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Jüdisches Volksblatt · 1856-01-01 · 15 (1856) · p. Seite 59

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1855-1856)
Issue
15 (1856)
Date
1856-01-01
Page
Seite 59 (sequence 3)
Language
German
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59 die Reben mit Erde zudeckten, theils die Drockenbeerm traten, um Wein zu kellern. CM ist n; vi ti2i^. Die Lust ist rauh, der Himmel ist mit e nem lichten Blau bedeckt, die Bäume der Landstraße sii v mit Reif überzogen, Schneeflocken in regelmäßigen sech-se tigen Sternen legen sich auf Dein Gewand; die Geschäft-Hallen dn Hauptstraßen sind gesperrt, denn Du befindet Dich in einer Stadt, wo ein Drittel der Bevölkerung au- Israeliten besteht. Hier flehst Du einen Magyaren mir eineni niedrigen Hut unl» einem stolzen Pelzmantel bekleidet,! die Pfeife rauchend durch die Straßen reiten; dort sührt^ein Mann mit langem Haar eine» Schlitten, bespannt mit breilhörnigen Ochsen, eS ist-ein Slovake. Don eilen Männer mit schwarzen Bärten und blauen 'Augen, bald deutsch, bald ungarisch redend, je nachdem eö der Gegenstand der Unterhaltung verlangt, Deutsch-Magyaren, durch die Straßen, eS sind Israeliten, die daS Gebet! verrichten wollen. Hier flehst Du Männer meistenmit grauen Bärten,und höchst geistreichen Geflchtern, wir schwärmerischem Äußeren, in Tscherkeff.-nmützen, kurzen Hosen, langen weißen Strümpfen und Schuhen, in schwarze, weite Gewänder gehüllt, heute nur polnisch-deutsch redend; denn am Sabbathtage ist die Sprache de- Landeverpönt und in ihren Bethäusern würdest Du gegen den Gebrauch hakt verstoßen, wolltest Du darin hochdeutsch oder gar ungarisch reden. Diesen letzten Männern laß uns nachgehen, und Tu gelangst bald in ein enge- Stübchen, wvhineiw durch ein, auf die Straße führende- Fenster da- TageSli« nur spar-- lich dringt und worin einige Lampen von der Decke herobhängen, um zur Abendzeit ein flimmernd«- Licht zu werfen. Eist zwischen NN72 und 2TT°;. Da ist ein Jauchzen und Treiben, ein Rennen zur Tafel, algelte eheute einebesonder« Feste-, da flehst Du geistreiche Physiognomien, ehrbare Greise mit blauen Augen!unv gefalteten Wangen, Jünglinge sich in der Mitte deä Zimmerin llnordnung gruppiren, Linker mit gedrehten' langen Locken aus den blaffen Wangen liegend, in einem possierlichen Anzuge, in einer kleinen Zobelmütze, in langen breiten Gewändern, Miniaturbilder der Dätev, an den Rücken der Aeltern sich klammernd. Aueinem Nebengcmach erscheint langsan und bedächtigen Schritteein Greiim weißen G wände, er nimmt seinen Ehrenplatz ein. Er spricht nicht, schaut vor sich, ist in sich gekehrt, bald aber wirft er fiin geistreiches Auge auf die Versammlung, welche gelommen ist, dem Sabbath eil» Lebewohl zu sagen und giebt durch ein bolde- Lächeln seine Freude über die Anhanglihteü seiner Genoffen zu erkennen. Verschiedene Speisen und Getränke sind cufgetragen, C-rib fitönt evon aÜen Seiten, in der Mit e de- Tischestehen einige Schüsseln mir Fischen ungefüllt, schalt am gestrigen Tage bereitet, in kabbalistischer Verbindung stehend.mil der rrrn rrfs:, welche schon an Freitagabend durch diese- Gericht begrüßt wurde. . Äie vorzüg. lich zubereiteten Speisen stehin vor dem Greift, den