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Jüdisches Volksblatt · 1855-01-01 · 3 (1855) · p. Seite 11

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1855-1856)
Issue
3 (1855)
Date
1855-01-01
Page
Seite 11 (sequence 3)
Language
German
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11 - Da ergriff Verzweiflung de« Jüngling« Brust, er schleuderte seine ganze Vergangenheit hinter stch, er beschloß nach fernem WelttheU zu gehen, damals noch eia seltener und kühner Entschluß, ging nach Hamburg und verdingte sich für die freie Ueberfahrt als. Diener auf ein Schiff. So kam er nach Amerika. nach ^kew-Pork. Ich will Euch seine nächste Earriöre nickt lüher beschreiben. Er versuchte Alle«. Bald war er Haustrer. bald hielt er einen Austernkeller; bald fuschte er in ein Handwerk. Aber er Hane kein Glück. Alle« mißlang in seinen Han». Len. Dabei gerieth er in eine wüste Lehen-weise hineiist die natürlich seinem Fortkommen mebr noch in den Weg trat. L>a« religiöse Bewußtsein erlosch gänzslch in feiner Brust, da« fittliche wurde immer schwächer. Al« er einst wieder einmal gar nicht« war, und spanische Werber in den Spelunken von Neiv-Orlean«. wo er gerade sich befand. verlorene Subjekte zu einem Kaazpfe gegen merikanische Rebellen sammeln, nahm er da« Kaufgeld, und trat, 26 Iahte alt. in die Reihen der zerlumpten merika« nisch.spanischen Armee. i So finden wir ihn »enn nach einiger Zeit in Parras. sehen ihn bei den Allarmblafen auf dem Markte erscheinen, und mit sein« Kameraden in die dunkle Regennacht hinauSrücken. B^i der Stille, inj welcher sie stch fortbewegten. bei der Mfthsal, die sie erlitten, bei der Finsterniß, die sie umgab, wandten stch feite« Geiste« Blicke rückwärts, und schauten durch die Jahre. deren Erlebniffe ich in Kurzem soeben g schildert. Vieles davon war damals in ihm abzeschwäht, Andere« branine noch lebhaft in seiner Seele; aber zvei Punkte verbanden stch in ihm wie zusammengehbrend: die Kindheit ich Hause der Mutter und sein gegenwL« ger Zustand. Saut stöhnten seine Lippen in diesem Gedanken auf, al« ler gerade in eine liefe morastige Stelle Lu, au« der stch zu befreien all feine Geistesgegenwart Jin Anspruch nahm. Nach einigen Stunden deS beschwerlichsten Marsches gelangte die Schaar auf höhern, trocknen Coden, und der Oberst befahl, hiev die Stunden der Nacht orübergehen zu lassen. Die Sonne ging auf, und mit ihr war die Scene ^wie umgewandelt. Der Himmel waev fp:« zelblank, der Regen war gänzlich vorüber, eine laue Lut verbreitete Wärme und Wohlgefühldie schöne Zahr:«zeit hatte begonnen, man rückte weiter im Lande vor. — TS ist nicht^ meine Sache, die Krieg-Züge, an welche!; David Theil «ahm. zu erzählen, eS fanden einige Heim Dorpostengefechfe statt, David war immer rüstig voran. Nach zwei Monaten war aber die Scene eine ganz anve e. Die heiße Jahreszeit w-r diesmal mit allen Schrlcken hereingebrochen. Ein eherner blauer Himmel sandte nur die furchtbarsten Glurhea herab, die selbst in der Nackt stch nur wenig abkühlten, kein Gewitter, kein RegeN. kein Thau minderte die Dürre; alle Pflanzen waren verdorrt, ein unendlicher Staub erhob stch bei der geringsten Bewegung^ alle Bache waren ausgetrocknet, man mußte Tage lang marschiren, bevor man an irgend eine Lache kam, die noch einige Spuren von Feuchtigkeit enthielt. In dieser Zeit war e«. wo die Rebellen immer größfre Fortschritte pachten. sie rückten von Monlerey.auS, am die Spanien von Parra« abzuschneiden. Der General Laviere rückte ihnen' entgegen, ein