Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 3 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksvlatt. Aue Belehrung und Unterhaltung aus jüdischem Hebiete. HerauAgegebe» von . i Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon in Magdeburg. lRo. 3. 18SS.I v-n tiefer 3ett(*ri(r rrfArtiit »SLeaNick Hst Ku»«»r.' »fei« *N Jobt> gang! 1 Ibit. »itrifljibrlj 1»/> War. >»« *ad<baaehi8g«n. P-stL«ttr unb 3eitnn|fefr«bitwMen nebmrn bestell»»,»» «r. * I3.Zahrs. L ffiaartil] Wo ist wahre Humanität? Wer sie suchen will, findet sie oft genug in den uralten Gebeten der Juden. Wenn bei anderen Glauben»- Parteien auf diejenigen, welche nicht ihre» Glaubensirw, gebückt wird, dam Pflegt in der Regel, wenn sie nicht alhannäckige Ketzer unb Ungläubige verflacht werden, doch die Fürbitte allein darin zu bestehen, sie — zur Religion des Fürbittenden zu bekehren. Die Juden haben.ein Gebet, welchesie an den heiligsten Tagen, am Neujahrs» und Versöhnung-feste, in den geweihtesten und weihevollsten Stunden de» Jahres, beten, und zwar in jedem Gebetabschnitt wiederholen, und das so lautet: *sinv pi TT3i ,,Unb so lege Deine Furcht, Ewiger, unser Gott, auf alle Deine Werke. ftn!d Deine Ehrfurcht auf Alles wa» Du geschaffen, daß Dick) fürchten alle Wesen und Dich anbeten alle Menschen, ddß sie Alle zu Einem Bunde werden. Deinen Willen zu vollführen mir aufrichtigem Herzen, so wie wir es erkennen, Ewiger, unftr Gott, daß Dein ist die Herrschaft, die Macht in Deiner Hand und di« Stärke in Deiner Rechten, und Dein Name ehrfurchtbar über Alles, was Du geschaffen." Wo ist da die wahre Humanitär?, Rach de« Versöhimng-tage. Boa Ludwig Schräge. ' 3. i ,flennt Ihr nicht," hob der Vater am folgenden Abend an. „kennet Ihr nicht den langen, hagern Mann, der in dem schönen steinernen Hause wohnt, welches unserm Nachbaren link» am nächsten steht — man bekömmt ihn wenig zu sehen,! wenn nicht regelmäßig de- Tagezweimal auf dem Wege zur Synagoge, denn er ist der gewissenhafteste Beter! in der Gemeinde „Ja wohl!" tönt eihm von allen Seiten entgegen. „Obgleich er sehr ernst, ja verdrießlich ausfieht," fugte einer der Änaben hinzu, „ist er im Grunde fteundlich, und hat mir schon oft einen Apfel oder eium kleinen Kuchen geschenkt, nachdem er sich nach meiner Eltern Befinden erkundigt." „Ja, ftüher," bemerkte der Vater, „war er häufig bei un-, aber seitdem er den großen Verlust erlitten, und ihm sein einziges. Kind gestorben, bar er sich ganz zurückgezogen und lebt mitten in der großen Stadt wie eia Einsiedler. Doch von ihm will ich Euch Einigeerzählen. „Ich führe Eüch aber weit, weit von hier. Ihr müsset mir folgen über Land und Meer, bis in einm fernen Welttheil. Es ist ein finsterer, stürmischer, regnerischer Abend. Die Regenzeit war im Abnehmer!, und sollte bald aufhören; ober von Zeit zu Zeit braH fie mit desto größerer Wuth auf Stunden loS. E» ivqr dann kein Regen mehr. eS war ein Waffcrguß. der sofort durch alle Kleidung drang und von der durchnäßten Haut herabrann. Der Himmel hing wie ein schwarzer Mantel herunter, nicht die kleinste lichte Wolkenstelle an ihm. Bisweilen erhob der Wind sein Geheul, dann hörte der Regen eine Zeitlang aus, ohne daß jedoch jener den Himmel rein zu fegen vermochte. Dennoch war es auf den Straßen der kleinen merikamschen Stadt ParraS lebendig. Trvmmelschaü und Hörnerklang erschallten in denselben; bald klirrten die Schritte Bewaffneter^» Laternen und Feckeln liefen hin und her — denn Strastepbelruchtung kennt man tu Mrriko noch nicht — brr. kleine runde Markt mit der prächtigen Kirche der Santa Maria della Eoneeption war bald gefüllt und lichthell. Die Soldaten ordneten sich i» Reih und Glied und wurden aufgerufen; dann erschien ei« Oberofficier zu Pferde, er commandirte: „Rechtsum, marsch!" und der Nein« Trupp setzte sich in Bewegung. Bald war die Stadt verlassen, die Ordnung löst» sich auf und die Soldaten wateten mürrisch und schweigsam auf einem grundlosen Wege langsam vorwärts, «tuen Führer mit einer Fackel ay der Spitze, sonst in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Man flüsterte sich in die Ohren: der Feind sei in die ein« halbe Tagereise entfernte Stadt Monclova gedrungen, und es gelte jetzt, seinen Vortrupp aufzuhalten, bis der General Lavere herangerückt sei, de» man durch EUbotea benachrichtigt habe. Während dlk Soldaten unter oftmaligen Regengüsse« und auf durchweichtem Boden mühsam »orrückten, konnte« wohl ihre Gedanken sich nach fernen Gegenden und vergangne» Zeiten »ersetzen, und ihnen der dunkie Weg, der fie aus diesen bi» nach dem wilden Merikv geführt, im Geiste licht erscheinen, licht nicht, aber beleuchtet von der Fackel schmerzlicher Erinnerungen. Jndeß weiß ich nicht, ab es Dielen so erging, jedoch allerdings rimm hochaufgewachsenen Manne, der zwar erst in der Mitte der Zwanziger, aber doch ftüh gereift, ja fast gealtert erschien. Sein Wesen war entschlossen, fest, aber als berge er Vieles darin, waer gern dem Lichte de- Tagerntzdge, Trübniß, Trauer