eine- Rinde» anzusehen ist. dazwischen Hoffnung der Mleichterung eine» UebelS und Furcht vor der Vergrößerung desselben schwebt. Ich kam einst auS der Schule mit verweinte^ Augen (sie halten gewiß ibre Ursache dazu). > Mein Bruder bemerkte es. und »ragte mich noch der Ursache. Anfangtrug ich Bedenken, ihm darauf zu anttjoorren, endlich aber sagte ich: ich weine "darüber/ däß mbn nicht aus der Schule plaudern darf. Mein Brudfr vierstanv mich sehr wohl, war außerordentlich wider meinen! Lehrer entrüstet und wollte ihm darüber den Tert lef«. Ich bar ihn aber, er möchte es nicht: rhun, weil allem Bermutheo nach der Lehrer mir da» asts der Schule plaudern entgelten lassen würde. > - I Nun muß ick noch etwavon der Beschaffenheit jüdischer Schulen überhaupt sagen. Die Schulz ist gemeiniglich eine kleine Rauchhütte, und die Rinder find theilauf Banken, theil» au/ bloßer Erde zerstreut^ Der -eh- *) Die Benkimiug eine» Alobu» im $tfrr£ifdjtnrer, im schmuzigen Hemde auf dem Tische fitzend, hält zwischen den Beinen einen Napf, worin er mir einer Herkuleskeule Schnupftabak reibt und zugleich sein Regiment cvmmanvirr. Die Uvterlehrer erercisen jeher in seinem Winkel und beherrschen ihre Untergebznen eben so, wie der Lehrer selbst, ganz despotisch. Dost dem frühstücke. Vesperbrote u. s. w.. das man den Rindern in. die Schule schickt, behalten diese Herren oen größten Theil für sich, ja zuweilen bekommen die armen Jungen gar nicht» davon, und doch dürfen sie sich darüber nicht beklagen, wenn sie nicht der Rache dieser Lvrannen auSgesetzt sein wolle». Hier werden die Rinder von Morgen bis Abend eingekerker», und haben gar keine Freistunden, außer dem Freitage und am Neumond einen ' Nachmittag. Wa» da» Studium selbst betrifft, so wird wenigstendaS Lesen der hebräischen Schrift noch ziemlich ordentlich erlernt. Hingegen gebt es mir der Erlernung der hebräischen Sprache ganz seltsam zu. Grammatik wird in der .Schule nickt tractirt, sondern die muß ex usu durch Utberfetzung der heiligen Schrift erlernt werden, so ungefähr, wie der gemeine Marzn durch den Umgang auf eine sehr unvollständige Art. die Grammatik seiner Muttersprache lernr. Auch giebs es kein Wörterbuch der hebräischen Sprache, Man sängt also bei Rindern gleich mit Erplicirung der Bibel an; und da diese in so viel« Abschnitte vertbeilt ist, als Wochen im Jahre find, so wer» den alle Wochen einige Berse vom Anfänge deS. dieser Woche gehörigen Abschnitts erplicirt. und di/seS Mit allen möglichen grammatikalischen Fehlern. ES ist auch nicht! gut ander» möglich; denn da da» Hebräische durch di» Muttersprache erplicirt werden soll, die jüdisch-polnische Muttersprache aber selbst voller Mängel und grammatischer Unrichtigkeiten ist, so muß auch natürlich hi, dadurch erlernte hebräische Sprache von gleichem Schlag« sein. Der Schüler bekömmt auf diese Art eben so wenig Renntniß von der'Sprache, als von dem Inhalte der Bibel. Außerdem haben noch die Talmudiften allerhand seltsame Einfälle der Bibel angehestet. Der unwissende Lehrer glaubt getrost, daß die Bibel in der Thal keinen andern Sinn baben könnte, als diese Erklärer ihr beilegen, und sein Schüler muß eS ihm nachglauben, wodurch der richtig^ Worrverstand nothwenbig verloren gehen muß. Wenn es z. B. im ersten- Buche Most» heißt: Jakob schickte Boten, um seinen Bruder Esau u. s. w., so gefiel es den Talmudiften vorzugeben, daß diese Bolen Engel gewesen. Dean obgleich daS Wort Melachim im Hebraischeu sowohl Boten als Engel bedeutet, wählt« diese Wunderhäscher doch lieber die zweite Bedeutung, da die erste nicht» Wunderbarein sich enthält. Der Schüler glaubt also steif und fest, daß Melachim Nichts ander» als Engel bedeute, Und die natürliche Bedeutung van Boten geht für ihn ganz verloren. Nur durch eignes Studium und Lesung einiger Grammatiken'sowohl, als grammatisch-kritischer Kommentare über die lBibel, z. D. Rabbi David Rlmchi und Aden Efra (wovon aber, die wenigsten Rabbiner Gebrauch machen), kann man nach und nach zu richtiger Erkenntniß der hebräischen Sprache und einer gesunden Eregese gelangen. Da die Rinder in der Blüthe ihrer Jugend zu einer solchen Hölle von Schule verdammt stnd, so kann man