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Jüdisches Volksblatt · 1855-01-01 · 12 (1855) · p. Seite 47

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1855-1856)
Issue
12 (1855)
Date
1855-01-01
Page
Seite 47 (sequence 3)
Language
German
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47 Kl, wir hatten sogar ftanzösische Soldaten, di^ Juden waren, im Quartier, welche von unseren Glaubensgenossen in ihrem Daterlanbe erzählten, und wie dott Niemand früge: bist du Jude oder Christ? sondern allein: bist du Franzose? Und so nahm die Masse ein Streben auf, dabidahin nur hie hochgebildeten Geister gehegt. Mein Vater sprach öfter die feste Ueberzeugung aus, daß auch in Baiern, dos sich so eng an Frankreich angeschloffen, über kurz oder lang die Juden nicht langer d!er bürgerlichen Rechte beraubt sein würden, „Kinder," fugte er dann gewöhnlich hinzu, „Ihr werket glücklicher sei« als Cure Väter — nur vergesset in Eurem Glücke Euier Religion nicht, wahre« und übet sie treu und redlich,! dann wird' auch daS Glück Euch treu bleiben! . ..." Zn diesem Ginne lieh er mich, seinen dritten Sohn, zum Gvmhafium vorbereiten. und brachte mich Ostern 1813, als ich gerade zehn Jabre alt war, auf dasselbe. Freilich! erinnere ich mich noch sehr genau, mit, welchem bleicher Angesichte mein Pater einige Tage nach dem 10. Ju ir desselben Jahre- — daS Datum wurde mir später zr oft in die Erinnerung gebracht — nach Hause kam: eir hatte ein bedruckte- Blatt in Händen, ein Gesetzblatt, bherschienen war und ein Zudengesetz enthielt. Ich verstand dies damals nicht, aber ich sehe noch meinen Darer, .mit trübem Blick aus unS, den nur setr bekannt gewordenen 12. $. mitdem Finger bedeuten: ..Die Zahl der Juden-Familien an den Üprun, wo sie dermal bestehen, darf i» der Regel nicht vermehrt werden, sie soll vielmehr nach und nach vermindert werden, wenn sie zu groß ist."!! „Die anderen Juden deS Ortes waren voll Freude, denn daS Gesetz enthielt ^egen früher mgnche gute, sichernde Bestimmungen; aber mein Dater sah tiefer, und wie bald eS ungenügend fein würde, ja wie es zu tausend Magereren Seitens der Oktshehörden sübren kmbt, ach! er hatte so recht gesehen. Jttdeß richtete er fich bald mit dem Gedanken aus, es könne dies vielleicht nur e,n Uebergang sein, rem daS Bessere bald folgen werke. Auch ging gerak< ein gewaltig ' zelmalvtklitts Geschick über Europa hin. Die Schlacht bei Lechz g war geschlagen. Baiern trat zu den Verbündeten üb r. Bei Hanau wurde ein blutiger Lampt qefvchlen. D e deutschen Fürsten wandten fich an ibre Völker, durch jdr deutsche Brust webte es wie ein neuer Geist einer gr »ßen Zukunft — auch mein Pater stand nicht an, meine eivm älteren Bruder in die Reib.n deS baierfchrn Heere rinzustellen. Sir stritten tapfer mir — der älteste frtm mit dcm Grade eines Sergeantln, den er auf dem S blachtfelde gewonren, zurück; der andre rubt auf den Filtern bei Lignv! . . . Meine Familie balle treulich ihre Sck ul» dcm Varerlande gezahlt, baue dies keine gegen sie?! . j „Ich mußte Ihnen alles diiS clwaS weitldufig auSeinandersetzen. um das Folge»de zu verstehen.! Ich, wie ich oben gesagt, besuchte da- Gymnasium, und kümmerte mich wenig um irnt großen 3 Gegebenheiten, ausser so weit sie meine Familie berührten, genug. Ich war der erste. urt Zudenknab». der daS Gvmnafi, m besuchte. War koch »er Rector selbst erst durch höher« Befehl gezwungen worden, mich aufzunehmen. Nun ließ empfinden, die Lehrer behänd Aber Kümmernitz. hatte