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Jüdisches Volksblatt · 1855-01-01 · 5 (1855) · p. Seite 18

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1855-1856)
Issue
5 (1855)
Date
1855-01-01
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
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18 Goldschnitt. Die bat ^»ein Großvater und Dal« (über sie der Friede!> schon gebraucht, und ich -vierzig Jahre, er ist sehr zerlesen; darin stehen auch die Namen mei. ner ganzen Familie . . . und nun wisset» was ich Euch nie mitgetheilt, ich habe noch einen Sohn, der ist vor zwanzig Zähren nach Amerika gegangen, und einmal habe ich von ihm gehört, vor zehn Jahren, und er kann immer noch irben>ja, ich glaube, er lebt . . . wenn eihm nun gor geht, dann kommt er gewiß wieder zurück, mich auf» zusuchen, denn wir haben unS nur gekrennt aubitterster Armurb ... ich lege daher in Eure Hand^ daS Gebetbuch. unv nehme Tuch da» Versprechen ab, eS aufzubewahren und nur in seine Hände zu übergeben, denn dann weiß er, daß sein Vater es war. der hier gestorben, und er 'wird mein Srab aufsuchen und «S beweinen und mir Radvisch 'nachsagen . . wollt Zbr das? „Don Herzen gern. Reb Hirsche!!'' antwortete sein Freund'. „Hab' ich doch gedacht Wunder was Ihr wollt ... das soll beilig erfüllt werden. ..." Der Greis kraspelte im Stroh, dann fand er ein kleines schwarz gebundenealte- Büchlein, händigte eS feinem Wärter ein, welcher eS sorgfältig in feine Rocktasche steckte. — Ich will Euch die Sterbestunde nicht weiter -schildern; der Greis schien erleichtert nach der gemachten Mittheilung: und enkschlummene ohne großen Rampf. Reb Ehajim besorgte einen Wächter bei 'der Leiche: nach der gesetzlichen Zeit wurde fio bestattet unter Beobachtung aller Förmlichkeiten, die in. Israel Brauch find — eS war dem Todten sein Recht geschehen, wie eS gewöhnkch beißt. Unferm Reb Chajim mochte es wohl etwgS schwer fallen, seine täglichen Gänge nach dem Rcankenhause, di, durch zwei Jahre wiederholt worden, einzustellen; sonst aber hatte er schon zu Diele gepstegt, zu Diele sterben sehen, zu Biele begraben, als daß er zu lange bei dergleichen fich aufgrhalten, als daß der Sckmerz, hie Trauer ihn wesentlich gestört hatte. War er doch so gerade beschäftigt, Gelder für die Holzspenve an die Armen zu sammeln, trat doch bald darauf eine schwere schwere Epidemie rin. welche -seme Rrafte und Aufopferungen Tag für Tag, Nacht für Nckcht in Anspruch nahm, und — vergessen wir nicht, daß er dabei mir einem kleinen Lottogeschäft für zwei Töchter zu sorgen hatte. Treten wir lieber-in seine Wohnung eia; fie bestand bescheiden in einer geräumigen Stube-und einer Rammer. Zn der letzter» schlafen seine beiden TölbtsrT^Bella, die bereits zwanzig Jahre zählte, uttd die liebliche, kleine Minna von acht 'fahren. Ach, die Mutter war vor 'drei- Zähren heimgegangen, aber Bella ersetzte dem Vater unv dem blühenden Rinde die sorgsame Pflegerin. Zn dem Zimmer in der -Ecke stand des Vaters Betr, von bunten Vorhängen umgeben, da-, neben ein kleines Brett mit hebräischen Büchern, meist Gebetbüchern, ringsum die einfachen, "alten Möbel, der lederne Lehnstuhl deS Vaters am Ofen — aber Alles in der musterhaftesten Ordnung und Reinlichkeit. Man sah. es ließ fich hier, wenn nicht drückende Nahrunzssorgen sich einstellten, ganz gut .leben, und ein Sabbath und Festtag mußte gar sonnig und lieb hier sein. Freilich! machte -es dem