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Jüdisches Volksblatt · 1855-01-01 · 5 (1855) · p. Seite 19

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1855-1856)
Issue
5 (1855)
Date
1855-01-01
Page
Seite 19 (sequence 3)
Language
German
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(Sin harter Winter war etngelretm. )n de« Keinen Dachstübchen, wo die betdta Mädchen jetzt wohmen, war S kalt, und die Lampe schien düster. W> hl flackerte i« Ofen ein Feuer, aber dawar augenscheinlich zu schwach unterhalten, um den von Außen einbrtngen )en Frost, der durch die schlecht verwahrt! a Fenster und dauern drang, fiegreich zu bekämpfen. Sie beiden Mädcl en saßen dicht an dem Ofen und näheren emsig. „Minn i," begann die ältere Schwester, ..jetzt Hörh Du auf! es ft lägt acht Uhr. Du mußt noch eine Stunde auf Deine S hularbeit verwenden, und dann legst Du Dich in Dein varme- Bett." „So," lautete die Antwort, „und Du meinst, ich weiß nicht, daß diese Hemden morgen früh abg 'liefert werden muffen, wenn wir dem Wlrthe den schulvtzen MielhzinS bezahlen wollen, der uns diese letzte Frist gestattet hat? und da willst Du wohl bispät nach Miternacht in der EiseSnacht arbeiten, während ich faullenze? Du hast Dich verrechnet, ich bleibe auf und helfe Dir, danrit Du früher fertig wirst . . ." „Ich bitte Dich, Minna, gehorche, Du weißt, ich bi» besorgt um Deine Gesundheit, ach, und wenn unser Datei, (über ihn der Friede!) sähe, loie Du Deine klaren Augen und Deine Frosthände ans rengst — er würde mir schöne Dorwürfe machen . . . {ttlu! ich leide eS nicht, und Du gehorchst ..." — ,Atnb wenn ich nicht gehorche, waS willst Du thun, böft Schwester?" — „Ich reiße Dir die Arbeit weg." — „Ich aber halte die Nadel vor. daß Du Dich stichst." — ,M. Du böse Minna, dakönntest Du, Deine Schwester verwunden?" — „Nein, nein, Du hast Recht, dakönnte ich nicht, aber so verwunde mich auch nicht in meinem Herzen, geliebte Bella, und laß mir da- Glück, Dir zu helfen! . . r Die Schwe. ster schwieg, eine halbe Stunde verging. „Hast Du heute neue Arbeit bekommen, Bella?" frug endlich die Kleine. „Nein. Minna! eist Allefehl geschlagen! . . ." „Warst Du nicht bei Madame B, deren Tochter, Deine Schullameradin, sich verlobt hat? —" „Allerdings; ich käme zu spät, hieß e-, Le wollten gefertigte Maaren kaufen. sie hätten da- Andke schon vergeben 4ach! ich sah wohl die bereitzerschnittene Leinwand in iHaufen liegen, und alich fortging, schritt eine christliche Nähterin, die Schützlingin der Frau Oberbürgermeisterin, hinein. . . ." — „Nun ja, wie ander-, halte doch uaser^ fel. Vater bei ihrem Manne, als ihm der Arm abgenommen wurde, vier Wochen Tag und Nacht gewacht — aber > daist längst vergessen ..." — „Still, kleine Böse, vielleicht machr'Sdie Nähterin wirklich besteh als ich ..." — „Ja, aber, wovon sollen wir leben? i . — „Laß daS gut sein, weißt Du nicht, wastetunser Vater ftgte: „ich war jung und bin alt geworvqn, und sah nie de- Gerechten Kinder nach Brot suchen. . . Noch hatte daedle Mädchen nicht ausgesprochen, aleS die steil« Treppe hinaufpolterte. welche Su ihrer Wohnung führte. „WaS mag.fca« sein?" rief erschrocken die kleine Minna. Jetzt war eS auf der obersten Stufe an» gekommen, und nun tappte ein dem lnstern Raume draußen herum. Bella s«ug den Schirm der Lampe zurück, sprang auf. indem ne rief: „ich will leuchten." — „Um Gotte-willen nicht," schrie da- Lind schließe lieber ad. ich