Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 3 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 2)
- Language
- German
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10 I beschgtteten fein, nicht regelmäßige-, afctt doch interessantes. markiges Gesicht. Folgen wir ihm in seinen Gedanken. ..Der Mann war geboren in einer kleinen Stadt de» Großherzogthum» Posen. Sein Vater starb ihm in frü- Hefter Lindheit weg. seine Mutter mußte ihn ärmlich und kummervoll erziehen, aber sie wandte alle ihre Mittel an. um ihn frühzeitig zum jüdischen Gelehrten nach damaligen Begriffen — denn eS war noch gegen Ende de» vorigen Jahrhundert» — bilden zu lassen. Schon im vierten Jahre begann er Hebräisch zu lernen, und im fieben- . len stand da» begabte Lnäbchen schon vor einem Folianlen deS Talmud». Er begriff außerordentlich leicht, und bei seiner Bar Mizwah war er bereit» ein „Wobllerner". Minen in der Freude darüber starb seine Mutter, kin Obeim nahm sich seiner an; und schickte jhn nach Posen, wo er noch -einige Jahre, freilich unter den armseligsten Verhältnissen, Schüler eine» der größten Rabbinen feiner Zeit war. Al» seine Mutter, die ihn so golkesfürchtig. so fromm in den jüdische« Satzungen, aber zugleich voll HerzenSeinfalt erzogen, auf dem Sterbebette lag, da halte sie ibn zu sich gerufen, und mit erlöschender Stimme zu ihm gesprochen: ..Mein David, ich muß Dich allein lassen in der Welt, und ich sehe, e» wird Dir oft schlimm genug ergehen, Du bist ja eine arme Waise. Jndeß weiß ich auch, daß Du sicher zu einem guten Wege kommen wirst, wenn Du Eine» bleibst, fromm und gottesfürchlig. Ich habe wohl, gehört, 'wie die Leute draußen in der Welt, die Juden, meine ich, sehr gonlos geworden, und da wirft Du leicht verführt werden, dann bist Du verloren. Du sollst mir nicht» versprechen, denn wenn Du es dann brächest, so hältst Du doppelte Sünde. Aber bitten und beschwören will ich Dich, .unterlaß niemals Dein Gebet an den Allerheiligstrn. gelobt sei er. zu richten, und wenn Dich irgend eine Noch, elfte Gefahr betrifft, ehe Du Dich an Menschen wendest, erhebe Dein Auge und Dein Herz erst zu Gott, und er wird Bit helfen. Denk' an mich und wa» ich Dir gesagt habe, e» gehr sicherlich in Erfüllung . . ." Aber in Posen war ft schon nicht mehr wie früher. Die Blicke der Jugend hatten sich offen und heimlich nach außen gewendet, die talmuvischen Studien ballen in Vieler Augen Werth und Reizf cefto» ren, und profane» Wissen wurde al»^a» Höchste uft-, Erhabenste geschätzt. Man trieb es. wenn auch in verborgnem Winkel. Auch David fand bald Anleitung, und mit der ganzen Kraft seine» geweckten Kopfe» warf er sich auf deutsche Schriften. Er erwarb sich ganz schöne Kenntnisse, aber da sich dies bald verrieth und er selbst de» Zwan- > ge» überdrüssig ward, beschloß er —- nach Westen zu wandern. Er kam nach Deutschland. Der Talmudjünger wurde gut ausgenommen, und in einer bäyerschen Stadt erhielt der siebzehnjährige Jüngling eine Stelle al» Lehrer der Linder — Erzieher kann man nicht sagen — in einem behäbigen Hause. Man sah e» gern. al». der Lehrer nicht bei den religiösen Gegenständen sieben blieb, seine Zöglinge machten gute Fortschritte, und er selbst nahm noch bei Primanern de» dortigen Gymnasium» Unterricht, um mit dem. al» die Lrone der Gelehrsamkeit angestaunten Latein bekannt zu werben. Dieser Umgang blieb nicht ohne Folge. David, der vielen Spott über seine religiösen Uebangen von den