Reb Ehajim nicht wenig Mühe, sich und feine beiden Rinder zu ernähren. Er spendete Reich und Arm, Vornehm und Gering seine hingebende Mühewaltung — 'i! und er nahm nie Etwadafür an, nicht ein« Taffe Raffee, nicht eine Pfeife Tabak ließ er fich reichen — schon um keinen Armen zu beschämen, oder nicht Etwazu erhalten, was den Speisegesetzen nicht ganz angemessen wäre — keine Belohnung unv (eine Geschenke, nicht einmal eine Flasche Wein zu den Festen. Da nun aber Niemand anstand, seine Dienst« in Anspruch zu nehmen, weil seine Nähe jedem Kranken wohlthuend, jedem Trauernden erleichternd war: so suchten die Bemittelten höchstendadurch ihm in Etwazu gute zu kommen, daß ste ein LotterielooS bei ihm spielten, waS er natürlich nicht verweigern konnte. Er war aber so streng darin, daß, wenn er Almosen sammelte, unv das kam allerdings häufig, er nie seine Loose mitnahm, ja drei Tage darauf selbst in den drängendsten Geschäften nicht in dasselbe Haus ging. Dafür trabre er lieber in die fernen Dorstavre. wo gar keine Juden wohnten, um Loose nbzusetzen. So lebte Reb Chajim, und sein Tag war zwischen Gebet, Wohlibat und Geschäft getheilt. kärglich und in Frieden, bescheiden, denn er kannte seine Perdienste selbst nicht. Einige Jahre später zog er fich eine heftige Erkältung ^u; trotzdem verließ er in der Nacht sein Bett/ um einer Bitte, zu einem Rranken zu kommen, zu folgen; draußen war heftiger Regenguß — nach zwei Tagen lag unser Freund auf dem Strohe. Meine theuren Rinder! Ich habe in meinem Leben viele Leichen bestallen helfen, denn ich versäum^ diese Pflicht selten — ich habe großen Prunk gesehen, auch viele unglückliche Falle erlebt, wo innige Bande zerrisst» und große- Glück zerstört wurde durch den Tod — aber ein solche- Begräbnis» habe ich nicht wieder gesehen, so viele Jahre' auch darüber vergangen find. Da waren zahllose Arme, die ihren Beschützer verloren, viele Leidende, die ihren Helfer beweinten, Thränen dankbarer Erinnerung stoffen audem Auge selbst der Reichsten, dem war der Bater in deS Verstorbenen Armen erblichen, dem da- Rind unter dessen Huk entschlummert — aber er war todt >und kam nicht wieder. Hinterlaffen hatte er — was man so zu bezeichnen pflegt — mchlS. Bella mußte fich bald ermannen, wickelte ängstlich da- Geschäftchen des DaterS ab, daS sich in musterhafter Ordnung fand,-fo daß nicht der geringste Makel an dem Gedächtniß veS DaterS haftet«, dann aber mußte fie an ihren und deS Schwesterchens Unterhält denken. Sie war eine blühende, kräftige Jungfrau, zwar nicht glänzend schön, aber doch anmuthig, frisch, und voll unendlicher Güte in dem klaren braunen Auge. Man kam ihr mir mancherlei Anerbietungen entgegen; diese und jene Familie bot ihr an, das Rind, eine andere ste selbst aufzunehmen. Aber ste wollte stch von ihrer Schwester nicht trennen, gegen die ste die theuerste Pflicht übernommen, und ihre Unabhängigkeit bewahren. Sie nähere und stickte lieber für Lohn, und richtete fich auf- Spärlichste ein. Sie arbeitete gut unv schnell, und lange hielt man es für eine Pflicht in der Gemeinde, ihr Arbeit zu geben. Nach und nach erlosch der Gedanke an den Bater, eS kamen Rrankheitea und thrure Zeiten auch in die Hütte Bella'-, und obgleich die kleine Minna, jetzt zwölf Jahre, schon bei der Arbeit half, klopfte die Noch doch bisweilen an die Pforte, und ewurde ärmlicher und ärmlicher um ste. . . .

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