Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 16 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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62 ten Ziotmern war. die aber beständig leer standen, weil der Gut-Herr anderSwo residirte und diesen Ort sebr selten besuchte, ick mich. wenn ick nur konnte.'»am Hause wegzusteblen pflegte. uni.die Figuren von den Tapeten abzuzeichnen." Man fand mich einst mitten im Winter halb erfroren vor der Wand sieben. mit der einen Hand das Papier haltend (denn eS waren keine Meubeln in diesem .Saale) 'und mir rer. andern Hand die Figuren von der Wand abznchisend. Dock urtbeile ick jetzt von mir selbst, ick wäre zwar, wenn ick dazu angebalken worden wäre, ein großer, aber kein genauer Maler geworden, d: b. ick würde mit Leichtigkeit die Hauprzüge eine- Gemäldeentwerfen. batte aber zur genauen Ausarbeitung keine Geduld. Mein Aaker hatte an seiner Sludierstube einen Sckrank mir Büchern stehen. Er verbot mir zwar alle andern Bucker, außkr dem Talmud.;u lesen. Aber eS dal» nickt-. Da mein realer die mebrste Zeit mit bäuslicken' Angelegenheiten beschäftigt war. so machte ick mir diese Zeit zu Nutze. Aus Neugierde mackle ick mick über den Sckrank l'^r. blätterte alle Bucker durck. und da ick schon ziemlich Hebräii'ck 'verstand, fand ick an einigen derselben mehr Behagen, als an dem. Talmud. Dies ging ganz natürlich zu. Man vergleiche die trocknen, einem Kinde meist rni-' . verständlichen Gegenstände deS TalmudS (das ungerechnet, wadie Jurisprudenz betrifft), die- Gesetze der Opfer, der Reinigung der verbotenen Speisen, der Feiertage, u. s. w., worin die seltsamste rabbinischen Grillen mit der feinsten Dlalekiik. und Vte abgeschmacktesten Untersuchungen mit der höchsten Anstrengung der Geisteskräfte in dielen Bänden durckgetührl'werden. Z. B. wie viel weiße Haare die rotbe Kub haben dürfe, und doch eine rorhe- Kub bleib:? wie die verschiedenen Arten Krätze beschaffen sein aiüsteu. um diese oder jene ReinigungSart zu bedürfen? ob man eint LauS oder Floh am Schabbath todtfchlagen darf? (wovon'das Erste erlaubt, bas Andre aber eine Lodfünve ist), ob daS Schlachten eines ViebeS am Halse oder , am Schwänze verrichtet werden soll? ob der Hohepriester daS Hemd, und nachher die Hofen. ober umgekehrt, angezogen,hat? wenn der Zabam (der Brüder deS kinderlos. Berstorbenen, der nach den Gesetzen seine bin» rerlaffene Wittwe beiratben muß) vom Tacke berunter ffele, und im Kothe stecken bliebe, ob er damit sich seiner Pflichten entlediget habe oder nicht?-Man vergleiche. sage ich. diese herrlichen Gerichte, die mau der Jugend aufrisckr und bis zum Ekel ausdringt, mir Geschichte, wo natürliche Begebenheiten auf. eine lehrreiche und angenehme An vorgrtragen werden, mit Kennkniß des WeltbaueS, wovurck die Aussichten in der Natur erweitert. und dagroße Ganze in ein wohlgeordnetes Svstem gebracht wirb 1«. bgl. — so wird man wahrhaftig meine Wahl hierin rechtfertigen. Die vorzüglichsten darunter waren: eine hebräische Chronik (unter dem Titel: Zemach ' David, von einem gescheidten Oberrabbiaer in Drag, Namens Rabbi David GanS, abgesaßt, der auch der Derfasser deS astronomischen Buchist, wovon in der Folge gesprochen wird, und der die Ehre hatte, mit. Tychv Brahe bekannt zu sein, und mit ihm auf dem Observatorium zu Kopenhagen astronomische Beobachtungen anzustellen); ein ZosephuS. der, wie man au» gewissen Gründen beweisen kann, untergeschoben ist; ein, Geschichte der Verfolgung der Juden in Spanien unb Portugal, und was mich am stärksten an stck zog, ein astronomisches Buch. Hier eröffneke st^viir eine neue Weit, ich machte mick also mit dem größte» Fleiß, darüber. Man denke sich ein Kind von ungefähr sieben Jabren. daS noch nie von den ersten Elementen der Mathematik etwas gesehen oder gebörl bat. dem ein astronomisches Buck in den Wurf kömmt und seine Aufmerksamkeit an sich zieht,, worüber ibm aber Niemand Anweisung geben kann (meinem Pater durste ick meine Begierde darnach nickt wissen lassen, und ohnedem war dieser selbst nickt im Stande, mir bierüber Auskunft zu geben); wie muß dieses feinen nack Wissen sckmackkenden Geist nicht entstammt haben! Dieses zeigt auck der Erfolg. Ta ick pock ein Kind war. und die Betten in meines BaterS Ha^t'e sebr rar waren, so war es mir erlaubt, mü meiner-alten Großmutter (deren Bett ut gekackter Iiudierstube stand) in einem Bette zu schlafen. Und da ick den Tag über bloS mir dem Studium deS TalmuvS mich abgeben mußte, und kein anderes Buck in die Hand nebmen dürfte, so bestimmte ick den Abend zu meinen astronomische» Betrachtungen. Nachdem also die Großmutter sich hatte zu Bette gelegt, steckte ick mir frisches Kienholz an. machte mich über den Sckrank her, und bolle mir ntein geliebreö astronomisches Buck hervor. -Die Großmutter schalt mich zwar deswegen, weil es der alten Frau zu kalt war, um allein im Bette zu.liegen^ich aber kebrte mich nicht daran, und setzte mein Eluvium >o lange fort, bis daS Kienholz auSgebrannr war. Nachdem ich dieseeinige Abende getrieben halte, kam ick endlich zu der, Vorstellung von dem HimmelSglobus und seinen zur Erklärung der astronomischen Erscheinungen erdichteten Zirkeln. Dieses war im Buche durck eine einzige Figur vorge« stellt, wobei der Verfasser dem Leser den guten Rarb gab. daß er zur besseren Verständlichkeit, indem die mannichsalkigen Zirkel in einer Fläck^igur nicht anders als durck gerade Limen vorgestellt werken könnten, sich »entweder einen ordentlichen GlobuS, oder eine Spbära armillariS verfertigen solle. Ick faßte also den Vorsatz, eine solche Spbära armillariS auS geflochtenen Ruiben zu Verfertiger; nachdem ick diese Arbeit zu Ende gebracht batte, war ich im Stande, das ganze Buch zu fassen. Da ick mich aber in-Acht nehmen mußte, daß mein Vater von dieser meiner Beschäftigung nichts erfahre, so versteckte ich immer meine Sphära armillaris, ebe ick zu Bette ging, in einen Winkel hinter dem Schrank. Meine Großmutter, die verschiedene Mal bemerkt hatte, daß ich ganz im Lesen vertieft sei, und dann und wann auf aus Ruthen geflochtene, kreuzweise auf einander gelegte Kreise meinen Blick richtete, gerieth hierüber in den größten Schreck; ste glaubte nichr anders, als daß ihr Enkel närrisch geworden sei. Sie unterließ also nicht, meinen Vater hiervon zu benachrichtigen und demselben den VerwahrungSort deS magischen Instrumentanzuzeigen. Dieser rielh bald, was dieses bedeuten müßte. Er nahm also den GlobuS in die Hand und ließ mich zu sich ruien.