Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 9 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
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15 zur Thür hinaus. . . *' N< über die Grenze und hatten nären Polenbetreten. . ch dreien Tagen waren wir die Marken derevvlutio- Welche Flamme der Begeisterung durchzuckte uns. als wir diesen Boden betraten. Wir sanken auf die Xnitt und küßten die grüne Erde; wir flüsterten ibv unfern hei- Vesten Wunsch zu: sie nimmer wieder zu verlassen, und entweder al- Sieger oder in lhrem Schooße daselbst auf immer zu weilen! Dann so und wiederholten uns in fu >ken wir unin die Arme, ligen Schwüren: »ns niemals zu verlassen und treu anzubbngen >>n Leben und Tode!" „Wir eilten nach Warlchau, und tratet; al-bald in die Artillerie ein; nach wenigen Wochen haue ich den Grao eine- Unteroffizier-, mein öruker unter mr den eines Bombardiererworben. Abe wir waren dennoch zu spar gekommen. Die herrlichen S ege, welche die (rftc Zeit lener denkwürdigen Revolution au-zeichneten naren geschlagen; rS war Ruhe eingetretei!, ab,kleine außei licke. Schon batten fich zahlreiche Partei, n unter den Pklen gebildet; schon hatte jede ausgezeichnete Persönlichkeil eine Sckaar Anhänger um fich versammelt, durch die fix vaS Ganze beherrschen und sich auf Kosten der Änderest voranstellen wollte; schon schlichen Derrätber unter un- Inn, die mit« len im Siege die Sache de- Vaterlandes!für verloren au-gaben. O. wie wurde mein glühende- Herz enttäuscht! Wie schnell entkleideten die Helden fich ibreS Glanzes! wie schnell erblickte ich in den Verfechtern, der Freiheit die zukünftigen DeSvolen. in den Streitern her Unabbängigkeit Menschen, die ihren eigenen Vorthell verfolgten!! Wo war da Sympathie für die Leiden de-! Volkes, wo ein Herz für die Befteiung der leibeigenen Sklaven, für die Selbstständigkeit des Bürger-.' Der Av^l und Nichtals der Adel wollte sich zur alten Höhe schwingen, um die alte Herrschaft zu erlangen, und damit waren die alte Zwietracht, die alte Spaltung, der alte Ego^-muwieder eingezogen." > „Allediegewahrte ich mit blutendem Herzen. Noch wollte die Hoffnung nicht weichen. Ich griff zur Feder. Auder Tiefe meiner Seele, mit allem Schwünge der Jugend, mit aller Hingebung schrieb ich mehrere Artikel für den „Warschauer Courier," worin ich diese Zustände schilderte, worin ich zur Eintracht, zur Gemeinsamkeit auf» forderte, worin ich die Freiheit für Jedermionn und den Patriotismuvon Allen verlangte — bald ljeß ich feurige Gesänge folgen, bald an me Jugend, bald an die Alten .gerichtet-sie machten Aufsehen, man sprach davon — ich glaubte noch an die Allmacht de- Worte- —■ nichr lange mehr --eine- Morgens litt; mich mein Oberst rufen, und sagte mir mit strengem' Gesicht und herben, Tone: man Halle in Erfahrung gebracht, daß lch der.Dert'affer jener Aufsätze und Gedichtesei; man freue fick, ein schöne- Talent in mir entdeckt zu baben; aber die Sache billige man nicht; eS seien aufregende. aufrüblrerische Dinge, die bei dem unzuverlässigen Srande der öffentlichen Angelegenheiten nur noch mehr Unruhe und Bewegung hervorriefen; die Jugend müsse schweigen.' bis fjnf feste Ordnung eistgetreten, die sie nicht zu leiten nicht zu begründen verstehe; vor Allem müsse der So^at schweigen, und die