Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 9 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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-- 34 mehrere Tage ausging, begegnete ich im „englischen Garten" Sr. Majestät dem König Luvwig. Rach seiner Gewohnheit herabjaffcnv und gütig, geruhte Se. Majestät mir zur Genesung Glück zu wünschen und fügte hinzu: ..Aber warum haben Sie denn meinen Arzt nicht haben wollen, haben Sie kein Vertrauen zu meinem Leibarzt? ' Ich verneigte mich ehrfurchtsvoll uttd erwiderte: „Rein, Gurr Majestät! Zu dem Leibgrzt Euer Majestät habe ick kein Vertrauen, renn er ist gewohnt, Unsterbliche zu - behandeln!*' - " Mein Vater, Gottlieb Saphir, war eine stattliche, imposante Gestalt, er war ein Mann voll des schärfsten Derstand'kS. im Besitze eines wunderbaren Scharfsinnes, so daß er — er bekleidete das.Amt eine» Oberlanbs-SieuerlEinnehmerS rer damaligen Kopfsteuer, ..Malkegeld" qebei-' yen — von einpn großen Umkreise der Bewohner der umliegenden Comitatein allen Dingen zu Rarhe gezogen wurde. Er besaß ungewöhnliche Kenntnisse, und war Liegen seiner hohen Redlichkeit -und Eharakterlamerkeit allgemein sehr.geachtet und geschätzt klebrigen» war er, bei Miller GeisteSfülle. oribodorer Jude: die sinsteren und martern-- den Auslegungen' der jüdischen Gesetze fanden an ibm einen steißigeren Deiolger alS die heiteren >unb genußerlaubenden. Lachen war bei ihm fast antireligiös. Wir Kinder bekamen selten die „Erlaubnis, zum Lachen." . Auf unfern Unterricht verwendete er viel ustd gern. natürlS^ im „Talmud" und „Bibelstudium." Seine höchste .Sorgfalt verwendete er darauf, unS „schön'fchreiben" le: , nen zu lasten!' - Da fand er nun an mir, seinem Benjamin, leider eine Quelle von Verdruß und Betrübniß! Die jüdischen Schrislbuchstaben sind viel malerischer, viel charaktervoller als' die deutschen. In der deutschen Schrift kann, man die Buchstaben eineganzen Wortes oerbinSen. fi; in'einem Zug hinschreiben; jede» Wort ist eine verbundene kleine Gemeinde. Zn der jüdischen Schrift n«ß jeder Buchstabe für sich allein hingestellt werden, jeder Buchstabe ist ein „BalbohS" (Hausbesitzer) für sich. Mein Vater hatte Lieblingsbuchstaben, z. B. da» K iftufrf), daö P (Pee), daS nd (nun-dallet) u.j". w. Tiefe drei Buchstaben waren meine ärgsten Feinde auf der Welt! Wenn ich ein „Pso' machte, schien eS mir Gesichter 'zu schneiden, mich anzugrinsen und anstatt daß etz. fertig gewunden. auSsehen sollte wie eine Boa-Eonstrictor, die stch zirkelmäßig zusammenrollt, sah eS auS wie ein verdorbener Krautstrudel, der in seiner EntwicklungSperiode doppelte Glieder bekam und fein Dasein zwischen Pantoffel, und Pudelmützen-Gestalt hinfristete! So oft mein Daker ein solche» naturwidrige» „Peo" sah, wie <» ait» dem schwarzen Rachen meiner Feder auf da» Papier hinrral, seufzte er lief über die Entartung meiner-Menschenwürde: ...Der ein solche» ,,Pe<' macht, wird sein Lebtag kein ordentlicher Mensch!" Also diese» „Pes" ist schuld, daß ich ein Schriftsteller wurde. Die drei Rationen. So befanden wir un» bald an der Thüre unsers väterlichen Hause«. Unser Vater nabm unS auf. alS hätte er uns längst erwartet, und alS ob wir nur kurze Zeit bei ibm verweilen würden. Er war Feuer und Klamme, und nur die Kränklichkeit meiner Mutter und die vier kleineren Geschwister, die Nabrung verlangten, hielten ibn ab. selbst ms Feld zu ziehn. Dafür sreguentine er, der früber Zurückgezogene, allabendlich einen geheimen polnischen Klubb. alS eine» der tbäligften Mitglieder. Hier wurden Maßregeln besprochen, um HilfSgelder. Freiwillige, deren (tauipirung. Waffen :c. zusammenzubringen und nach Warschau zu Waffen. Ta nicht wenig polnische Beamte allem diesem Treiben Vorschub leisteten, so ging eS fast ins Große vor sich. Der Vater stellte unS in diesem Klub vor. und alsbald wurde unsre. Ausrüstung übernommen. Nach wenigen Wochen war Alles bereir, und wir sollten da» Schloß eine» Grafen besuchen, um von da auf Schleichwegen in der Nackt über die Grenze zu eni kommen.»— So sahen wir uns renn Endlich am Ziele unserer Wünsche — aber ras Feuer rer Begeisterung, daS in unS ioverre, vaS namentlich meine Seele verzehrte. wurde von der zunehmenden Hinfälligkeit meiner Mutter und von ihrer Trauer, un» in die Wirren der Revolution ziehen zu lasten, gedämpft. Tief innerlich fab ick freilich auch dies als ein Opfer für da» Vaterland an, unv glaubte mich auch durch 'dieses um so berufener und geweihter. Aber die Wirklichkeit brach dennoch, immer wieder hindurch unv erfaßte mich mir großem Weh. Mag' immerhin der Mann, wenn er erst in die verwickelten Lagen de» LebenS langer hineingeschritten,' auch für die Leiden der Familie gestählter sein und sie rubiger tragender Jüngling im Rausche seiner erditzien Einbildung süblr jedes störende Nebel desto stärker, und namentlich bei seinem ersten Auszüge in die Welt empfindet er e» tief, wenn er stch sagen muß: Du wirst eS nicht also wiedersinren. wenn Tu zurückkebrst. . . . Ach, ich war zerknirscht bei dem Gedanken, meine Lorbeeren nicht zu dcn Füßen meiner Mutter niederlegen zu können. . . . Der Abschied war schwer. Jnsonder» meinen Bruder wollte sie gar nicht aus den Armen lasten, immer umbalste, benetzte sie ihn wieder mir ihren Thränen. Auch den, auch den. Tvrann. willst Du mir nehmen, rief fie in ihrem krankbatten Unmuth, meinen zweiten, meinen zarten, süßen Georg mir dem Lammherzen! WaS soll er im Schlachtgewühl, er wird keine Mordwaffe heben können." Zch trat vor sie bin. ich kniere nieder, ich sprach: „Mutter. Murter beruhige Dich' Wie Juda bei seinem Vater für Benjamin, also verbürge ich mich bei Dir für ihn — laß ihn ziehen, entweder siehst Du un» beike oder Keinen wieder. ..." „Thörichter' Jüngling," rief ne auS, „kannst Du der Kugel verbieten, die Brust meine» Kindes zu durchbohren, dem Schwerte, meine» Sohnes Herz zu durchstoßen . .. Bürge für Dich selbst, wenn Du kannst. . . Da» waren die letzten Worte meiner Mutter, die ich vernahm . . sie sank ohnmächtig auf ihr Lager zurück. . . . Dn Vater winkte un» von dannen, Worte de» Segens murmelnd . . . er nahm die Ohnmächtige in seine Arme — wir wankten