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Jüdisches Volksblatt · 1855-01-01 · 8 (1855) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1855-1856)
Issue
8 (1855)
Date
1855-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt. Zur Belehrung.ustb Unterhaltung auf jüdischem Gebiete. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon in Magdeburg. l w-tmr* 4 r\w m Bo« di,stk griKä>„!li erickxiit »tt,«tli<d »in> Bu««er. Brett kk» Iabr- >a gl < 4 .! , — lRo. 8. 185a.] j 1 l s.F«hr,. LfltatttiL] 4 Die drei Nationen (ionff^una.) Endlich raffte der Pole '(i* auf und redete den Krämer an: „Sind Sie mit de» Vorgängen in!Europa, seitdem Sie eS verlassen, bekannt geblieben?" „Allerdings." erwiderte Jener. „3n Nordamerika liest man nur Zeitungen, und AlleS liest Zeitungen. 3n einem Lflnde, wo 3<; der an Allem betheiligt und interesstrt ist, frägt ein 3eder nach dem, waS vorgeht. Und da die Frage vorhanden, fehlt es nicht, an Blättern, um sie zu befrievigen.> Wohin der Nordamerikaner geht, da folgt ihm auch , eine Zeitung nach, und es sollte mich durchaus nicht wundiern. falls einmal ein Krieg entstünde, wenn sofort im Lager eine Zeitung aufkäme und all« Depeschen, LofungStvorte. Tages: befehle. Bulletinu. dgl. m. gleich in der Lagerzeitung erschienen. Auch daß man in diesem Lande Allesagen kann, waS man auf dem Herzen har, l^ägt dazu bei. Denn man weiß, man findet in ihnen Alles, waS im Lande irgend gedacht und gefühlt wird, wogegen man in Europa von den meisten Blättern weiß," j sie sogen nur einen Tbeil, und just nicht immer den interessantesten. Daher kann ich Zhnen sagen, daß ich erst, seitdem ich in dieseul Lande bin/ weiß, waS in Europa geschieht. Als ich noch dort war, wußte ich eS nicht, kümmerte ich mich nicht darum, ich batte keinen Theil und keinen Antheil daran. Seitdem ich nordamerikanischer Borger bin, bin ich Weltbürger, die Welt gehört mir, ich gehöre der Welt. Darum frage ich nach ihr und nach Allem. ..." Der Pole lächelte mitten in seinem Kummer. un!v sprach: „Ja, sie find ein Rorvamerikaner geworden, ich höre eö. Wollte Go», ich wäre eS auch. Ein Pole kann'- nicht werden. Der Ehippewaier haue Recht: der Flütijtlinq hat kein Glück.... Wenn Ste also die Geschichte Europa'S in den letzten anderthalb Dec'ennien kennen, so werden Jbnen auch meine Schicksale verständlich sein," sprach der Pole und begann seine Erzählung, für die er aher nur einen Zuhörer hatte: denn der in seinen Schmerz versunkene Ehippewaier lieh ihm keine Aufmerksamkeit, und hätte wohl auch wenig davon begriffen. ] „3ch bin in der Stadt Posen, der Hauptstadt der preußischen Provinz Posen, gebürtig. Mein! Vater stammle auS einem alten adligen polnischen Geschlechte, daS in hen FreiheitSkämpfm Ko-ziu-ko'S seine letzten Defitzthümer verloren. Um seine zahlreiche Familie zu ernähren, erlernte mein Vater in schon vorgerücktem Alter hie Kunstl de- Messerschmiede-, und erhielt unS dadurch auf kümmerliche Weif,. Der Mangel, der öfterin unsre Hütte einkchrte, zehrte um so mebr an dem stolzen Herzen meine- DntrrS, der noch bessere Tage gesehen, sammelte in seinem! Ge» müthe einen pneydlichen Zündstoff von Ingrimm, dsn er in unsere jungen.Seelen verpflanzte. Oft hoer, da- Messer vom Steine, ehe enoch scharf war» und stieß rt mit Macht in da-eichene Gerüste, au-rufend: „„Wären doch Polen- Unterdrücker allesammt eine Person! . „So wuchsen wir auf, ewar eine fteudenlose Kindheit, eine freudenlose Zugend. Mein Vater hielt seinen Stand für eine Erniedrigung, und hatte allen Umgang abgebrochen. Düsternheir war der lägliche Gast an unser« Tische. Trauer begleitete unauf unser Lager. Wir lernten die j Welt nur durch den schwarzen Flor de- Haffebetrachten , von Kindesbeinen an. — 3ch und mein jüngerer Bruder I zeigten frühzeitigeinig, GeisteSgaben. Mein Vater brachte j unS auf daS polnische Gymnasium, und die-polnifchen , Geistlichen gaben gern dgS Röthige dazu her. Die. traurige Leidenschaftlichkeit unserväterlichen HapseS hatte frühzeitig. unfern Geist jeweckt; der Vater, der nie den'Durst nach Rach«, nie die Hoffnung' auf da- Wiedererstehen Po- * lenS aufgab, stachelte in den Knabrnfeelen-schön den Ehrgeiz auf, mächtig anzustrebea, um einst geschickt zu werden^ in den Kämpfen unser- Volkeeine Rslle zu spielen. Oft legre er unS die geretteten, sorgsam bewahrtet» Urkunden unserer Fckvulie vor, nannte unS ^die Ortschaften, , die einst im Besitze unsre- Geschlechtes waren, und.be- ' schrieb ste unS mit den lockendsten Farben; dann schilderte er unS die Tbaten unserer Ahnen, fordert« unS aus, deren eingedenk zu fein »jtö 4n den veränderter^ Zeiten auf anderen Wegen AehnlicheS zu vollfübren, ünd verhieß unS mit Flammenworten seinen väterlichen Segen, wenn wir j der Aufgabe «reu blieben, zu per er uyd daß Geschick . unsergemordeten Volkeun«— Sehr, ver- [• schieden war die Wirkung, die diese, so jvft wiederholten 'Stellen auf ug- Brüder übten. Ach, mein Bruder hatte ] die ganze Weichheit und Sanstmuth, die Hingebung.meiner Mutter zum Erbtheil. Er litt sehr hinter der gewaltigen Wucht, welche mein Vater auf diese Weise auf unsre i jugendlichen Geister wälzte. Aber seine' Hiebe, seine Hinv gebung konnte keinen Widerstand leisten; und da er den j Heroismus erkannte, mir welchem ich den Aufreizungen > de- Vaterentgegenkam, den kühnen Ehrgeiz, der sich in I mir an seinen Worten entzündete, da rschmiegte er sich an i mich und verhieß, mir überall hin zu folgen und überall

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