Gorge für da» Allgemeine seinen tzhefS überlas» jT sen; wohin solle es kommen, wenn die Armee aus Schreibern bestünde, dio es besser wissen wollten al» ihr, Oberen; esei mir daher hiermit von AmtSwegen-verbolen, in dm Zeitungen mich vernehmen zu lassen; thäte ich etrotz dem Verbote.'so würde ich dezradirr urw'bestraft, im Wiederholungsfälle fvngeschickt und aus Worfjhau entfernt. ..." f „Ich hone gelassen zu, und wandte mich betüubf ab. Ich war biin'- Innerste getroffen. Ich fühlte, e^S fei für die- Mal au-, da- Ende würde nun kommen übfr SÄcht; ich hätte Nicktmehr zu thnn. als dem Schimale zü überlassen, ob ick gi^ch körperlich verbluten folle^ wie ich es geistig schon »hat. Ich nahm, nur noch geringen Antheil an der Entwickelung dieser Tragödie. Ich hocht mit, wohin man mich zu fechten commandirte, mit dem Mache de» Verzweifelnden, dem sein Leben Nichtmeh^ gilt. . . Lassen Sie mich daher über dir Kriegsscenen, Bei denen ich zugegen war. hrnweggehen; rS hat tir« ja keine Bedeutung Nur da» Ende muß ich Ihnen mittheilen, denn. eS war entscheidend für meme Zukunft." j ..Wir Brüder waren glücklich au» allen Gefechten unversehrt zurückgekebrr. Der mhnerliche Segen, >die mütterlich, Lürbitle schien wie ein Schild über unschweben, und dem feindlichen Schwerie und der feindlichen Kugel, so sehr wir unihnen au-setzten, zu [ n>e$ttn.' Die Ruffest harren Warschau eingeschloffen, der Star« auf Wola begann. Wir befanden unbifi unfret Kanone auf den Wällen von Wola. Wir. bedienten ste eifbigst. Um uns fielen unsere Kameraden. SJBit blieben unverwunder. Wir arbeiteten unablässig. 'Da fuhr vielleicht die letzte Kugel de» ganzen Kriegeheran — und traf meinen Bruder, traf meinen Konstantin, und riß ibm die treue Brust enrzipei. ... Die Lunte einfiel meinen Händen, er sank'in meine Arme, „meine-Mutter!" hauchte er, und war^todt.. . „O, wo könnten Worte dm Schmerz beschreiben, der mich burchwüblte, den Schmerz der mich seiLem nicht verlassen, der mich noch heute erfüllt. ... Ich war betäubt. ich wan sinn- und bewußtlos — aber hldjt einmal seinen Leichnam sollte ich haben. . . . Ein Strom Flüchtiger stürzte fast in demselben Augenblick lauf mich her, ergriff mich, drängte, riß mich mit fort.!ich strebte mit aller Macht entgegen, ich wollte hindurch, turuck. . . ich konnte nicht; fort flulherr der Haufen, immer anwachsend. und ich in seiner Mitte, im. dichtesten Gedränge konnte nicht ander-, al» mit . . . binauSdränglte es .sich zum Thore, hinaunach einer noch offenen Seite, weil über da- Feld . . jetzt «heilte fich die Mtzffe in kleinere Haufen, aber ich konnte nimmer heraus . . . war ich audem Einen, ergriff mich rin Andrer, und rissi mich mir fort, biich mich, Stunden von der Siadt entfernt, in einem Walde wiederfand, zur Erde sank, und;vhne Bewußtsein liegen'blieb. . . . Wie. lange lag ich da? . . . Ich weiß es nicht. . .*. Die nächsten Wochen liegen noch heute wie mit einem dumpfen Geistc-schleier ibedeckt in meiner Seele. Ich ließ 'knebr mit mir geschehen, aldaß ick handelte. Ein Bauer batte mich gefunden und in seine Hütte gebracht, wo ich einige Tage verweilte. Zurück n^ch der Stadl konnte ich nicht; daß ich di- Leiche «eine-' Brudernicht mehr finden werde, wusste ich. -13« besten Falle lag fie längst mit Tausenden in einer Gtube. Ei^v-