ich d damals noch der einzige man mich dies sehr bitter Iten mich kalt, streng, abstoßend, meine Mitschüler beschimpften mich in jeder Weise als Juden, und die Lehrer nahmen eine Klage so auf, daß ich fie nie wiederholt«. Anfanghatte ich mich ergrimmt. und als fie mir auf den Leib rückten, thellte ich solche Stöße auS (denn ich war sehr stark für mrtn-fcltrt), daß ihnen die Lust verging. . Zu Hause sagte ich nicht«. Aber mein Dater warf von Zeit zu Zeit einige Reden--" arten hin, die mich belehrten, daß er so. Etwas wohl voraussktze, und Ruhe und Gleichmuth für die beste Abwehr halte. Diese setzte ich daher den Knaben bald entgegen, und siehe, sie wurden es selbst überdrüssig. Ich ging meines Wege« allein, wenn sich Keiner von selbst mir zugesellte, ich war sebr fleißig, und schwang mich zu dem Er- | sten der Claffe hinauf. Damals geschah eS, daß ein Knabe,' der früher gerade zu meinen ärgsten Peinigern gehörte, fich vielfach an mich drängte, es war noch dazu der Sohn de« Oberamtmann«, also der höchsten obrigkeitlichen Person unser« Ortes. .Der Knabe war faul, obschon nicht ohne Anlage, und tückisch. Seine Absicht bei allerhand Lreb.sbezeugungen ward wir bald klar: er wollte mich benutzen, ich mußte ihm di, Arbeiten machen, oder doch ihn darin unterstützen, in der Elaffe ihm die Antwotte» vorsagen u. dgl. Ich sträubte mich Anfangdagegen, allein mein Darer meinte, der Nutzen, der mir, der überhaupt uns auö tyr Gunst des oberamtlichen Hauses erwachsen könne, wäre zu groß, und etwas weniger als zu streng müsse man schon sein. Es zeigt, sich, daß er di,«mal geirrt, und da« kindliche Gewissen richtiger gefühlt. Wilhelm brachte mir all' Augenblicke ein kleines Geschenk, bald von sich, bald von seinen Eltern, einige AepfÜ. ein Federmesser u. dgl. Rur mit Widerstreben nahm sich <» an, aber Wilhelm schalt so fürchterlich,' als ich es verweigerte, und der Herr Oberamtmann ließ sich herab, mir einmal selbst die Erlaübniß zur Annahme zu geben, daß ich auch darin nachgab. Aber bald geschah, wa« ich gefürchtet hatte: Wilhelm sah mein, Hülfe bald als Aerpfiichrung an, als eine Schuld meinerseits, alein Muß, unp. behandelte mich dabei ganz obenhin; denieoch war ich zu schwach, da« Joch abzuschütteln. daS mir aufgelegt worben." ..Eine« Tages komme ich etwas zu spät jn die-Schrtle; ich. bemerkte gleich, daß eine gewiss, Aufregung in der Elaste stattfand-,., di, Scholaren standen in Gruppen^ die. immer in Bewegung blieben, man sprach, flüsterte, eiiiige Lehrer, der Rector in »er Mitte, standen abseitens und besprachen sich eiftigst. Kaum wdr ich eingetreten, drängte sich Wilhelm an mich, und drückt« mir heimlich etwas in di, Hand mit den Worten: „Da. nimm!" ich warf einen Blick darauf, eS war em kostbares Federmesser mit Silber ' auSgelegi. Ich erkannte es als da» Eigenthum ein.s an«/.j dern Scholaren, welcher es als ein Erbstück befaß und in der Classe vorgezeigt baltr. Entrüstet gab ich ti so- fort zurück, und sagte: „Oas nehm' ich nicht!" Wildem ward glübend roib, und flüsterte: „Verdammter Jude, nimm -, oder Du und Deine. Sippschaft sollen ed ewig fühlen!" Ich ließ'mich nicht schrecken, sondern sprach,'. „Matz sein, aber Gestohlenenehm' ich nicht, und wenn Du'« nicht zurücknimmst, wers' ich es hin." Mein Schulkamerad ward kreideweiß und knirschte mit den Zähnen, und suchte da- Messer zu verbergen. Ich begab mich ruhig an meinen Platz. Sofort begann die Untersuchung,

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