blutige« Treffen fand statt, woritt die Spanier nach langer Wehr geschlagen, zerstreut und verfolgtwurden. ’H Jk k David hatte eine leichte Wunde erhalten; war unter de» Zersprengten, and al« er hinter einen-Hügel stch geflüchtet hatte, befand er stch bald ganz allein. Er warf stch vor Erschöpfung und Durst eine Zeitlang auf den Boden, dann erhob' er stch und eilte nach Westen zn, weil er wußte, daß die Feinde von Osten gekommen, und ihn schonungslos niedermetzeln würben, sobald ste seiner habhaft würden. Der Abend senkte 'stch, und noch war er in einer unabsehbaren unfruchtbaren Ebene, die nur ftellenweiS mit Eactu« bedeckt war. allein. Ohne Trank, ohne Munvvorrath ließ er stch nach Sonnenuntergang nieder. schlief einige Stunden vor gänzlicher Erschöpfung unruhig, aber al« er erwachte, kam ihm feine Hülflosizkeit um so mehr zum Bewußtsein. Nirgend« eine Spur von Bewohnern, nirgend« eine Spur von Wasser und Nahrung. Er machte sich auf und ging mühselig weiter, bald schleppte er stch fort, bald jagte ihn eine höllische Angst, bi« er halbtodt niedersank.' Wie er glaubte, ging er nach Westen, und setzte voraus, daß er auf den Bolson di Mapini stoßen müßte, der von dem nie verstegenden Tlahualila, der in dm gleichnamigen See mündet»' durchschnitten wird. Dort mußte er Hülfe findm. Aber ohne Compaß und Pfad, wer wußte, ob er deji rechten W/^ verfolge r^ 'ob er nicht im Kreise umherirre? o^ er da-^Ziel zu erreichen vermögen werde? <S« war um Mik^g. als er fühlte, vsjß feine letzten Kräfte schwänden; die .Sonne schien senkrecht und ohne Schatten; da« Bewußtsein wich, e« wirbelte ihm im Gehirn wie wogende See; er sank nieder. Aber er erwacht« wieder, um seine ganze rr-stlvse Lage zu fühlen. Die Zunge klebte ihm amt Gaumen, sein Innere« schien ihm ein geheizter Ofen, fo brannten seine Eingeweide, er fühlte den Tod nahe; droben schwebten Geier, Aa-vögel, die ihn schon für eine Leiche halten konnten; au- »er Ferne glaubte er da« Geheul de« schwarzen Panther« zu hören. Da überkam ihn eine unendliche Mattigkeit, eine.Verzweiflung,! die ihm allen Willen lähmte. Er hielt stch dem Tove geweiht, unv erwartete regungslos irgend Etwa«, wa« ihm dettselben bringe . . . Siehe, da trat, wie öfter ist den letzten Monden, ein längst verblichene« Bild vor ftine Seele: e« war die sterbende Mutter, dort in dem posester Städtchen im niedrigen Kämmerchen, wor dreizehn Jahren .... er sah sie. er hörte ste, sie hob die warnende Hand, ste sprach: „wenn Du in Roth und Gefahr, wenhe Dich zuerst zum All?rheiligsten, gelobt fei er . . ." er athmete schwer: „wag soll ich?" rief e« in seiner verzweifelnden Seele . . . ..betenbeten!" sprach dringmdej: die Mutter . . . ..ist Beten Wasser? ist Beten Droth ist Beten Menschen, die mich retten? . . Aber die Mutter ließ nicht ab. winkte ihm, drohte ihm: „mehr al« Wasser und Brot, stärker al- Menschen ist Beten ... bete!" Und stehe, da-ward e« ihm so leicht um'« Herz, er faltete, wie er so in einer Bodenfurche da lag, die Hände, wandte die Augen zum Himmel, und sprach: „Schema, Jisraei, Ldonai eloheyu, Adonai Echod . . . qni alwenn ein Damnt gebrochen, stoffen nun die Lippen schneller über, und längst vergrßne Worte, Gebete seiner Jugend, durcheinander. strömten aufeinem Munde, und mischten stch mit deutschen, englischen und spanischen-Worten. wie ste ihm die innigsten, die drängendsten erschienen; und immer höher wallte sein Herz auf, stehe, da erhob de stch m den

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