unerfahrenen ^Scholaren erfuhr, 'wurde lar, bald zogen sie ihn auch in ihre., nicht fittenreinen Lreise, und David machte, meist au» Schwäche. Biele» mit. wa» seiner Seele Unschuld trübte. Die» konnte nicht verborgen bleiben, sein Prinzipal verbot ihm jede Gemeinschaft mit -den-Scholaren, David'» Selbstgefühl, wie bei jedem Autodidakten nicht gering. empörte sich, und e» kam zum Bruch. Er verließ nicht nur da» Hau», sondern auch die Stadt. Aber er halle sich verrechnet. Er mußte lange umherirren, ohne eine dauernde Stelle zu finden, denn gerade Leute seiner Art. diese Zwitter zweier so sehr verschiedenen Welten, waren damals nicht gesucht. Man wollte entweder einen Rebbe im alten Sinne, oder nahm einen chriMchea Lehrer. Eine Zeitlang war David auf dem Wege, den er eingeschlagen, fortge» ganzen, er hatte sich im Suchen nach ftemvem Gute fast verloren — da erwachte die innere Stimme; sie schuldigte ihn an, den Pfad der DLter verlassen zu haben, und schrieb im Angedenken seiner Mutter dem fein Unglück zu. Der Jüngling*nahm sich vor, zu veralten frommen Sitte zurückzukehren, in der nächst erreichten Stadt führte er e» au», unv siehe, da er den Rabbinen de» Orte» aufsuchte, wie sonst die Herberge, unv dieser ihm freundlich auf den Zahn gefühlt, wies er ihm alsbald, nachdem er Ihm bessere Lleivunz verschafft, ein ansehnliche», ja reiche» Hau» an, wo man seiner Dienste bevürfe. Er wurve al» Lehrer im Hebräischen für die Linder angenommen. Gewarnt durchs seine Ersahrunzeg hielt sich David ganz zurück; wa» nicht sein anständiges Benehmen,.seine reine Sprache von seiner bessern Bilvung verriet^ gab er nicht kund, er lebte eifrig seinen Psiichten, unv schien allein innerhalb feine» Lreises beschäftigt. -Er war ein schöner junger Mann ge» worven, d/m die strenge Lebensweise sehr wohl kleidete, den sein früher Ernst interessant machte.. Zu denen, die er unttrrichrete. gehörte auch vie schon ziemlich erwachsene Tochter des Hause», welche ver vor Lurzem wieder ftomm gewordene Vater jetzt nachbolen lassen wollte, wa» er früher versäumen lassen. Da unterblieb e» denn nicht, daß einst, al» das Mädchen in einem französischen Buche eine Stelle gar nicht lösen konnre, die ihr von ihrer Lehrerin aufgegeden war, unv sich darüber gegen David beklagte, dieser vom Augenblicke sich verleiten ließ, ihr die Stelle zu erklären. Da» Staunen de» Mädchens ging zur Bewunderung über, und da sie selbst sehr wißbegierig, so entspann sich b^ld zwischen den jungen Leuten ein, natürlich geheimes Verständnis, welche» aus dem Kopfe auch in daS Herz überging. Die Unglücklichen liebten sich, die Unerfahrenen wußten eS nicht lange einander zu verbergen, ach! und in der Wonne ihrer jugendlichen Seelen noch weniger Anderen zu verheimlichen. E» gab Aufpasser im Haust, die e» dem Vater hinterbrachten, dieser überraschte sie einst, als sie ein Paar Briefchen, Ergüsse ihre- Herzen», eintaufchten, wo die Feder aussagte, wa» der Mund zu sprechen nicht wagte — und David wurde mit Schimpf und Schande aus dem Hause gejagt. David vermochte sich ober von dem Fleck Erde, wo er ein so kurzes Gluck genossen, nicht zu trennen, er nahm.mit der kärglichsten Nahrung vorlieb, um nur von Zeit zu Zeit die zu sehen, welche fein ganze» Herz auSfüllte. der zu begegnen, deren Blick zum ersten Male seit so vielen Jahren voll Liebe auf ihm geruht. Der Vater erfuhr e», und — brachte «» durch seinen Einfluß dahin, daß David au» der Stadt verwiesen ward.