Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 10 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die drei Rationen. -> (JiTtfrSuRj.) „Welche-Gefühle bestürmten mich, als ich im Begriff war. die Schwelle wieder zu überschreiten, über,:hir ich vor wenigen Monden so geistesmulhig geflogen. . . , Ach, ich war alt geworden in so kurzer Zeit... ich war todeSmatr. . . . Wo waren meine Begeisterung, meine Hoffnungen, meine Planes meine Aussichten? wo meine Sie» geStrunkenbeit, meine großen Lbaten? Ach, wo war mein Brurer? . . . flu den ich gebüsgl in der Verblendung meine- Rausche-, er moderte, der Blübenve, fern, vom Feinde verächtlich in die Grube geworfen, nicht einmal seine Ruhestätte konnte ich den fragenden Eltern bezeichnen. . . . Zch jebnle mich an den Pfosten. Ich konnte nicht hinein. Gesegnet sei die Schwäche, die sich über die Seele vr- Unglücklichen legt, sonst hätte ich mir den Kopf an der Pfoste entzweigestoßen. . . . Ach, und ewar so still im Hause, Kein Laut rönre beraüS. Ein Lichtstrahl flimmerte durch die Spalten der Fensterläden, aber so.viel ich boräne, ich vernabm Nicht-. ..." „Da ergriff emich endlich, ich faßte herzhaft. mich selbst überwindend, die Klinke, drückte sie aus. nar in die Flur, wandte mich recht-, klopfte an die Stubenrvüre, Niemand rief herein. Da hielt ich mich nicht länger, ich riß die Tbüre auf. und stand darinnen. ..." ..Kaum siel,, das Licht auf mich — mein Pater saß am Bette, worauf meine Mutter lag, meine kleinen Geschwister saßen zusammengeduckt in einem Winkel de- Zimmer- — da stand mein Pater auf, und war mir entgegen — wie war sein Antlitz verändert, gefurcht, wie ver» steinr .fern Haar ergraut. ungepflegt hing rum sein Haupt — und sprach: „Du kommst zur rechten Zeit. . . . Du kannst Deine todte Muirer noch sehen. . . . Du, Armer! Du hast eine todte Mutter begraben helfen in Warschau. und kannst nun wieder eine tobte Mutter begraben helfen hier! . . Blieb ich stehen? sank ich nieder? waweiß ich. Almein Bewußtsein wieverkehrre. lag ich auf den Knieen am Lager meiner Mutter : ich hatte ihre eisige Todkenband ergriffen und hielt sie an meine Lippen gepreßt. . . . Ach, überrascht war ich'nicht; wie hätte ich von einem so großen Schlachtfeste zurückkehrend, eine srvbllche Wiederkehr erwarten können? ..." „Nach unsrer Entkernung war meine Mutter kränker und kränker geworden. Sie lag den ganzen Tag. ruhig und fast theiln'ahmlos, in sich gekehrt. Nur wenn mein Pater Leimkam, und eine Siegesnachrichr mit nach Hause brachte, unv ne mit glücklichem Munde. mit vergrößernden und au-schmückenren Farben erzählte; oder wenn einer, der wenigen Briete von uns, die zu ihrem Zielegelangt ten, angekommerr unv gure Botschaft kündeten; dano trat ein Lächeln auf ihren bleichen Mund; aber, auch dieses blieb schmerzlich; sie schien eine traurige Gewißheit isi ihrem Herzen zu tragen. Eines Tages, so erzählte.mir mein Pater, war sie von früh an unruhig geworden; diese Unruhe steigerte sich mit den Stund,»: eS war keine äußere Veranlassung dazu vorhanden; sie warf sich von 'einer Seite zur andern, sie,erhob sich, und sank nach Minuten wieder zurück, sie murmelte von Zeit zu Zeit einige.unverständliche Worte, sie stöhnte