fürchte mich zum Tode —" „Holl, h! rief evor der Thüre. „Du bist eins Thörin!" sprach Bella muthlg, öffnete die Thüre, und leuchtete hinaus. Hereintrat ein stattlicher Mann ut der Mitte der Dreißig. ' Er begann mit einer Entschuldigung, und frug, ob er die Töchter de» sel. Reb Ehajim vor fich sehe? Auf die bejahende Antwort bat er nochmaldie Störung in so später Stunde zu entschuldigen, er bitte um die Erlaubniß, fich einen Augenblick niederlaffm zu dürfen. „Wamich hierher führt, wird Ihnen zugleich erklären, warum ich e-wagte, noch so spät bei Ihnen einzudringen. Ich komm« von dem Herrn dem Vorsteher der Ehr» broch, der mich in einer für mich unendlich wichtigen Angelegenheit aa Sie gewiesen. Ist e- Ihnen vielleicht bekannt und erinnerlich, daß vor ungefähr vier Jahren hier im Krankenhaufe ein alter Mann verstarb, der den Namen Reb Hirsche! führte?" — Bella sann einen Augenblick nach, dann erwieverte sie: „Jawohl, er war blind —" „Ganz recht." seufzte der Fremde, „wir mir Herr R. sagte, so habe Ihr seliger Herr Vater Etwavon jenem Greise in Verwahrung erhalten —" „Gewiß, mein Herr, und mein Vater hat emir aus die Seele gebunden, ich soll enur dem Sohne jene- Manneübergeben —" „Ja, mein Fräulein, der Sohn bin ich, zeigen Sie emir, geben Sie emir, ach, ich sterbe vor Pein und Ungeduld —" Bella ging eilendzu einem kleinen Schrank, öffnete ihn und eine innere Schublade, und holte dakleine schwarze Gebethuch hervor, dasorgsam eingewickelt war. Sie letzte ein die Hand de- Fremden, der rt schnell an sich riß, eöffnete, die erste Seite, ein beschriebene- Blatt Schreibpapier, ansah, dann au-ttef: „Daist e-, daist eS. ff mnn Vater, «ein Vater!" davergilbte Buch immerwiederholt an seinen Mund drückte und viele, viele Thränen vergoß.Die Mädchen ehrten den gerechten Schmerz de- Sohne-; und schwiegen. Nach einiger Zeit faßte sich der Fremde. „Verzeihen Sie, liebe Mädchen," hob er an, „daß ich Ihnen so unverhüllt meine» Schmerz zeige. Vierzehn Jahre habe ich rastlos gearbeitet, gerungen und endlich gesiegt, um meinem greisen Vater einen schönen Leben-ab^nd zu schaffen — endlich ist e» mir gelungen, ich eile nach Europa zurück, ich verfolge die Spur de- Greisevon Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, denn wir hatten verabredet, daß er auf seiner Wanderung von Zeit zu Zeit seinen Namen bei den jüdischen Gemeinden verzeichnen lasse, daß ich ihn einst zu finden vermöge.— und nun fhnre ich nichtaldiese» kostbare Büchlein, audem er so ost seine weihevvlle Andacht verrichtete, und morgen — sein schneebedeckte» -Grab! Thränen de- Mitgefühlentrollten den Augen her Mädchen, ach! fie gedachten ihreeignen unersetzlichen Verluste-, ibreeignen Alleinstehen-. „Ich weist, liebe Mädchen," hob der Fremde noch einmal an, „ich weiß, welche unbezahlbare Wohlthaten Ihr seliger Vater an dem meinigen geübt. Herr N. mußte mir Alle-, Alleerzählen, waS er von meine« Vater nur wußte, ich eilte in dp» KrankenhapS. ich stand an dem Pette, wo mein Vater seinen letzten" Seufzer au-geathmer. und der. Oberwärter de» Saaleberichtete mir Alleauf- Genaueste, wa-feinGedächtniß bewahrte — ach! der Ebelmuth Ihre- Pater» wa^ zu auffällig, als daß er sticht Jedem fich eingeprägt hätte, und wenn mich Etwa» za trösten vermag, so ist e-, daß mein Bater i» deu Armen de- Ihrigen enschlummert ist . . . gestatten Sie mir. daß ich morge«, daß ich noch

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