wir von jetzt an mit seinem wehren Namen*) "$"! (Rebbi) •) Die Pbasstdi» nenn« ih e Geistlichen ..RebA". währead die ankeren Inden sie „Aabbi" »der ..Rav" ««neu. >. betitoliren wollen, da- Wenige, welcheer auf^seiner Schzüffel liegen läßt, VTO genannt, wird von den Anwesenden erhascht, um eals homöopathische Gabe zu vermehren. Der Rebbi giebt seinen «u-erwählten Jünglingen, ein Zeichen, welche bald ihren tiefergreifenden Gesangs ihre riin-sr beginnen. Alle stimmen ein. Du hörst mesaucholisch« Lieder, die Herz und Seele ansprechen, die längst ein Gemeingut aller Israeliten Oberungarngerpnrde« sind, ja hin und wieder von. den Schnittern in Sommer auf dem Feldegesungen werden. Die Sonne neigt sich, der Gesang verstummt» eine tiefe Stille herrscht in der Versammlung. Horch! der Rebbi sagt! * Anfangleise und dann immer lauter und .lauter werdend, Allrs ist Ohr, denn. Jeder will die Woyte des Meisterhören, der sich aber in Eregesen verliest und so seinen Zuhörern unverständlich wird. i Die finstere ist beendigt. Ein junger Mann beginnt abermals den liebllchen Gesang und die sReage stimmt ein. bispät in die Rächt hinein. Hin und wieder hörst Du auch von diesem oder jenem Wunder, welcheein Rebbi in-Galizirst githan, wie durch ein Amulek ein Kranker geheilt, und ein unfruchtbare- Weib durch da- Gebet de- Rebbi ihrem' Manne ein Söhnlein gebar. Auch an politischen Tagesneuigkeilen fehlt eS nich , der, Jüngere, der deutschet» Sprache kundig, giebt eine Rundschau der merkwürdigstes» Ereignisse der vergangenen Woche. Der Rebbi erhebt sich. ,- ist Zeit zu j beten, die Kinder eilen ihm nach, er segnet sie und begiebt fich in «in abgesonderte- Gemach, wo er allein sein Abendgebet verrichtet.! ' ist gemacht. Virij ry? ^2 ist gesungen , ein „tzüt Woch" erschallt durch die Menge. .'Eine frugale Mahlzeit beendigt die Feier de- Tages, man begleitet mit ihr die nw$, welche bizum nächsten Sabbalhe allen Genossen ein -Lebewohl zu fagek bereit ist. — . 1 Du hast eS wohl schon gemerkt, lieber Leser, Du befindest Dich mit mir unter ET©n (Ehaffidim), unter: lebenslustigen braven Israeliten, die leider 'manches ^Aberglaubliche in fich ausgenommen haben und dieserhal^ stark angegriffen werden und mit Recht, die aber keinesiweges verdienen, so verschmähet und verspottet zu werden^ wie es zu oft geschieht. Ihre Zahl ist ln-Ungarn klein und nimmt nach Galizwn^hin immer mehr zu. @ie j Ic^rn vom.Handel, find »eisten- Gastwirthe, verbeirath-a fich früh unter einander, baden sich häufig, besonderaus na?, bevor ste ihr Gebet verrichten, selbst in der strkjngsten Kälte im Flußwaffer, besuchen die Gräber ihrer Rebbi-, welche sie für heilig Hallen, oder wallfahrten auch! wohl zu den noch lebenden, um in Familienangelegenheiten fich Rathe» zu erholen. — Die Ehaffivim lieben Spfiel und Tanz. Jo ihren Abendunterhaltungen steht man nicht selten, besonders am Sabbathabend, Mann, Frau und Kinder mit eitzander bizum Anbruche des Tagetanzen, welche gesellige Erheiterung nHy genannt wird. Dieses heitere Wesen bemerkt man in all' ihren Handlungen, selbst beiul Gebete. Eigentbüsnkich ist die Seene um Freitagabends wenn rer Rebbi vvr die heilige Lade tritt und mit zil-

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