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Jüdisches Volksblatt · 1855-01-01 · 8 (1855) · p. Seite 30

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1855-1856)
Issue
8 (1855)
Date
1855-01-01
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
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30 1>ri mir auSzuharren, biS zum letzt«« Alhemzuge. Wenn mein Baker zu unS sprach: „ES kann nicht anverS fein; die Vorsehung» will sie irgend einen Schein von Gerechtigkeit retten für sich in ver Weltgeschichte, muß einen Messias für Polen erwecken, der mit wunderbarem Wort und wunderbarer Thal alle schlummernden Kräfte weckt und sammelt, und alle Feinde Polen-vernichtet! Wo und wann er ersteht, ist ungewiß. Darum aber kann er über: all und zu aller Zeit erstehen. Ja. jeder Pole.muß glauben. er sei.der berufene Held, er ver berufene Wiederhersteller — dann ist er es auch, und dann wird er eS von selbst! Jbr müsset eS glauben! Ja, Ihr seid eS!..." Wenn mein Barer "also zu unS sprach, danzi sprang ich aui und hielteinen Dolch in die Höbe, den ich mir selbst geschliffen, und den ich nie von mir ließ, und sprach: „Ich schwöre, daß ich es bln! .. mein Bruder aher fiel mir in die Arme und sprach: „Ick will Dein Schild und Dein Knecht sein." ''' „So trieb unS ein ftüb entflammter Ehrgeiz auch in den Lrukien an. Ich wollte es Allen voran zhun. und mein Bruder wollte nicht hinter mir Zurückbleiben. Noch baue lch daS fiebzebnle Jahr nicht, vollendet, als ich schon reif zur llnisersität war. Aber ick blieb nock ein Jahr zurück, um mit meinem Bruder zugleich dahin abzugehen. — Wir begannen unsre akademische Laufbahn in Berlin. „Was willst du studirrn?" srug ich mich. Und mein Bruder frug mich dasselbe, renn er erwartete nur meine 'Lnkworr. „Polen.N antwortete ich, „und NichlS als Polen!'^ Die Geschichte Polens, die alten Gesetze unk Verfassungen Polens, die polnische Literatur, diese waren es. welche allein nrein Interesse fesselten. Wir'ließen uns als Philologen inscribiren, wir nahmen einige philologische und philosophische Eollegia an; aber unsre Tage und Nächte gehörten Polen an. Alle Topographien Polens, kurz Alle-, waS dieftL unglückliche Land berraf. machten den Inhalt unsrer angestrengten Tbätigkeit aus. Dabei übten wir uns. >'o viel wir vermochten, in den Waffen, stellten gymnastische Hebungen an. um unS körperliche Gewandtheit zu verschaffen. Dann aber.wollt' ich wierer der TvrräuS meines Volkewerden; zahllose polnische Kampsunk Klagelieder entströnNen meiner Feder. Nur hierin kam nur mein Bruder nicht gleich, dessen weiche' Seele höchstenin einer Elegie die' zerrissenen Sailen deS Genuuds ertönen ließ. — Aber ich ermüde Sie mit meiner langen Schilderung knabenhafter Träume, unterbrach stch der Pole selbst. . ^Nein. nein!" erwiderte der Krämer. „Ich verstehe zwar nickt Alles^, waS Sie da sagen, aber ich vermag Ihnen dock zu folgen, und mein LebenSgang wird Ihnen zeigen, daß mir ähnliche Empfindungen «ichr ganz fremd ' blieben. Ich kann mir schon jetzt vorstellen, daß Ihre Pläne nichr ohne Versuche, und Ihre Versuche nickt ohne Schiffbruch blieben, und wo ngeht sich die Seele in dem Gedanken dessen dann lieber, als in jenen Zuständen der jugendlichen Seele, welche die Quellen aller unserer Ereignisse waren? Wir flüchten uns dahin, um in ihnen die Rechtfertigung und Entschuldigung zu finden für titele Unternehmungen, die gescheitert find, weil sie scheitern mußten, weil sie auS überspanntem Geist geboren