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Jüdisches Volksblatt · 1855-01-01 · 9 (1855) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1855-1856)
Issue
9 (1855)
Date
1855-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Bolksvlatt. Zur Belehrung usid rinlerhaNung auf jüdischem Hebiste. Rabbiner vr. Herausgegeben von Ludwig PhUippson in Magdeburg. ■-«* a -■ *on M»fer flritfÄtifl erfikfiar »**»■«(» fin« »unia«r. vrrl« S«br. 4 |yiO. 9. 1999.1 Mni« 1 CWf. SifrUmkn« 1% ***■ «k *a*UuMuaVu. V-»»-'« I S 1. E»kM<i. iw* w* ivjww.j uo» Seilvn,««x,»b,l'»ne» o«l.«e» v««tll»n,e» »». 1 c M. G. Saphir auseinem Zugendleben.*)! Tie Mischung von Güte. Geniüth, Wohlthlätigkeit-finn und Gastlichkeit mit Herbheit, Eigensinn, Trejtz und zorniger Unbändigkeit, die i» meiner Individualität Wand an Wand athmen und abwechselnd über meine Stunden und Tage, über Schritte und Worte herrscheti, habe ich wohl von meinem Ellernpaare. Meine Mutier Eharlotte, mit dem Familiennamen Brüll au- Preßburg, war das lebendige Princip der Liebes der Milde, der Woblkhäiigkeit. der Gastfreundschaft und Duldung überhaupt. Ich erinnere mich ihrer, die ich in meiner frühesten Zugend verlöt, wie man sich einer Traum», gestalt, eine- Traumengelerinnert. Sie war schwach und, kränklich, blaß und leidend. Sie trank den Wermut-, der ihr in den Leben-becher gegossen wurde, sie ah da- Salz,< daihr in die Leben-schale geschüttet wurde, mit wahrhaft > christlicher Demuth, Geduld und frommer Ergebung. Da- Andenken an alle klebe, an alle Liebkosung, an alle Zärtlichkeiten, an alle Tröstungen, mit welchen fie die dornen- und schmerzvollen Stunden meiner Kindheit über» deckle, durchmilderte und linderte, geht durch mein Leben! mit mir wie ein unstchibarer Webmuih-geniitS, der mit rückwärts gewandtem Gesichte lächelt und weint. Ein Beweis, wie dieses Andenken in der jiefsttn Tiefe meine- Seins eingefestigk ist, mag folgender Moment aus meinem später» Leben zeigen. Alick nämlich 9 bis 10 Jahre alt wär, war ein große- „Ta1mud-Eram>n" bei dem bürgerlich befugten ..Rabbi Lebifch." Donor der angewandten Ochsenziemer und Magister rer ununterbrochenen Prügel.' ' Meine Wenigkeit bekam von ihm am Anfang jeder Woche, ohne alle RechtSgründe. ohne Verhör Und llrtheil, eine Tracht Prügel anltcipando, und auf die Klagen meiner Mutter sagte er: ..Ich schlag' ihn deshalb, weil ich weiß, daß er die ganze Woche nichtlerne», und am Freilag doch Alles besser wissen wirdi wie all» Anderen!" Diese schmeichelhafte Vorprüglung aber währft die ganze Woche lang! Sowie die jüdische Kochkunst nur auS zipei Dogmen besteht: „Mandeln und Zibehen." so besteht der jüdische Talmud-Unterricht nur in zwji Dogmen, in „Schelten und Schlagen!" An einem solchen Freitag, der einem Sonfttag folgte, ') Blaue Blätter für HumoS ff. Lief. 3. an dem mein Rücken einen besonder» braunen und! blaue» Montag feierte, ging ich auS dem großen General-Tsalumd? Eramen hervor 'wie ein junge» ruhmvolle- Spanferkel, braun und glänzend! Der Rüf meine- Siegemtt 48 oder 50 andere Talmudlinge war mir vorau-geeM, und! alich nach Hause kam, liebkoste mich meine Mvtte^, band mir ein neues blaue- £dl0tu$jum den Hals, tröstete mich, legte die Hand aus meinen Kopf und sagte i „Zch bin versichert, Gott wird dich hundert Jahre leben baffen!" Dieser Augenblick der mütterlichen Zärtlichkeit und Segnung blieb mi», sonderbarer Weise genug, vor All,« im GedÄhtniß. Im Jahre 1831 lag ich in München am Nerv mfieber todtkrank darnieder. Zch'war ganz entmuthigt r nd fast apathisch. Se. Majestät der König Ludwig schickte mir in seiner hochherzigen Theilnahme seinen Leibarzt vr >nvi den ich aber in. mekner Stumpfheit nicht »nhören wollte. Ungefähr in der' zwanzigstel» Nacht meiner Kiankheit lag ich im Zustand völlfr Betäubung und Seeilenlicht- /*" lostgkeit, das Zimmer war von einer Rachtlmnpe matt erhellt, und' Freund Zernnann war an meinem Bette ein» geschlummerk. . | Da hörte ich die Zimmerthüre leise ausgehen, mein, __ Mutter trat herein, so wie fie an jenem Freitag vor mir stand, ein lichtblaue- Kleid, in, einer bunten» alle- Haar verbergenden Haiibe mit zwei breiten Seitenstügfln. in , der Hand hatte sie einblaue- Hal-tuch wie dazumal; st« beugte sich über mich, band' mir dablaue Tuch Um- Veit HalS wie dazumal, tröstete mich, legte die Hand segnend auf mein Haupt und sagte wie dazumal: „Ich bin versichert. Gerl wirdTdich hundert Jahre leben lassen?" und verschwand. Diese „Piston" oder ..Fieberphantasie" mochte eja« wundersame Wirkung.auf mich. Es schien mir kein Wun^ der. ich dachte nicht darüber nach, ja mir fehlte sogar die klare Erkrnntniß, daß meine Mutter tvdt ist; allein von diesem Augenblicke an kehrte eine unerklärliche Beruhigung, eine solche fromme Zuversicht in mein ganz,- Wesen etnL ti wurde klar und licht in mir. bi« Dumpfheit! Zustandewar wie eine Decke weggrhoben. Bost dieser Minute an war ich eia Anderer, und selbst müia stirUi fand am Morgen darauf. . daß eineganze wohnbuie««!. Rervenümstimmun-g bei mir statlfand, und von da aü g,J naich. Bei dieser Gelegenheit sei eine an diese Krankheitg,schichte geknüpfte Anekdote erzählt. Nachdem Sch schon

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