und seufzte; die Meinigen blieben um ihr Lager versammeft. Plötzlich in der Mittagsstunde fuhr sie empor, und mit einem Schrei der Verzweiflung rief sie in schneidender Klarheit: „Jetzt ist eS geschehen, jetzt ist er gefallen, mein Konstantin, mein Konstantin, er lebt nicht mehr.! . . Unv sie rang die Hände krampfhaft, und sank nieder, und siel von Ohnmacht zu Ohnmacht. . . . Mein Pater hielt eS für krankhafte- Gebilde ihrer gereiz. ten Einbildung, er suchte eS ihr auSzureden . .. aber feinen Worten setzte sie nur Kopfschütteln und Thränen entgegen. Aber er merkte sich doch Tag und Stunde. Nach einigen Tagen lief Nachricht ein: ewar der Tag de- Sturmeauf Wola, ewar die Todesstunde meine- Bruders gewesen. . . . Ihr Geist hatte sich losgerungen von ihrem zerbrochenen Leibe, auihrer Umgebung; ihr Mutterherz war ihrem Lieblinge gefolgt, und hatte Gefahr und Sterben mit ihm getheiit . . . man bat Solcheschon öfter erlebt. . . . Don der Stunde an schwand sie sichtlich; sie lag die ganze Zeit im Sterben — einige Stunden vor meinem Eintreffen war sie verschieden." „Nach zwei Tagen fand ihr Begräbniß statt. Ich durste ihm nicht beiwohnen, ich mußte mich verborgen ballen. Ob Niemand meine Ankunft erfahren, ob eine milde Behörde sie nicht wissen wollte', ich erlitt in meiner Derborgenhrir keine Anfechtung. Als wir-wieder zu unS gekommen, überlegten wir meine Zukunft. Nack Berlin konnte ich nicht zurückkebren. Was sollte ich auch da? Stuvtren? Meine Kraft war auf lange gebrochen. Waich betrieben, war nicht mehr, Neues konnte ich nicht ergreifen. In Preußen konnte ich nicht bleiben. Wir blieben dabei sieben — ich muß nach Pari-. Mein Pater veräußerte, waer vermochte, und mit kärglichsten Mitteln machte ick mich auf die Reise. Ich batte entbehren gelernt Der Abschied war still. Wir hatten un- Nichtzu sagen. Ich wußte nicht, wem ich entgegenginge, wir sahen keine Wiederkehr vor un-.". 7. ..Die unermeßliche Weltstadt an der Seine lag vor mir. Ich betrat fie mit tiefem Bangen. . . . O. eist gräßlich, kein Ziel, keinen Wirkungskreis, kein Streben, kein Pollbringen, in so jungen Jahren schon, zu haben! Al- Jüngling schon den Inhalt seines Lebenverloren zu sehen, und nur noch die Tage für den Tag zu verbringen. innen so bohl, so ausgebrannt, es giebt keinen schrecklichern Zustand, keine peinigendere Stimmung . . . daß ich auch kein Mittel habe, daran dachte ick nicht, Venn eS .war wir an Nichtgelegen." _- ,,So durchwanderte ich die langen, glänzendm Straßen von Pari-, durchwanderte die Boulevards, die Plätze, beschaute gleichgültig die Paläste, die Monumente, die Wunder der civilistrten Welk. Glücklicherweise war ich an einen Bekannten adresstrt, der schon zwei Monate ftüher hierher geflohen. Dir^n suchte ich auf. und fand ihn in einer Vorstadt, freilich armselig eingerichtet, aber doch schon heimisch." „Mein Freund nahm mich mit einem brüderlichen Handschläge auf; er war ein entschiedener, energischer Charakter. Und wer weiß nicht, daß eia gemeinsames Unglück entweder gänzlich von einander trennt, oder völlig verbrüdert und mit einem Bonde umschlingt, da- Hem heiligen der Blutsverwandtschaft in Nichtnachgtebt. Er machte mich mit der allgemeinen Lage ver Polen und mit