Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 5 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksvlatt. Zur Belehrung und Unterhaltung ai^s jüdischem Gebiete. HeraKs§e-ede» »o, Rabbiner vr. Ludvist Philippsou in MagdLurg. Mo. S. 1855.1 v»» dieser AritsSnst rr>chrt»t »öcknUltch »ine '5JrrM tri Iitzrgtn|l 1 Tdlr. S|ritrlj<Urig TA N«r. Ui VnLdan»Iunß»u. Voßii«tn un» 3jrilira|Kn*iMtuBci »ed«e» erRiB«ii«ta a». [3. Ji|rg. l,<fo«riiL] Rach dem BersöhmmgStajst. Boa Ludwig Schragge. «Schluß-, > ' 4. - Die Bildung, die sich immer mehr unter den Mm« scheu, namentlich auch unter unseren GlaubenPenaffen verbreitet, liebe Binder —' sprach der Baller jin einem folgenden Abenv — hat da- Eigentümlich^, daß sie die Menschen untereinander mehr entfremdet. Die sie durch mehr Sitte mehr Schranken zwischen den Menschen aufrichtet, wie sie den Ausbruch roherer Leidylschasten vermindert: so läßt sie auch den Menschen weniger an den Menschen herankommen, und kühlt «ud^ edlere Leidenschaften ab. Es ist daher nicht zu verwundern, daß Erscheinungen und Gestalten jetzt immer seltner werden, wie sie" früher fast überall gefunden wurden, und weli»e die Uebung barmherziger Werke zum Inhalt ihrer Originalität gemacht. Wir Aelteren haben sie noch vor unseren Augen umherwandeln sehen, diese personifieirte Aufopferung und Hingebung, diese Tugend vhne Eigennutz, wenn nicht auf da- Verdienst bei Gott rechnend . . . vergebens sehen wir unnach den Erben ihrer Aufgabe, na^ den jünge» ren Wägern der Lewilstb cbesseck um — sie sind verschwunden. ... Ich. führe Euch in einen großen Saal destädtischen Kylnkenhauses zu N. ein. Eist spät Abend. Matt leuchten die Lampen von brr Decke herab, ^ie in etwazu weiter Entfernung von einander aufgehäpgt find. Die eigenthümliche Atmosphäre sine- KrankenfaakeS drückt auf die. Brüste Schweigen herrscht, die Wäxter fitzen theils auf Stühlen und schlummert^ theils wandeln sie auf Sohlen einher, um nicht dageringste Geräusch zu verursachen. Aber hie und da dringen schwächere oder gezognere Seufzer aus den Betten; ein Kranker wÄzt sich in fieberhafter Gluth auf seinem ^ager umher, daß eS kracht, und macht feiner bedrückte» Brust durch einen scharfen Weheruf Luft — dann schmeckt wohl sein Nachbar aus leisem Schlummer auf, erhebt fich im Bett und blickt verstbrt um fich, bis ihm das^Vewußtsein gekommen — wo er sei? dann fällt er zurück) seine Hände fqlten fich . Dort in die Ecke tretet mit mir. Ein Lech etwaferner vom Nachbarn, und sich, selbst mit einer spanischen Wand halb umzogen, steht da. Darin liegt, nein! ein Mensch ist es kaum zu nennen, wie ein Gchippe, so. zusammengeschrumpft, so bleich und erloschen; die Hände - l tappen nach etwas, und k-nnen es nicht ergreifen — es tst ein blinder, alter Greis, und er lieg» tm Sterben. . . Aber ein Mann fitzt neben Lager, ein Maun in mittleren'Jahren, in nicht zu ^^tcher Kleidung, die auch bezeugt, daß er keiner der ang^stellten Krankenwärter ist. Er steht nicht allbald den Gretnach etwas greife«, als ihn mit sanfter Stimme fräst: „was sticht. Ihr? Reb Hirschel? was wollt Ihr?" . . „Nichts, nichts,". sagte der Greis schwach, „nichts als Eure Hanh . . ." „Und wa-wollt Ihr mit der? soll ich Euch aufrichtin, halten? . „Rein, nein!" lautete die Antwort, „ich will sie nÄ^ haben, und Ihr sollt mir aus was Ki» kaf (Handschlag) geben . „Wenn ich.es mit Rechten kann, sehr gern, hier habt Ihr sie. Und er ergriff des Kranken Hand. ,Mun sprecht!" _ Der Kranke seufzte tief auf und sprach, wenn auch von Zeit zu Zeit inn« haltend und Kräfte sammelnd, Folgendes: „Lieber Reb Ehajim. ich liege heute hier, wiö unser Aeltervater Jakob, und strecke die Füße aus im Bette, und sterbe, im, fremden Land; aber kein Sohn Zoßef drückt mir die Augen zu und legt mich nieder neben meine Väter. Nun. die Augen brauchen, mir so nicht zugedrückt zu werden, sie find längst zugefallen. Ja, ich werde diese Nacht nicht auserleben, denn an der Uhr hör' ich, daß es Nacht ist; aber zuvor möcht' ich Euch etwas mittheilen. Es sind jetzt zwei Jahre, daß ich hier ankam als ein kranker Bettler, der bald darauf völlig erblindete; diese zwei Jahre habe ich nur durch Eure Güte gelebt, und wenn auch die Gemeinde die Kosten bezahlt hat, so ist es-doch Eure Pflege, Eure Sorgfalt, die mich so lange erhalten, die mich nicht in Elenv'hat umkommen lassen; und worauf rechnetet Ihr? Auf Dank? Wer soll Euch danken? Auf Lohn? Wer soll Euch lohnen — außer droben Der, welcher all' unsre Thatrn aufzeichnri . .. still, Reb Ehajim, ich muß e- Euch heute,sagen. Dreimal seid Ihr täglich zu mir gekommen, und auf Eure Schritte lauert' ich wie aus einen Erlöser, urt nach Eurem Kommen zählt' ich meine Tage und Nächte . . ob Sabbath und Fest.^Jhr kämet, ob Sommer oder Winter, Regen oder Schnee, Ihr kämet, und, brachtet jedesmal eine Erquickung und einen Gruß von draußen, und höbet und legtet mich, und scheu» ttt Euch vor keinem Dienst . . . doch wie sollt' ich dabeschreiben, was Ihr gethan an einem alten, blinden Bettler . . . Und nun sterbe ich. aber ich bitte Euch noch um etwas. Ich habe nichts, und was ich hatte, gehörte doch dem Krankenhause — nur hier sin Bettsack habe ich eine kleine Thestllah (Gebttbuch), in schwarzem Leder mit