waren. . . Ich habe dergleichen auch erfahren, und verstehe wohl. . Der Pole blickte etwa« erstaunt auf den einfachen Krämer, der so scharf in die Seele schaute, und fuhr fort: „So vergingen unS zwei Jahre auf der Universträt. ES waren mühselige Jahre, denn wir hatten mit äußerem Mangel zu kämpfen, und erdrückten die Entbehrung mit unabläsfigem Arbeiten. Wir «legten wenig Umgang; denn den Deutschen gegenüber mußten wir unsere Ansich, ten, unsere Stimmung und unsere Studien verbergen; und in den jungen Polen fanden wir. wenn daS Feuer der Seele durch die dünne Rinde ver Zurückhaltung brach, zwar Anklang, aber keine Ausdauer, kein volles Ergriffensein, und andererseits waren sie so voll von ihrer eigenen persönlichen Größe unv Berufung, baß fie unS, die Heruntergekommenen. die Söhne eine- Messerschmiedes, nicht gelten lassen wollten und wie verächtlich auf die Ergüsse unserer Begeisterung herabsahn. Wenigstens schien eS uns so; und so entfernten wir uns auck von ihnen. Unauf- . gesucht suchten wir Niemanden. Desto mehr nagte der unbefriedigte Ehrgeiz an meiner Seele. Mein Vaterland sollte groß werden, unv ich in demselben; aber ich sah kerne Mittel und kein« Gelegenheit vor mir. Ost fragte ich mich: Wie wird es zu "beginnen sein? Und ich baue keine Antwort dafür. Dann schwelgte meine Stele wieder in der Zuvetfichl, daß, wenn der rechte Moment gekommen sein, und ein Mann feuriger Rede das Zünvwork in die Massen werfen würde, Alse sich erheben müßten wie Einer,-' und auch die kleinlichen, zaghaften Geister vom Strome rahingerissen würden. Ich schlug die Geschichtsbücher aller Nationen auf, und fand in ihnen raufend Erweise dieses meines Glaubens: nur der rechte Mann thut Noch im rechten' Augenblicke! . „Solches trug ich allein. Ich fühlte meine Seele vom Wogen dieser schwankenden Empfindungen zu sehr zerrissen, vom Brüten über solche Entwürfe zu sehr gedrückt, als baß ich meinen Bruder nicht davor zu wahren hätte sucken sollen. — Unv endlich schien ein solcher Moment gekommen;u sein. In Paris batten drei Tage eines Monats, vre drei Julitage 1830, die ganze Weltlage um« gewandelt. In dem Augenblicke; wo ich die Nachrichten aus Paris las, fuhr ick empor: Jetzt, oder nie, muß ver Augenblick gekommen sein, auch für Polen! Wochen, Molare vergingen, ich brachte stetst,berhaft zu. ich schlief, ich aß kaum.' Endlich kam die Meldung, daß auch in Polen das Volk erstanden sei. Nachricht auf Nachricht langte an. Scklag auf Schlag. Schritt auf Schritt geschah. Von diesem Augenblick war meine Ruhe gänzlich hin. Der Boden brannte' unter meinen Füßen. Mein Bruder sprach zuerst das Wort „Flucht" aus. Ich warf mich in seine Arme. „Wir müssen hin! wir müssen hin! Siegen ober fallen!" DaS waren die einzigen Wokte, die ich herausbrachte. . . . Aber wie? woher die Mittel nehmen? Wie o die Erlaubniß erlangen? Wir konnten auf NichlS rechnen. Skill sinnend, schweigend, brütend gingen wir umher. Jede SiegeSnachrichl entzückte unS einen Augenblick, im andern sanken wir um so verzweifelnder nieder. „Wir sind nicht dabei! wir weilen fern in Feigheit und Trägheit, während unser Volk den Riesenkampf kämpft. Man nennt unfern Namen nicht unter den Streitern, man wird ihn einst brandmarken! So sprachen wir. Länger hielten wir es nicht aus. Wir verkauften all unsre Habseligkeiten, unsre Mäntel, mitten im Winker, unsre Bücher, mitten im Studium. So erlangten wir eine mäßige Summe. Wir be«

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